Architekturbiennale 2016 | Making-of

Architekturbiennale 2016

Making-of: Abfall, der bezaubert

1. Juli 2016 | Text: Carmen Wolf
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14 Kilometer Stahlprofile, 10.000 Quadratmeter Gipskartonplatten, insgesamt 100 Tonnen Abfall: Das war das materielle Erbe der Kunstbiennale 2015 in Venedig. 2016 hat der Abfall eine zweite Chance bekommen: Alejandro Aravena hat daraus zwei fantastische Eingangsräume für die aktuelle Architekturbiennale eingerichtet.

Die Hauptausstellung der Architekturbiennale ist das zentrale Statement der Schau und verteilt sich unter dem Titel „Reporting from the Front“ auf zwei Standorte: auf den Zentralpavillon in den Giardini und auf die ehemaligen Corderie auf dem Gelände des Arsenale. Der diesjährige Biennale-Kurator, der Chilene Alejandro Aravena, und sein Team haben an beiden Standorten jeweils einen Eingangsbereich selbst gestaltet, in Form eines Making-of ihrer Ausstellung – dieser Teil hat mich bezaubert und tief beeindruckt. Sie hatten – getreu ihrer Auffassung, man müsse Architektur heute nachhaltig denken und angehen – die Idee, den Raum mit dem Material der Einbauten aus der vorangegangenen Kunstbiennale zu gestalten. Was sie aus unglaublichen 100 Tonnen Abfallmaterial, bestehend aus 14 Kilometern Stahlprofilen und 10.000 Quadratmetern Gipskartonplatten, gemacht haben, ist fantastisch.

Für die beiden Rauminstallationen wurden die Gipskartonplatten gebrochen und in unregelmäßigen Längen, mit der Bruchkante nach vorn liegend umlaufend bis zu einer Höhe von etwa 2,20 Meter vor den bestehenden Backsteinwänden aufgeschichtet. Im Arsenale führt ein kurzer, niedriger, schwarz ausgekleideter Korridor direkt vom Eingang in den Raum. In die Gipskartonstapelwand integriert sind mehrere Miniaturmonitore, auf denen Kurzfilme zur Entwicklung der Gesamtausstellung und der Entstehung der Installation selbst gezeigt werden. Die Metallprofile wurden an Bewehrungsmatten gebunden und über die gesamte Fläche hinweg von oben weit in den Innenraum hineingehängt. Die Beleuchtung erfolgt über mehrere Lichtquellen, die knapp unter der Decke zwischen den Metallprofilen montiert wurden. Das sind die materiellen Fakten. Die emotionale Wirkung auf den Besucher geht weit darüber hinaus.

Vier bestehende, teilweise noch verputzte, massive Backsteinstützen stehen dicken Baumstämmen gleich im Raum. Unter der Decke verschwinden sie in der Metallkrone. Das Stahlblattwerk schimmert leicht im kalten, tageslichtähnlichen Kunstlicht und wirft spielerisch ein abstraktes Licht- und Schattenspiel auf den Boden. Man sieht und spürt förmlich, wie sich die Mittagssonne durch das dichte Blattwerk drängt. Über diesem großen Garten liegt angenehmer Schatten. Man hätte Lust, eine Decke auszubreiten, sich unter die mächtigen Bäume zu setzten und bei einem kühlen Glas Wein in den Tag hineinzuträumen.

Reporting from the front Architekturbiennale 2016 Arsenale Aravena Venedig

Weitere Eindrücke vom Making-of-Raum im Arsenale (Foto: Carmen Wolf)

Reporting from the front Architekturbiennale 2016 Arsenale Aravena Venedig

(Foto: Carmen Wolf)

Auf der einen Seite demonstriert Aravena dem Besucher, wie viel Müll beim Ausstellungsmachen entstehen kann und stellt die Frage: Wie viel muss sein, wie viel ist verträglich und zumutbar? Auf der anderen Seite führt er vor, welch wunderbare Räume sich mit vermeintlich nutzlos gewordenem Material erschaffen lassen. Dabei gelingt es ihm, aus dem kompletten Repertoire dessen zu schöpfen, was Architektur sein kann und sollte. Architektur sollte einfach und selbstverständlich, sinnlich und mit Poesie belebt sein – mit dieser Installation ist mein persönlicher Anspruch erfüllt.

Erfahren Sie mehr über Alejandro Aravena, den Kurator von „Reporting from the Front“, im Porträt im FSB-Blog.