Architekturbiennale 2016 | Niederländischer Pavillon: Blue

Architekturbiennale 2016

Niederländischer Pavillon: Blue

8. Juli 2016 | Text und Video: Bettina Schürkamp, Fotos: Iwan Baan
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UN-Friedensmissionen in Afrika als urbanes Phänomen: Die Architektin und Kuratorin Malkit Shoshan erforschte das hermetisch gesicherte „Camp Castor“ in Mali und zeigt in der Ausstellung „Blue“, wie aus UN-Basen vernetzte „Sharing Spaces“ werden können.

Der niederländische Pavillon erstrahlt in diesem Jahr in einem sphärischen Blau, das sich wie ein Schleier der Zuversicht über Fotos, Karten und Modelle von 170 UN-Friedensmissionen in Afrika legt. Während in vielen anderen Pavillons sich die Architekturkonzepte drängen, betreten die Besucher hier ein weiträumiges Panorama der internationalen Diplomatie. LED-Lichtpunkte auf der Rückwand markieren UN-Standorte auf Landkarten, die im azurblauen Halbdunkel wie ein Sternenhimmel blinken. Die meditativen Klängen des nigerischen Musikers Abdallah ag Oumbadougou, der als Vater des „Tuareg-Blues“ Rock und traditionelle Musik kombiniert, stimmen die Besucher auf das Leben am Rande der Sahara ein. Künstliche Palmen und eine Sandfläche in der Mitte des Pavillons runden die Inszenierung einer afrikanischen Wüstenoase ab. Erst auf den zweiten Blick entpuppt sich die Ausstellung „Blue“ als detailreiches Forschungsprojekt zum Städtebau von UN-Camps für die internationale Friedensmission MINUSMA, das im Januar 2016 auch im UNO-Hauptquartiert in New York ausgestellt wurde.

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Schon von weitem sichtbar: Der Niederländische Pavillon in den Giardini ist mit blauem Tarnnetz verhüllt.

Im Jahr 2013 wurde mit der UN-Resolution 2100 die Multidimensionale Integrierte Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali (MINUSMA) gegründet, an der sich auch die Niederlande und Deutschland beteiligen. Über 90 Prozent der rund 11.200 UN-Soldaten werden von afrikanischen Ländern entsandt. Viele der 650 deutschen Aufklärungskräfte sind im niederländischen „Camp Castor“ in Gao stationiert. Sie stellen Drohnen und Spähpanzer für die Überwachung des dünn besiedelten, aber gefährlichen Nordens von Mali bereit. Im Rahmen ihres Forschungsprojektes, das das niederländische Verteidigungs- und Außenministerium wie auch das Het Nieuwe Instituut in Rotterdam unterstützten, besuchte die Kuratorin Malkit Shoshan das UN-Archiv in New York und im März 2016 als „Design Adviser“ das „Camp Castor“ in Gao. Die Stadt Gao ist mit 85.000 Einwohnern und einem kleinen Flughafen ein Verkehrsknotenpunkt des Transsahara-Handels und ein Treffpunkt der internationalen Flüchtlingsströme. Um Gao herum haben die Vereinten Nationen neben dem „Camp Castor“ noch ein „Super Camp“ und ein chinesisches Camp errichtet, die zusammen etwa so groß wie ein Drittel des eigentlichen Stadtgebiets sind.

In der Ausstellung „Blue“ zeigen Filmsequenzen, wie am Rande der Sahara das „Blaue Volk“ – die Tuareg sind bekannt für ihre indigofarbende Kleidung – und die „Blauhelme“ mit ganz unterschiedlichen Lebensweisen aufeinander treffen. Die Camps für die UN-Friedensmission MINUSMA entstanden aufgrund der gefährlichen Lage in Mali aus einer militärischen Logik heraus und wurden bisher von Militäringenieuren geplant. Die Soldaten sind außerhalb des Camps immer durch improvisierte Sprengfallen und Minen gefährdet – bislang kamen über 70 Menschen auf Seiten der UN-Kräfte zu Tode. Tägliche Bedrohungsanalysen und mögliche feindliche Übergriffe bestimmen die Erscheinung des 500 mal 600 Meter großen „Camp Castor“, das in nur wenigen Monaten Bauzeit im planierten Wüstensand entstand. Aus Seecontainern und den Frachträumen großer Transportflugzeuge heraus entfalteten sich industriell vorgefertigte Bauelemente zu einer städtebaulichen Struktur, die sich kaum in die örtlichen Gegebenheiten einfügt. Wie selbstversorgende Inseln sind die abgeschotteten Camps mit leistungsstarken Brunnen, Energiegeneratoren und Krankenhäusern ausgestattet, die in ihren Standards weit über der Versorgung der regionalen Bevölkerung liegen.

Die Kuratorin und Architektin Malkit Shoshan rückt diese unwirklichen Orte in den Mittelpunkt einer städtebaulichen Diskussion und erforschte mit Unterstützung von UN-Einrichtungen die geschichtlichen Hintergründe. Diagramme und Fotos auf dem Boden und an den Wänden des Pavillons veranschaulichen, wie sich das Phänomen Krieg im 21. Jahrhundert grundsätzlich verändert hat. Während bis zum Ende des Kalten Krieges nationale Grenzkonflikte im Mittelpunkt standen, tragen heute multinationale Koalitionen und kriminelle Netzwerke kriegerische Handlungen mitten in die afrikanischen Städte hinein. Auf der Basis ihrer intensiven Beschäftigung mit den Strukturen der Camps wie auch der lokalen Situation wählte Shoshan drei methodische Ansätze für ihre Studie aus. Zunächst werden durch eine systematische Forschung die räumlichen Herausforderungen sichtbar gemacht. Eine praktische Herangehensweise verbessert die Lebensbedingungen der lokalen Bevölkerung. Ergänzt werden diese zwei Aspekte durch eine kritische Analyse der kulturellen Rahmenbedingungen, um so die Transformationen in der traditionsbewussten Gesellschaft zu reflektieren und den interkulturelle Austausch zu unterstützen.

Als Ergebnis der Zusammenarbeit schlägt die Kuratorin einen Vier-Stufen-Plan für die Transformation von UN-Camps in „Sharing Spaces“ vor. Noch vor der Errichtung eines UN-Camps könnte die Interaktion zwischen den UN-Kräften und der lokalen Bevölkerung gestärkt werden. Die UN-Organisationen sollten sich von Beginn an durch einen Wissenstransfer und lebenspraktische Unterstützung in vielen Bereichen hilfreich zeigen. Malkit Shoshan empfiehlt, dass bereits in der Planungsphase Versorgungseinheiten wie Krankenhäuser, Restaurants, Generatoren und Brunnen möglichst am Rand von Camps angeordnet werden, so dass diese auch von der örtlichen Bevölkerung genutzt werden können. Die Randzonen des Camps entwickeln sich so zu einem Interface für eine enge Interaktion mit der Öffentlichkeit. Für eine langfristige Friedenssicherung sollten die Versorgungseinheiten nach Abschluss der Mission nicht abgezogen, sondern von der Stadt weiter benutzt werden. Während des Betriebs eines UN-Camps könnten UN-Kräfte und die Stadt von einer attraktiven Zone der Begegnung mit Geschäften, kulturellen Institutionen und Bildungseinrichtungen zur Selbsthilfe profitieren. In ihrem vierteiligen Modell erläutert die Kuratorin die schrittweise städtebauliche Verzahnung von lokalen und internationalen Strukturen, die auch die Umweltbelastung des UN-Einsatzes einbezieht. Nach Abschluss der UN-Mission sollte das UN-Camp an die lokale Bevölkerung so übergeben werden, dass es sich nahtlos in die städtische Struktur einfügt.

Der niederländische Pavillon

Ganz in blaues Licht getaucht: der niederländische Pavillon.

Afrika Karte UN Friedensmission

Übersicht über die UN-Friedensmissionen in Afrika, die zurzeit in 170 Städten mit UN-Camps den Friedensprozess sichern. (Illustration: Irma Boom)

Das Forschungsprojekt von Malkit Shoshan wurden schon vor der Präsentation in Venedig von einem regen diplomtischen Interesse begleitet. Ein Höhepunkt war die Präsentation und Ausstellung des Projekts am 26. Januar 2016 im UNO-Hauptquartier in New York. Bert Koenders, der niederländischer Außenminister, hatte die Kuratorin eingeladen, mit ihm gemeinsam an einer UN-Sitzung teilzunehmen. Bei der Eröffnung der Ausstellung „Blue“ in Venedig würdigte General Tom Middendorp, Oberbefehlshaber der niederländischen Streitkräfte, die Ergebnisse des Forschungsprojekts aus Sicht der UN-Truppen. Mit Blick auf die instabile Situation in Mali sei eine starke militärische Präsenz für den Erfolg von MINUSMA im Moment unerlässlich. Dennoch könnten zukünftig in einem vernetzten Ansatz ― auch „3D Comprehensive Approach“ genannt ― Militäringenieuren, Anthropologen, Ökonomen, Architekten und die lokale Bevölkerung partnerschaftlich den Bau von UN-Einrichtungen unterstützen. Malkit Shoshan knüpft mit ihrem Konzept an die 3D-Faktoren „Defence, Diplomacy, and Development“ an und ergänzt sie durch Design als „viertes D“. Im Rahmen ihrer „UN-Sharing Spaces“ ist Architektur als Katalysator für eine 4D-Vorgehensweise angedacht, die durch Design das Leben der Bevölkerung nachhaltig verbessert.

Interview mit Guus Beumer, Direktor des Het Nieuwe Instituut, Rotterdam (Filmlänge: 10 Minuten)