100 Jahre Bauhaus | Interview mit Ines Weizman

Ines Weizman im Interview

Was ist mit dem Bauhaus passiert?

24. Januar 2019 | Text: Gregor Harbusch
Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten, 30 Sekunden

100 Jahre Bauhaus sind nicht nur ein Grund zum Feiern, sondern auch ein Anlass für kritische Forschung. Ines Weizman lehrt an der Bauhaus-Universität Weimar. Sie ist dieses Jahr Konferenzdirektorin des XIV. Internationalen Bauhaus-Kolloquiums und stellt gerade die Publikation „Dust & Data. Traces of the Bauhaus across 100 Years“ fertig. Im Interview mit FSB spricht sie über die Widersprüchlichkeiten der bekanntesten Kunstschule der Welt.

2019 jährt sich die Gründung des Bauhauses in Weimar zum 100. Mal. Das Jubiläumsjahr hat gerade erst angefangen, aber wir hier in Deutschland werden bereits überschüttet mit Publikationen, Ausstellungsankündigungen und Veranstaltungen. Sie lehren in Weimar und leben in London. Nimmt man auf der Insel das bevorstehende Jubiläumsjahr überhaupt wahr?
Ines Weizman: Sie sagen überschüttet, aber ich denke, es ist schon etwas ganz Besonderes für eine Schule, international so behandelt zu werden. Wir erleben ja eine wahre Renaissance. Archive wurden erschlossen, man hat neue Dokumente gefunden, Texte wurden übersetzt, und eine Menge Publikationen sind erschienen. Es geht ja auch darum, über die Migrationsgeschichte der Menschen und Ideen nachzudenken und sich zu fragen, was ist in der Zwischenzeit, in jenen 100 Jahren mit dem Bauhaus passiert. In London hat man sich vielleicht bereits 2012 mit der großen Ausstellung im Barbican etwas verausgabt mit dem Thema Bauhaus, die aber damals auch ein wirklich interessiertes Publikum anzog. Momentan läuft in der Tate Modern eine Ausstellung über Anni Albers, die sicherlich auch deswegen begeistert aufgenommen wird, weil Albers für den großen Sprung von Weimar zum Black Mountain College steht.

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Ines Weizman von der Bauhaus-Universität Weimar.
(Foto: Danalka)

London war auch Station für Exilanten, die Deutschland 1933 verlassen mussten.
Ines Weizman: Genau. Es gab in London einige wichtige Bauhäusler, die hier Station gemacht haben. In Großbritannien ist relativ unbekannt, wie viel Einfluss das Bauhaus auf die hiesige Design- und Architekturgeschichte hatte. Damit tut man sich bis heute in Großbritannien ein bisschen schwer, und es ist auch nicht immer leicht festzustellen, welchen Einfluss die Exilanten tatsächlich hatten. Was nur wenige wissen: Walter Gropius wurde 1935 eingeladen, das Bauhaus in London weiterzuführen. Aber das wurde nichts, weil man das Bauhaus als zu kurios und unenglisch wahrnahm. Gropius oder Marcel Breuer haben in London natürlich modern gebaut, aber viele andere deutsche Exilarchitekten und Architektinnen, die aus Deutschland kamen, haben sich in die britische Mischform aus Backstein und traditioneller Moderne integrieren müssen.

Wie sieht es in Weimar aus? Dort hat man ein wenig das Gefühl, dass das klassische Erbe alles dominiert.
Ines Weizman: Das Bauhaus ist wirklich an jeder Ecke präsent, und die Weimarer kennen es gut. Spannend ist natürlich Heike Hanadas neues Bauhaus-Museum. Durch den Neubau so nah am Gauforum wird ein Museumsquartier zur Topografie der Moderne entstehen. Das wird vielleicht auch die immer noch vorherrschende Naivität gegenüber der Moderne konterkarieren: Wir haben zum einen die Schönheit der Moderne, das Aufklärerische, das Neugierige, das Avantgardistische – und eben auch die Schattenseiten, die mit der Abstraktion, der Vervielfältigung und der Massengesellschaft einhergehen. An diesem Ort wird es sowohl um den Aufbruch, aber auch um das Grauen, das sich mit der Geschichte der Stadt verbindet, gehen. Wer aus dem Museum kommt, sieht sich direkt mit einer ganz anderen Realität der Moderne konfrontiert.

Das Bauhaus gehört zu den historischen Phänomenen, von denen man meint, alles schon zu wissen. Was sind für Sie als Forscherin die entscheidenden Punkte in der Auseinandersetzung mit dem Bauhaus?
Ines Weizman: Alle können etwas mit dem Bauhaus anfangen, aber jeder sieht es von einer anderen Seite. Das Bauhaus führt uns auf eine 100-jährige Geschichte – und die ist holprig. Es geht nicht nur um die Zeit von 1919–33, sondern auch um die Wirkungsgeschichte der Institution. Einerseits kann man sich im Detail mit den historischen Akteuren in Weimar, Dessau und Berlin beschäftigen, anderseits gibt es die Geschichten der Protagonisten, die sich in die Welt hinausbewegten, das Bauhaus mitnahmen und durch die verschiedenen politischen Systeme gingen. Manche wurden verfolgt, andere konnten ihre Ideen verwirklichen. Mal durfte das Bauhaus auftauchen, mal war es verpönt – und teilweise war es gefährlich, sich künstlerisch oder wissenschaftlich damit auseinanderzusetzen. In diesem Zusammenhang ist das Jahr 1976 ein ganz wichtiger Einschnitt, als das Bauhausgebäude in Dessau renoviert wurde. Das war in der damaligen DDR ein Zeichen, dass man sich mit dem Bauhaus wieder offen auseinandersetzen konnte. Trotzdem war man nie ganz sicher, welche Aspekte des Bauhauses man zelebrieren durfte. In der DDR fokussierte man beispielsweise auf den Wohnungsbau und die industrielle Vorfertigung. Das Avantgardistische interessierte weniger. Und auf keinen Fall durfte es zu viel um Walter Gropius und Mies van der Rohe gehen, die nach dem Krieg in den USA aktiv waren. Und auch mit Hannes Meyer, den zweiten Bauhaus-Direktor, konnte man sich lange Zeit nicht offen auseinandersetzen, da seine Geschichte in der Sowjetunion und in Mexiko auf keiner Seite des Kalten Krieges offen diskutiert werden konnte.

Immer wieder stehen die drei Direktoren Gropius, Meyer und van der Rohe im Rampenlicht. Meyer wird in letzter Zeit durch die Forschung neu diskutiert. Zwei der drei Türdrücker, die FSB in der „Bauhaus Trilogie“ als Redesign auflegt, stammen von Bauhaus-Direktoren. Der weltberühmte Gropius-Drücker besticht durch die Kombination von abgewinkeltem Vierkantstab und zylindrischer Griffrolle. Mies setzte auf eine organische Form und die charakteristische „Zeigefingerkuhle“. Wie hätte wohl ein Drücker von Hannes Meyer ausgesehen?
Ines Weizman: Von Meyer kennen wir die spartanischen Innenräume, insbesondere das 1926 publizierte Co-op-Interieur: ein absolut spartanisch eingerichteter Raum mit Grammophon, einer Pritsche und einem Regal, in dem man nichts richtig aufstellen kann. Ich denke, Meyer hätte vielleicht einen Drücker aus einem Guss gemacht, um die Massenfabrikation zu ermöglichen. Vielleicht hätte er auch einfach nur einen knob entworfen, einen simplen Drehknopf, der es auf den Punkt bringt. In der Benutzung wäre das nicht allzu bequem gewesen – ähnlich wie das Co-op-Interieur. Vielleicht hätte er auch die Notwendigkeit einer verschlossenen Tür in Frage gestellt. (lacht)

Welche Bedeutung hat das Bauhaus für eine Firma wie FSB heute?
Ines Weizman: Um nochmals auf Meyer zurückzukommen: Er wird in den meisten Erzählungen zum Bauhaus ausgelassen. Vielleicht liegt das – im übertragenen Sinn – auch daran, weil er keine Türklinke entworfen hat. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass er sich der großen sozialen Probleme seiner Zeit angenommen hat, etwa dem Siedlungsbau oder dem Problem der Gewährleistung guter Qualität für die Massen. Eine Firma wie FSB könnte vielleicht auch in diese Richtung denken.