Architekturbiennale 2016 | Graft Architecture Activism

Architekturbiennale 2016

Graft: Dream. Design. Deliver

4. August 2016 | Text: Bettina Schürkamp
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„Gutes Design ist nicht ein Privileg der Ersten Welt“: Graft Architekten diskutierten anlässlich der Architekturbiennale in Venedig über ihr neues Buch „Architecture Activism“ mit Gästen aus Deutschland, Ghana und Mexiko. Bei der Podiumsdiskussion im Berührungspunkte Meetingpoint von FSB, Gira und Keuco zeigten Projekte wie „Solarkiosk“ (2009) und „Wohnsiedlungen in Namibia“ (2014) das Engagement der Architekten für progressives Design mit sozialer Verpflichtung.

Die diesjährige Hauptausstellung der Architekturbiennale „Reporting from the Front“ stellt eine große Bandbreite von Projekten mit sozialen Anliegen zur Diskussion. Mit der Präsentation des Buches „Architecture Activism“ in Venedig knüpften Graft an diese Debatten an. Sozialer „Aktivismus“ sei etwas, das fast jeden Menschen auf diesem Planeten angehe, stellte die Moderatorin Francesca Ferguson (Urban Drift) als Auftakt der Buchvorstellung im Palazzo Contarini Polignac, dem Berührungspunkte Meetingpoint, fest. Der Begriff „Architecture Activism“ sei zwar schon lange ein Anliegen des Architekturdiskurses, so Ferguson weiter, und doch würden immer neue Zustände der Dringlichkeit eine aktuelle Interpretation fordern. Mit plakativem Buchdesign und Slogans auf Postkarten und T-Shirts spannten die Graft-Gründungsmitglieder Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit in der Präsentation einen Bogen zu den Anfängen des „Architecture Activism“. Die Zerstörung von 134.000 Gebäuden in New Orleans durch den Hurrikan Katrina am 29. August 2005 war ein Anknüpfungspunkt, der bis heute in ihrer Arbeit nachwirkt.

Podiumsteilnehmer Joe Osae-Addo (Constructs LLC) berichtete von dem ungläubigen Staunen, als das Einladungsfax des amerikanischen Schauspielers Brad Pitt für eine Ausschreibung der „Make It Right Foundation“ in seinem Büro eintraf. Die von Pitt und Graft im Jahr 2007 gegründete Foundation habe wie ein „Weckruf“ dem stockenden Wiederaufbau von New Orleans eine neue Dynamik verliehen. Als Auftakt einer Spendenkampagne realisierten Graft Architekten die medienwirksame Installation „Pink Project“ für die „Make It Right Foundation“. Im Stadtteil Lower 9th Ward simulierten 150 Zeltkonstruktionen die Proportionen einer zukünftigen Wohnbebauung. Mit Blick auf eine zügige Realisierung von umweltfreundlichen Wohnhäusern leiteten Graft Architekten im Sommer 2007 als Kuratoren einen Workshop mit 21 internationalen Architekten. Hieraus entstanden 25 „Make It Right“-Designs, zu denen neben Entwürfen von Graft auch zwei Konzepte von Joe Osea Addo zählten. Bis heute wurden mehr als 100 Gebäude von der „Make It Right Foundation“ mit einem bezahlbaren Nachhaltigkeitsstandard errichtet.

Die erfolgreiche Verknüpfung von Architektur und Kampagnen setzt sich in weiteren Projekten von Graft fort. Mit dem Projekt „Solarkiosk“ sind die Architekten gemeinsam mit Mitgründer Andreas Spieß für eine saubere Gewinnung von Energie in den ländlichen Regionen von Afrika aktiv. Der von Graft entwickelte Basiskiosk „E-Hubb“ kann auch an schwierigen Standorten einfach aus vorgefertigten Elementen zusammengebaut werden. Heute ermöglichen über 120 „E-Hubbs“ in zehn Ländern mit ihren Photovoltaikanlagen einen Rund-um-die Uhr-Betrieb für über 800.000 Menschen und beleben so viele Dörfer. Mit der Beteiligung von Konzernen wie Coca Cola, Ericson, SES, Total oder der Siemens-Stiftung werden die Kioske heute zu Ekocentern mit Schulen, Business- und Gesundheitszentren erweitert, die auch in Flüchtlingscamps eingesetzt werden.

Die Zusammenarbeit mit der „Solarkiosk AG“ veranschaulicht die Bedeutung von präzisen Marktanalysen und kostenoptimierten Bauweisen für soziale Bauprojekte. Im Jahr 2013 beauftragte die KFW Entwicklungsbank Graft Architekten mit Entwürfen, um den dramatischen Wohnungsmangel in Namibia zu mildern. Mit einer effizienten Landausnutzung und reduzierten Bau- und Betriebskosten sollen 30 Prozent der bisherigen Ausgaben eingespart werden. Wie in einem Baukastensystem können die Haustypen zu Stadtquartieren mit einer dichten gemischten Nutzung addiert werden. Stufenweise wachsende Gebäude sind zentral für den Aktivismus von Graft. Die Architekten sind zwar für parametrisches Design bekannt, stellen bei diesen Wohngebäuden aber lokale Materialien und Bauweisen in den Mittelpunkt. So werden vor Ort ein Wissenstransfer und neue Arbeitsplätze ermöglicht.

Architecture Activism Graft Buch Venedig Architekturbiennale

Das Buch „Architecture Activism“ wurde im Berührungspunkte Meetingpoint im Palazzo Contarini Polignac mit einer Podiumsdiskussion vorgestellt. (Foto: Graft)

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Die Graft-Gründungspartner (v.l.) Thomas Willemeit, Wolfram Putz und Lars Krückeberg bei der Preview ihres Buches „Architecture Activism“ in einem Palazzo am Campo Santo Stefano in Venedig. (Foto: Bettina Schürkamp)

Mit dem Projekt „Heimat2“ für Flüchtlingsunterkünfte erkunden Graft Architekten, inwieweit die Erfahrungen aus New Orleans und Afrika auf Deutschland übertragen werden können. Doch sind Behörden und Bauwirtschaft bereit für integrierte Architekturprozesse, die auch in die Bereiche Organisation, Ressourcen und Kapazitäten hineinwirken, fragte Moderatorin Ferguson in die Runde. Für Ute Weiland, stellvertretende Geschäftsführerin der Alfred-Herrhausen-Stiftung, reichen die bisherigen Anstrengungen nicht aus. Architekten, Investoren, Behörden und Initiativen müssten ihre Komfortzonen verlassen und enger zusammenarbeiten. Weiland hofft, dass von dem 2015 begonnenen Programm „Urban Xchanger“ in Berlin, São Paulo, Mexiko-Stadt, Kapstadt und Neu-Delhi neue Impulse ausgehen. Für Architektin Rozana Montiel Saucedo aus Mexiko, die an diesem Programm mitwirkt, muss vor allem der Konflikt zwischen der „Top-Down“-Methode des Investments und der „Bottom-up“-Struktur des Aktivismus‘ überwunden werden. Mit ihren Projekten wird nicht nur die Versorgung der Bevölkerung verbessert, durch Wanderungen und Installationen entsteht auch ein neues Bewusstsein für die Stadt. Diese enge Verknüpfung von lebenspraktischen Anliegen und kulturellen Phänomenen charakterisiert auch den „Architecture Activism“ von Graft, die mit ihrem Buch den Schritt zum Aktivist-Unternehmer unterstützen. Ihr Leitmotiv „Dream. Design. Deliver“ motiviert Menschen, nicht auf Lösungen zu warten, sondern selber Träume mit einem Sinn für Gemeinschaft in einem prägnanten Design zu verwirklichen.