Architekturbiennale 2016 | Time, Space, Existence

Architekturbiennale 2016

„Time Space Existence“

28. Juli 2016 | Text: Bettina Schürkamp
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Spektakuläre Ausblicke auf den Canal Grande inklusive: Die Ausstellung „Time Space Existence“ öffnet anlässlich der 15. Architekturbiennale die Innenräume von drei historischen Palazzi unweit von Venedigs „Hauptstraße“. gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner nutzen dieses außergewöhnliche Setting, um in der Ausstellung „future practice. practice future“ die Arbeit der 2008 gegründeten „Academy for Architectural Culture“ (aac) vorzustellen. Sie zeigen ihre Projekte gemeinsam mit mehr als 150 internationalen Architekten, die von acht Kuratoren ausgewählt wurden.

In den venezianischen Palazzi Bembo, Mora und Rossini bietet die Ausstellung „Time Space Existence“ zum zweiten Mal für über 150 internationale Architekturbüros und Hochschulen eine Plattform, um aktuelle Projekte zu präsentieren. Zeichnungen, Installationen, Modelle und Filme erobern jeden Winkel der Palazzi. Sie reichen von den repräsentativen Sälen des Piano Nobile bis zu den winzigen Nebenräumen im offenen Dachstuhl. Die Ausstellung wird vom European Cultural Centre (ECC) veranstaltet, das im Jahr 2014 mit Sitz in den Niederlanden gegründet wurde. Das ECC engagiert sich in Bereichen wie der Bildenden Kunst, Tanz, Theater, Musik und Literatur. Zahlreiche Sponsoren und internationale Partner wie auch die Beiträge der Aussteller unterstützen die Aktivitäten des ECC. In der diesjährigen Ausstellung überrascht das Labyrinth von Räumen – hinter jeder Flurwindung mit immer neuen Architekturkonzeptionen aus sechs Kontinenten. Mit seiner ungezähmten Vielfalt bildet „Time Space Existence“ eine einnehmende Ergänzung zu den Präsentationen im Giardini und Arsenale.

Venedig Palazzo Rossini 2016 gmp Architekturbiennale Time Space Existence

Blick auf den Palazzo Rossini, einer der drei Schauplätze der Ausstellung „Time Space Existence“.

Der Ausstellungsteil im Palazzo Rossini am Campo Manin steht ganz im Zeichen der „Academy for Architectural Culture“ (aac), gegründet von Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg. Bei der feierlichen Eröffnung der Ausstellung im Innenhof des Palazzos mit viel politischer Prominenz sprachen die beiden Gründer über die Ausrichtung der Akademie. Ziel sei ein dialogisches Entwerfen, so von Gerkan, welches raum-, kultur- und wissensübergreifend agiere, um den großen Anspruch der Globalisierung in unserer Welt zu realisieren. Die Ausstellung in drei Räumen des Palazzo fasst die Tätigkeit von fast zweihundert Studierenden und über fünfzig Fachreferenten zusammen, die bisher an vierzehn Kursen mitgewirkt haben. Begriffe des Fragens, Antwortens und Agierens gliedern die Exponate, die statt eines lexikalischen Auswendiglernens eine Synthese des gebauten Lebensraumes anstreben.

Den Raum „Ask!“ betreten die Besucher durch ein kleines Holzhaus, das mit einer Messskala nicht nur an eine Pegelstation, sondern auch an baugeschichtliche Archetypen wie die Urhütte erinnert. Bunte Tafeln mit Fragen wie „Muss Architektur brennen oder Feuer löschen?“ bedecken die Wände. Die Kulturtechnik des Fragens umkreist so ein dynamisches Berufsbild, das Aspekte wie die Geschichte des Ortes, die Verbindung von Alt und Neu wie auch die nachhaltige Nutzung von Ressourcen erkundet. Der Raum „Listen!“ betont mit Zitaten von Fachreferenten wie Michael Schumacher und Volker Staab die enge Wechselwirkung zwischen dem Zuhören und Agieren im Entwerfen. Scheinbar ins Gespräch vertieft unterstreichen über 20 Pappfiguren im Raum „Listen!“ und die Portraits von Studierenden im anschließenden Raum „Act!“ die prägende Bedeutung von Architekturpersönlichkeiten für das Bauen.

Die Ausstellung „future practice. practice future“ rahmt mit einer Übersicht von ausgewählten acc-Workshops den diesjährigen Sommerkurs zum Thema „Vom Modul zum Stadtquartier – Case Study Houses für Berlin im 21. Jahrhundert“. Unterstützt von der Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher und der WBM Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte widmet sich der Entwurfsdialog einem vorgefertigten, modularen Bauen ohne Monotonie. So sollen die Chancen einer digitalen Planung und Fertigung 4.0 für eine Nachverdichtung im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg genutzt werden. Nicht fiktive Aufgaben, sondern Projekte mit realem Charakter ständen im Mittelpunkt der acc-Ausbildung, erläuterte von Gerkan die Projektarbeit der Akademie weiter. Im Palazzo Mora stellt die Ausstellung „European Cultural Centre Venice. Dialogisches Entwerfen zwischen Tradition und Moderne“ die vier Gruppenentwürfe des aac-Frühjahrsworkshops 2015 zu Diskussion.  Das European Cultural Centre plant, in den nächsten Jahren seinen Hauptsitz im Palazzo Mora einzurichten. Das Raumprogramm der acc-Machbarkeitsstudien umfasst Räume für Ausstellungen und Konferenzen, eine Bibliothek, ein Forschungsarchiv, ein Café sowie Flächen für Forscher und Künstler „in residence“. Die ausgestellten Entwürfe lenken über die Nutzungsperspektiven für den Palazzo Mora hinaus den Blick auf die vielen ungenutzten repräsentativen Bauten in der historischen Altstadt und auf den drohenden Verfall der Lagunenstadt.

Die Besucher des Palazzo Mora und Bembo erleben auf dem Weg durch die historischen Gebäude neben den Exponaten auch Spuren der fortwährenden Renovierungsarbeiten. Im Palazzo Mora bilden die Patina des Treppenhauses und die repräsentativen Säle im ersten und zweiten Stock einen kontrastreichen Rahmen für die ausgestellten Designobjekte, Architekturen und Städteplanungen. Universitäten runden mit Einzel- und Gruppenpräsentationen wie dem International Network of Urban Laboratories das vielfältige Ausstellungsspektrum ab. Während sich im Palazzo Mora die Exponate mit fließenden Übergängen in die Räume einfügen, sind im Palazzo Bembo viele Einzelpräsentationen zu sehen, die sich auf vielfache Weise mit der Enge der Räume auseinandersetzten.

Das Dortmunder Büro Gerber Architekten versetzt mit 3D-Renderings den Betrachter in die weiträumige Haram Intermodal Metrostation in Mekka in Saudi-Arabien, die wenige Schritte von der Kaaba 140.000 Menschen gleichzeitig fassen kann. Raumprojektionen der „luftigen“ Dachkonstruktion mit sich vielfach verschneidenden Kuppeln lösen die Dimensionen des begrenzten Ausstellungsraumes auf. Stenger2 Architekten und Partner hingegen zeigen in „fearless“ zum Greifen nah die mit Schutt gefüllten Hallen des 1990 still gelegten Gas-Versuchskraftwerks in München-Obersendling. Fotos aus dem Jahr 2011, kurz vor dem Beginn der Umbauarbeiten, beschwören ein „prozesshaftes Davor“ und ein empirisches Bauen mit einem ergebnisoffenen „Bauen-By-Doing“ herauf. Die Architekten rücken so zugunsten des Prozesses bewusst die Präsentation der bereits fertiggestellten Bauabschnitte in den Hintergrund. Die beiden Architekturbüros spiegeln die Spannweite der internationalen Ausstellungsteilnehmer wider, die von jungen Start-ups bis zu Unternehmen mit internationalen Niederlassungen reicht. In diesem dynamischen Feld zeigen die Räume von Denise Scott Brown mit „From Rome to Las Vegas ― Venice to Venice“ und von Peter Eisenman mit Archivmaterialien aus seinem persönlichen Bestand die historische Dimension der Architekturdebatten auf. In „Time Space Existence“ verschmelzen so Vergangenheit und Zukunft zu einem weltumspannenden Dialog, der mit spektakulären Ausblicken auf den Canal Grande auch Venedig in einem neuen Licht erscheinen lässt.