Architekturbiennale 2016 | Schweizer Pavillon: Incidental Space

Architekturbiennale 2016

Schweizer Pavillon: Incidental Space

7. Juni 2016 | Text: Jasmin Jouhar
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Die Schweizer! Da haben sie gerade ein Jahr zu früh den Gotthard-Basistunnel eröffnet, den längsten Eisenbahntunnel der Welt, in dem die Züge unter 2.000 Meter Gestein durchsausen. Mit Christian Kerez’ „Incidental Space“ zeigen sie in ihrem Pavillon in den Giardini nun auch noch ein Projekt, das nicht nur einzigartig ist auf der Architekturbiennale. Es ist zudem in einem derart komplexen Prozess entstanden, dass vermutlich alle anderen Pavillon-Auswahlkommissionen vorab dankend abgewunken hätten.

Schweizer Pavillon 2016 Christian Kerez Incidental Space Architekturbiennale Venedig

Aber nicht die Schweizer. Und deshalb füllt bis Ende November ein rätselhaftes Objekt die Sala di Pittura des Schweizer Pavillon, weiß und wattig wie eine Schönwetterwolke. Tatsächlich ist das amorphe Gebilde aber hart und hohl. Wer seine Schuhe auszieht, darf hineinklettern. Und findet sich wieder in einer Grotte, die nicht nur innen ebenso weiß ist wie außen, sondern auch in überirdischem Licht zu erstrahlen scheint. „Incidental Space“ ist eine Raumerfahrung. Und sehr erfrischend, weil gefühlt die einzige Präsentation auf der ganzen Biennale, die keine politische Agenda verfolgt, die keine Flüchtlinge behausen, Hilfe zur Selbsthilfe geben oder traditionelle Bauweisen wiederbeleben möchte. Christian Kerez wollte mit diesem Projekt Grundlagenforschung betreiben, Architektur anders denken.

Die Fakten: „Incidental Space“ ist eine selbsttragende Raumhülle aus einer 1 bis 4 Zentimeter starken, glasfaserverstärkten Betonschale, die aus einem experimentell hergestellten Gipsabguss gewonnen wurde. Hinter dem Attribut experimentell allerdings verbirgt sich ein aufwändiger Entwicklungsprozess, in dem Kerez analoge und digitalen Verfahren kombiniert hat – mit Unterstützung eines ganzen Teams aus Mitarbeitern, Informatikern und Statikern. Ausgehend von einer Reihe von handwerklichen Gipsabgüssen entstand ein Modell, das eingescannt und skaliert als Basis für die Schalungselemente diente. Die wiederum wurden je nach Komplexität CNC-gefräst oder 3D-gedruckt. Zusammengesetzt wurde die Installation schließlich aus den einzelnen Betonteilen über Wochen direkt im Pavillon.

Der springende Punkt des Projekts ist die Kombination der eigentlich gegensätzlichen Verfahren: „Eine derartige reiche, unberechenbare Formenwelt hätte man mit allein computergesteuerten Prozessen nicht schaffen können“, sagt Kerez in einem Interview mit der Schweizer Bauzeitung Tec21. „Wir wollten die neuen Technologien nutzen, aber ohne deren saubere Ästhetik, der man die Formensprache des Computer-Aided Architectural Design ansieht.“ Tatsächlich, die Formen und Oberflächen des Objekts sind viel zu komplex und abstrakt, um als modischer Look durchzugehen. Und zu selbstlos schön, um einem vordergründigen Zweck zu dienen. Kerez lässt mit seinem Projekt die Besucher irritiert zurück – anders als bei vielen anderen Biennale-Beiträge wird nichts erklärt. Aber mit „Incidental Space“ schenkt er uns auch die Gelegenheit zum Staunen. Für die Reise nach Venedig nehmen wir dieses Mal übrigens ausnahmsweise den Zug.

Mehr über das Projekt auf der Webseite der Zeitschrift Tec21.