Architekturbiennale 2016 | Reporting from the Front Arsenale

Architekturbiennale 2016

Eine Ausstellung verleiht Flügel

17. August 2016 | Text: Carmen Wolf, Fotos: La Biennale
Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten, 40 Sekunden

Der rote Faden, den Alejandro Aravena durch seine Hauptausstellung „Reporting from the Front“ gespannt hat? Das Thema Nachhaltigkeit. Alle Arbeiten, die zur diesjährigen Architekturbiennale im Arsenale und im Zentralpavillon gezeigt werden, behandeln Facetten der Nachhaltigkeitsdiskussion in der Architektur – das aber auf ganz unterschiedliche und oft auch überraschende Weise.

Im Zentrum der Überlegungen zur Nachhaltigkeit stehen stets ökologische, wirtschaftliche und soziale Aspekte. „Die Grundidee basiert (…) auf der einfachen Einsicht, dass ein System dann nachhaltig ist, wenn es selber überlebt und langfristig Bestand hat.“ (Peter Carnau, zitiert nach Lexikon der Nachhaltigkeit). Alejandro Aravenas Interpretation liest sich vielschichtig und differenziert, baut im Grunde aber auf diesem Grundgedanken auf. Er zeigt viele weiterführende Ansätze und veranschaulicht, auf welch mannigfaltige Art und Weise Nachhaltigkeit in der Architektur wirksam werden kann. Die Palette reicht vom Großprojekt, wie beispielsweise dem Museumsbau der Architekten Christ und Gantenbein in Basel, bis zu Strategiekonzepten für eine Region, wie etwa die Arbeit der chilenischen Architekten Grupo Talca für Pinohuacho; von Recherchen zur Optimierung von Tragstrukturen über die Wiederverwendbarkeit verschiedener Abfallprodukte als Zuschlags- oder Bewehrungsmaterial für Baustoffe bis zur natürlichen Farbpigmentierung einer Fliese – das ist „Building Knowledge“, wie es die indische Architektin Anupama Kundoo betreibt. Sie ist auch mit einer Präsentation im Arsenale dabei.

Christ und Gantenbein zeigen im Arsenale einen großformatigen Bildband über ihr Basler Museumsprojekt. Das Buch erzählt von der Auseinandersetzung der Architekten mit der Frage, mit welchen Konstruktionen und Materialien sich ein Gebäude erstellen lässt, das nicht für die Ewigkeit gebaut ist, aber ausreichend solide für viele Jahrzehnte sein sollte. Als eines der Vorbilder diente das Pantheon in Rom. Das Museum ist ein massiver Block aus Beton und Klinker, gepaart mit Ausbauelementen aus verzinktem Stahl, Putz, Holz und Marmor. Beeindruckend sind die Verarbeitung und das Zusammenspiel der Materialien. Das Haus wirkt an jeder Stelle solide und unerschütterlich, aber auch frisch und im besten Sinne modern. Dieser Eindruck entsteht durch den gekonnten Umgang mit den Materialien, durch ihre Farbigkeit, Struktur, Proportion und Kombination. Beispielhaft dafür ist die Treppenanlage: Die großzügig angelegten Treppen, einschließlich ihrer Brüstungsinnen- und Oberseiten, sind aus feinstem Marmor. In einem wohltuenden Kontrast dazu stehen die etwas ruppig wirkenden Kratzputzwände und die Handläufe aus verzinktem Stahl. Alles zusammen ergibt eine überraschend ausgewogene Mischung aus mondäner Eleganz und funktionalistischem Pragmatismus.

Christ und Gantenbein sind bekannt für ihre markanten Entwürfe. Sie greifen gerne auf ältere Stilelemente und bewährte Bauprodukte zurück, um sie mit neueren Materialien und Formen zu mischen. Die Gebäude, die daraus entstehen, wirken geerdet und sinnlich. Einen vergleichbaren, wenn auch etwas weniger sensiblen Ansatz verfolgen die Vorarlberger Architekten Marte.Marte. Auch ihre Projekte strahlen diese Kraft, Beständigkeit und Wertigkeit aus; Qualitäten, die Jahrzehnte überdauern sollen. Im Arsenale zeigt das Brüderpaar fünf gegossene Betonwürfel, aus denen jeweils modellhaft Elemente eines ihrer Projekte herausgeschnitten sind, immer ergänzt um einen Film über das Projekt.

Das Büro ZAO/standardarchitecture um Zhang Ke wiederum ist in der Corderie vertreten mit An- und Zusatzbauten für einen „Da-Za-Yuan“, einen „big messy courtyard“ in Peking – in Form von Eins-zu-eins-Nachbauten und Modellen. Die Architekturen umfassen einen Raum und ergänzen, abgestimmt auf die jeweiligen Bedürfnisse, die Hof- und Wohnstruktur einer Nachbarschaft. Es entstehen neue Zusammenhänge, die das Gefüge neu ordnen und strukturieren. Zhang Ke hofft, durch das Projekt auf die Alt-Pekinger Stadtstruktur aufmerksam zu machen. Die Pekinger Bevölkerung soll die verbleibenden Altstadtgebiete als ihr kulturelles Erbe anerkennen, bevor die Quartiere der tobenden Bauwut zum Opfer fallen. Die Architekten agieren mit viel Engagement und Idealismus und halten dem Bauwahn Qualität und eine überzeugende Strategie entgegen.

Das Schöne an der diesjährigen Biennale ist, dass jede Arbeit eine Geschichte erzählt, die noch lange nach dem Besuch nachklingt. Der Beitrag der Architektengemeinschaft Grupo Talca hat mich besonders berührt. Grupo Talca entwickelte vor etwas mehr als zehn Jahren einen ökologisch orientierten Tourismusplan für die Region Pinohuacho in Chile. Beispielhaft für den Erfolg des Projekts steht die Geschichte des Holzbauers Pedro Vasquez. Sein Land war verwüstet durch einen Vulkanausbruch und das unkontrollierte Roden des Baumbestands, seine wirtschaftliche Lebensgrundlage zerstört. Die Perspektivlosigkeit in der Region hatte seine Söhne bereits in die Stadt geführt. Der Vater dachte daran, seine Heimat ebenfalls zu verlassen und ihnen zu folgen. Über zwei Jahre hinweg erarbeitete Grupo Talca zusammen mit der Gemeinde mit großer Sorgfalt Strategien, die den Wiederaufbau und die Stabilisierung des Ökosystems und der Region gewährleisten sollten. Vasquez hat seine Heimat nicht verlassen. Heute lebt und arbeitet er wieder mit seinen Söhnen in Pinohuacho. Im Arsenale erzählt ein berührender Kurzfilm die Geschichte des alten Holzbauers. Der „Viewpoint“, eine Konstruktion aus dem Holz der chilenischen Südbuche, gastiert stellvertretend für das Projekt am Kanal vor dem Arsenale als Aussichts- und Ruheplattform. Nicht nur Vasquez, die ganze Gemeinde entdeckte durch die Zusammenarbeit mit den Architekten den Wert und das Kapital der einzigartigen Naturlandschaft Pinohuacho neu.

Aus Aravenas Ausstellung nimmt man nicht unbedingt konkretes Handwerkszeug für den Architektenalltag mit. Sie stellt vielmehr eine Inspiration und eine Ermutigung dar, aus gewohnten Gedankenmustern auszubrechen und – ganz, wie es sich Aravena wünscht – sich stattdessen die Mühe zu machen, die Dinge aus ungewohnten, neuen Blickwinkeln zu betrachten und sich davon beflügeln zu lassen.