20 Jahre Musikhochschule Stuttgart | She’s still got the rhythm

20 Jahre Musikhochschule Stuttgart

She’s still got the rhythm

2. September 2016 | Text: Iris Darstein-Ebner, Fotos: Andreas Körner
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20 Jahre und kein bisschen leise: Die Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart hat runden Geburtstag. Gefeiert wird der Wilford-Stirling-Bau unter anderem mit der Ausstellung „Wie es wurde, was es ist“, die bis Ende des Jahres in der Hochschule zu sehen ist. Sie erzählt mit Texten und Exponaten von der Entstehung des Gebäudes, der großen Architektenpersönlichkeit James Stirling – und der FSB-Klinke 1173.

Das schönste Geschenk an die Hochschule: Der Wunsch, sie möge in Würde altern, den ihr der Architekt James Stirling mit in die Wiege gelegt hatte, dieser Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Der Zahn der Zeit hat der kleinen Schwester der Neuen Staatsgalerie erstaunlich wenig anhaben können. Stattdessen haben die Jahre Hülle und Interior eine Patina verliehen, die die Lebendigkeit des Ortes noch unterstreicht. Wie eh und je erscheint die Hochschule ungezwungen und heiter: Junge Leute aus aller Welt bewerben sich jährlich zu Tausenden um die gerade einmal hundert freiwerdenden Studienplätze. Zu allen Tages- und Nachtzeiten beleben Musiker die Flure, nutzen sie zum Studieren und Diskutieren – begleitet von Klangfetzen und Gesangstimmen, die dann und wann aus den Konzertsälen und Übungsräumen dringen. Und mit rund 350 Musikveranstaltungen im Jahr ist das Gebäude an Stuttgarts Kulturmeile ein Haus, das niemals schläft.

1985 war es, als Manuel Schupp, frisch gebackener Architekturabsolvent der Zürcher ETH und begeistert von der gerade fertiggestellten Staatsgalerie, im Büro Stirling und Wilford anheuerte und bald darauf in die Planungen der Musikhochschule einbezogen wurde. „Eine gefühlte Ewigkeit“, so sagt der heutige Prinzipal von Orange Blu building solutions, dem Nachfolgebüro von Stirling Wilford Schupp, verbinde ihn mit dem Bau. Bewegte Jahre mit Planungshochs und -tiefs, in denen James Stirling als Entwerfer und als kluger Stratege das Bauprojekt durch schwierige Phasen steuerte – Stoff für viele Geschichten, die Schupp anlässlich des Jubiläums gerne erzählt. Eine Kostprobe? Bitte: Als in den 1980er Jahren in Stuttgart die sogenannte Hochhausdebatte losbrach, entschied sich Stirling dafür, den Konflikt einfach auszusitzen. Während die gesamte Bauherrenschaft von Meeting zu Meeting darauf hoffte, Stirling möge endlich mit einem finalen, moderateren Entwurf aufwarten, hielt dieser bewusst alle Beteiligten mit „Scheinentwürfen“ und endlosen Varianten hin. „Well, I’ll think about it“, war die diplomatische Antwort, die er auf Vorschläge der Gegenseite gab. So verflogen die Zeit und schließlich auch der Widerstand gegen den „Mini-Tower“.

Musikhochschule Stuttgart James Stirling 20 Jahre Turm

Der charakteristische Turm im Hof der Stuttgarter Musikhochschule

Heute umfasst der Turm als Herzstück des Gebäudes die öffentlichen Räume der Hochschule. Neben dem dreigeschossigen Konzertsaal mit 500 Sitzplätzen befinden sich im Rund auch ein Senatssaal mit umlaufendem Balkon und die zweistöckige Bibliothek. Sie beeindruckt vor allem mit meterhohen Regalen über zwei Etagen sowie einer gewaltigen Holzleiter. Wie ein überdimensionaler Streitwagen konzipiert, scheint sie Leonardo da Vincis Feder entsprungen und erschließt doch brav und zuverlässig, auf Schienen geführt, die riesigen Borde. Ein zweiflügeliges Glasdach sorgt im Sommer für eine natürliche Nachtlüftung und bringt viel helles, blendfreies Tageslicht in den Raum. Übrigens – was nur wenige wissen: Die Dachterrasse on top ist öffentlich zugänglich und bietet einen atemberaubenden 360-Grad Rundblick über die Stadt. Damit dies ein lauschiges Plätzchen bleibt: Nicht weitersagen!

Baumeister, Stratege, Kommandant, Moderator, Querdenker, oberster Handwerker: Nicht selten muss der Architekt viele Personen gleichzeitig sein. James Stirling war dazu in der Lage und für Manuel Schupp damit eine vorbildhafte Persönlichkeit. Da die architektonische Konzeption sehr mit der künstlerischen Arbeit eines Komponisten und Dirigenten verwandt ist, erschöpfte sich die Kompositionsarbeit Stirlings bei seinem postmodernen Entwurf nicht darin, neoklassizistische Architekturfragmente zu collagieren. Ganz im Gegenteil: Er bediente sich verschiedener Formen-, Farben- und Themenkanons aller Bauepochen und zitierte gar sich selbst, indem er Fragmente der benachbarten Staatsgalerie modifiziert in der Musikhochschule auftauchen ließ. So passt zum Beispiel der Durchmesser des Turms perfekt in die Rotunde der Staatsgalerie, wie der „Korken in die Flasche“ (Zitat Stirling). Dass sich der Kreis als Grundrissform für einen Konzertsaal prinzipiell nur wenig eignet, nahm er dabei in Kauf. Vom Akustiker mit mehreren Wandschichten im Zwiebelschalenprinzip sowie mit Schrägen und Kurven ausgestattet, ist schließlich auch aus diesem Raum ein brauchbarer Konzertsaal geworden. Beim Einsatz der zwölf Meter hohen, 4.500 Pfeifen umfassenden Rieger-Orgel und orchestraler Vollbesetzung sei er zugegebenermaßen zu laut, wie Schupp einräumt, doch müsse man bedenken, dass der Raum universell als Bühne für die Abschlussarbeiten aller Studenten taugen soll. Sei das nun Sprechgesang, Orgelspiel oder elektronische Musik. Und hierbei schlage er sich letztlich doch ganz gut.

Wie man als Gestalter Klang beeinflussen kann, damit müssen sich Architekten – je nach Bauaufgabe – durchaus auseinandersetzen. Aber: Kann die Farbgebung im Raum Töne verfälschen und damit gar den Musikgenuss schmälern? Stardirigent und Chef des Lucerne Festival Orchestra, Claudio Abbado, hatte beim Bau des dortigen Konzert- und Kulturzentrums offensichtlich diese Befürchtung. Während dem Architekten Jean Nouvel ein Farbkonzept für den Konzertsaal vorschwebte, plädierte Abbado für schlichtes Weiß. Und er stellte die Bauherren vor die Wahl: „Entweder Nouvels Farben oder ich“. Der Maestro siegte. Stirling, so scheint es heute, ist auf derlei Widerstand in Stuttgart nicht gestoßen. Oder er konnte ihn – wir erinnern uns an die Hochhausdebatte – geschickt brechen. Er nämlich holte die Farben von Pompeji in den schulischen Konzertsaal, um mit ihnen – wenn schon nicht den Klang – so doch dessen Bedeutung im Gesamtensemble zu heben und seine Atmosphäre zu beeinflussen. Einen Konzertsaal in Deutschland schwarz, rot und golden zu gestalten, war vom Briten Stirling keinesfalls ironisch gemeint: Vielmehr wollte er mit dieser Farbstimmung Fröhlichkeit und Festlichkeit erzeugen und den Turm damit als das zentrale architektonische Element im Gebäudeensemble charakterisieren. Deutlich hebt sich der Saal damit gegen die nüchternen Unterrichtsräume und die fast klösterlich anmutenden Übe-Zellen ab, die ausschließlich in Schwarz und Weiß gehalten und mit schlichten Holzböden ausgestattet sind.

Absolute Schalldichtheit zu garantieren, das war jedoch ein Thema, das so ziemlich jeden Raum im Haus betraf, in dem Musik gemacht, gesungen oder gesprochen wird. Egal, ob es sich dabei um den Raum für historische Tasteninstrumente, den Orgelraum mit Stuttgarts ältestem bespielbaren Instrument – einer venezianischen Orgel aus dem 18. Jahrhundert – oder einem der vielen anderen Räume handelt, in dem einer der insgesamt 150 Flügel oder elf Orgeln der Hochschule steht: Im Grunde, so Manuel Schupp, handelt es sich hier um ein „Haus im Haus“. So erstelle man beim Bau einer Musikhochschule zuerst den Rohbau, um danach Raum für Raum, wie „Schuhkartons auf „Gummifüßchen“, gegen Schwingung isoliert, in die Gebäudehülle einzustellen. Konzert-, Übungs- und Instrumentalräume sind somit allesamt vollständig abgekoppelt, es gibt keine Waschbecken, über deren Rohre Schall übertragen werden könnte. Als Heizkörper sind keine Platten-, sondern Röhrenradiatoren eingebaut und mit flexiblen Schläuchen statt mit Rohren angeschlossen. In den Fluren vermeiden so genannte Telefonie-Schalldämpfer, die in die Lüftungskanäle integriert wurden, die Übertragung von Luft- und Körperschall. Um Flatterechos zu vermeiden, sind die Raumdecken niemals plan, sondern immer gefaltet ausgeführt. Auch die Schrägstellung mindestens einer Längswand um sieben Grad optimimiert die akustischen Verhältnisse. Die Wände wurden unterschiedlich behandelt und können zusätzlich noch verändert werden – auf der einen Seite durch schwere Vorhänge, auf der gegenüberliegenden Seite durch eine Gipskartonvorsatzschale, die als so genannter Helmholtz-Resonator fungiert. Türen und Fenster entsprechen den höchsten Schallschutzklassen.

Ausstellung 20 Jahre Musikhochschule Stuttgart Vitrine Mini Tower

Zwei Ausstellungsvitrinen: Links geht es um das Streitthema des Turms.

Ausstellung 20 Jahre Musikhochschule Stuttgart Vitrine Farben Konzertsaal

Und rechts führt Manuel Schupp in den Farbkanon des Hauses ein.

Bei der Wahl der Materialien für die Innenräume setzten die Architekten auf robuste Hölzer wie Esche und Ahorn, die Selbstheilungskräfte des Naturmaterials Linoleum für Schreibtisch- und Möbeloberflächen oder Bodenbeläge aus strapazierfähigem Kugelgarn – kurzum auf Materialien, die es nicht übel nehmen, wenn sie stark genutzt werden. Im Gegenteil – durch ihre Patina – „veredeln“ die Gebrauchsspuren sie sogar. Festigkeit, Nützlichkeit und Schönheit, die Trias aus Vitruvs „Zehn Büchern über Architektur“, einem Jahrtausende alten Standardwerk zur Baukunst, beschreibt den Stoff, aus dem zeitlose Gebäude sind. Übertragen auf Materialentscheidungen heute – so Manuel Schupp –, lautet der Dreiklang Bedeutung, Langlebigkeit und Preis, den Architekten bei Baustoffen und Produkten zu gewichten haben. Sind diese drei im Einklang, können Gebäude ihr volles Potenzial entfalten, würdevoll reifen, im Alter vielleicht sogar noch an Schönheit gewinnen. Wie eine Stradivari, die mit jedem Spiel immer besser klingt, oder wie von Generation zu Generation weitergegebene Musikinstrumente, deren Tasten durch die jahrzehntelange Benutzung besonders schön glänzen.

Auch die in der Hochschule zu Hunderten eingesetzten Türklinken und Fenstergriffe von FSB – allesamt aus poliertem Edelstahl – verfügen über den Glanz „gespielter Instrumente“. Passenderweise interpretiert das Modell 1173 mit seiner Form die „Trompete“. Es basiert auf einem Entwurf des Architekten Ferdinand Kramer, der sie als Mitarbeiter des Frankfurter Stadtbaurats Ernst May in den 1920er Jahren für den sozialen Wohnungsbau entwarf. Ende der 1980er Jahre kam der Entwurf in das Sortiment von FSB und begründete dort einen regelrechten Edelstahlboom, denn FSB fertigte die Trompete mittels einer damals revolutionären Technik: Formen, die bislang nur gegossen werden konnten, ließen sich nun aus Edelstahl-Rundrohren, die mittels Druckluft geweitet wurden, herstellen. Korrosionsbeständig, langlebig, hygienisch und haptisch angenehm geht das Material nicht nur als Handschmeichler täglich durch viele Hände; die Hochschulklinke kommuniziert sogar mit den Nutzern im Haus – und das ganz ohne aufwändige Technik. Türklinken, die nach oben stehen, signalisieren: „Bitte nicht stören, wir machen Musik!“.