Architekturbiennale 2016 | US-amerikanischer Pavillon: The Architectural Imagination

Architekturbiennale 2016

US-amerikanischer Pavillon
The Architectural Imagination

20. Juli 2016 | Text: Bettina Schürkamp, Fotos: Salam Rida
Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten, 20 Sekunden

Detroit schaut zurück in die Zukunft. Drei Jahre nach dem finanziellen Bankrott im Juni 2013 ordnet sich die geschrumpfte Metropole neu und besinnt sich auf ihre Vergangenheit als Schrittmacher der Moderne. Der US-Pavillon stellt zwölf Architekturspekulationen für vier exemplarische Orte in Downtown Detroit zur Diskussion.

Eine hohe Kriminalitätsrate, riesige Industriebrachen und Brandstiftungen in leer stehenden Gebäuden prägen heute das Image von Detroit. In den 1920er Jahren das US-Zentrum der Automobilwirtschaft und die viertgrößte Stadt der Vereinigten Staaten, führte der Niedergang der Automobilindustrie zu einem folgenreichen Rückgang der Bevölkerung von 1,8 Millionen im Jahr 1950 auf rund 688.000 Einwohner im Juli 2013. Die Ausstellung „The Architectural Imagination“ im US-amerikanischen Pavillon plädiert mit zwölf Architekturspekulationen für einen Neuanfang an vier Standorte in Downtown Detroit. Inspiriert durch das Manifest „Stadt in der Stadt. Berlin: ein grünes Archipel“ aus dem Jahr 1977, entstanden Konzepte, die mit kühnen Visionen auf die Revitalisierung der Stadtquartiere aufmerksam machen. Im Anschluss an die Architekturbiennale in Venedig werden die zwölf Architekturszenarien im Februar 2017 im Museum of Contemporary Art Detroit ausgestellt und sollen in eine Bürgerbeteiligung münden.

Biennale 2016 Venedig Architektur Pavillon USA Detroit Mack Merril

Ausstellungsansicht aus dem US-amerikanischen Pavillon

Mit einer landesweiten Ausschreibung, an der 250 amerikanische Bewerber teilnahmen, wurden im Juli 2015 Architekturbüros aus ganz Amerika und der Metropolregion Detroit für die Ausstellung ermittelt. Die Kuratorinnen des amerikanischen Pavillons, Mónica Ponce de León und Cynthia Davidson, begegnen dem angeschlagenen Image der Stadt mit einem ambitionierten Architekturwettstreit, der weniger realisierbare Projekte ins Auge fasst, sondern die Möglichkeiten der Architektur als „Treibstoff“ eines urbanen Aufbruchs auslotet. Imagination und Ideenreichtum sollen zum Funken werden, der von spekulativen Architekturen auf die umliegenden Nachbarschaften überspringt. Auch wenn der begleitende städtebauliche Prozess mit Vorträgen und Gesprächen nicht in der Ausstellung gezeigt wird, verdeutlichen die im Foyer ausgestellten Postkartenmotive eines Fotowettbewerbs das wachsende Interesse der Bevölkerung an ihrer Stadt.

Eine elfköpfige Jury wählte vier Standorte aus, die einerseits die Zukunftspotenziale von Nachbarschaften wie Mexicantown aufzeigen und anderseits mit historischen Gebäuden wie der ehemaligen Packard-Autofabrik auf die bewegte Vergangenheit von Detroit verweisen. Im Mittelpunkt der „Zurück in die Zukunft“-Strategie der Kuratorinnen stehen neben der Stadtgeschichte auch Architekturkonzepte wie „Potteries Thinkbelt“ von Cedric Price (1964-66) und das städtebauliche Manifest „Die Stadt in der Stadt. Berlin: ein grünes Archipel“ (1977) von Oswald Mathias Ungers und Rem Koolhaas. Berlin in den siebziger Jahren sei – mit seinen von der Mauer umschlossenen Nachkriegsbrachen – ein inspirierendes Fallbeispiel für die Neuordnung von Detroit, erläutert Cynthia Davidson im Ausstellungskatalog „cataLog“. Es sei vorbildlich, wie diese Konzeption Orte mit Potenzial identifiziere und sie als „Inseln der Dichte“ individuell entwickle.

Auch Maurice Cox, seit Februar 2015 Stadtplanungsdirektor von Detroit, sieht darin einen Lösungsansatz, um  Stadtquartiere an strategischen Punkten zu stabilisieren, die in den nächsten Jahren mit vier- bis siebengeschossigen Wohnbebauung nachverdichtet werden sollen. Unter dem gegenwärtigen Bürgermeister Mike Duggan, so Maurice Cox, konzentriert sich die städtebauliche Erneuerung auf Nachbarschaften, in denen Menschen vor der Wahl stünden, ob sie bleiben oder gehen. Mit der Ausstellung „The Architectural Imagination“ solle die Wirkkraft der Architektur in diesem Erneuerungsprozess untersucht werden. Gutes Design verleihe dem Alltäglichen etwas Außergewöhnliches und Bedeutungsvolles, argumentiert Cox. Es gefalle den Menschen, oder es gefalle ihnen nicht – in jedem Falle sei es nicht unsichtbar.

Aufmerksamkeit scheint den drei Architekturspekulationen sicher, die für ein Industrieareal in Mexicantown im Südwesten von Detroit entwickelt wurden. Mack Scogin Merrill Elam Architects rücken mit ihrer städtebaulichen Analyse die physische, spirituelle und kulturelle Vielfalt der Nachbarschaft in den Mittelpunkt. Die Zuschauer blicken durch 3D-Brillen auf eine rhythmische Komposition, die das kollektive Gedächtnis der Stadt als fließende Geschichte visualisiert. In dem abstrakten Gefüge sind Funktionen wie Forschungs- und Dienstleistungszentren angedacht, die Unterhaltungselemente wie einen Dachgarten, eine Grotte und ein Kuriositätenkabinett umfassen. Im Vergleich zu dieser konzeptionellen Spekulation legt A(n)Office aus Detroit mit „Promised Land Air“ bereits eine konkretere Planung vor, die sich intensiv mit der Umweltbelastung durch die umliegenden Verkehrsadern auseinandersetzt. In ihrem Szenario siedeln sich neben dem kanadischen Konsulat auch emissionsarme Industrien und Wohnungen für Migranten an diesem Ort an. In wenigen Jahren wird die geplante Brücke Gordie-Howe-International als grenzüberschreitende Verbindung über den Detroit River nach Kanada fertiggestellt sein und neue Impulse im Quartier setzen.

Detroit Dollar General USA Biennale 2016

Motive des Wettbewerbs „My Detroit Postcard Photos“:
„Dollar General at Lafayette Park“ von Erik Herrmann (2015)

Detroit Michigan Central Station USA Biennale 2016

„Wedding Party, Michigan Central Station“ von Kevin Robishaw (2013)

Der Umfang der Spekulationen in Baumasse und Raumprogramm wirft Fragen auf, inwieweit solch umfangreiche Maßnahmen im wirtschaftlich angeschlagenen Detroit realistisch sind. Robert Fishman weist in seinem Text „Detroit and the Acceleration of History“ darauf hin, dass zwar die zentrale Stadt desaströs geschrumpft sei, die Metropolregion Detroit aber seit 1970 über eine stabile Bevölkerung von ungefähr 5 Millionen Einwohnern verfüge. Durch den Strukturwandel ließen viele prosperierenden Unternehmen ihre veralteten Standorte in Downtown Detroit zurück und errichteten in der Region moderne Produktionsanlagen, um die herum sich Facharbeiter mit hohem Verdienst ansiedelten. Das Pro-Kopf-Einkommen, so Fischerman, liege daher hier kontinuierlich höher als bei vielen Wachstumszentren wie Los Angeles, Portland oder Texas. Hieraus folgert Fishman, dass die Ressourcen für einen Neuanfang gegeben seien und auch eine bessere ethnische Mischung in greifbare Nähe rücke.

Interview mit Cynthia Davidson, einer der beiden Kuratorinnen des US-amerikanischen Beitrags.

Leer stehende Immobilien wie die ehemalige Packard-Autofabrik stellen mit ihrer enormen Ausdehnung die Stadt dennoch finanziell und programmatisch vor eine fast unlösbare Aufgabe. SAA/Stan Allen Architect nutzt die historische Konstruktion aus Stahlbeton als übergeordneten Rahmen, in dem kleinere Gebäudeeinheiten und Grünflächen als vertikaler botanischer Garten angeordnet werden. Für den Stadtbaudirektor Maurice Cox birgt gerade die Verbindung von Landschaft und Urbanität die einmalige Chance, eine zukunftsweisende Identität für Detroit in einem angemessenen Maßstab zu schaffen.

In diesem Sinne verdeutlichen die Entwürfe für die US Post Office am Detroit River nicht nur die Chancen, sondern auch die Risiken von großmaßstäblichen Architekturspekulationen. Über die Transformation des Postgebäudes hinaus planen die Architekten auch bauliche Interventionen in den West Riverfront Park, der als Eventfläche für beliebte Konzertveranstaltungen genutzt wird. Mit Blick auf die vielen Brachen in Downtown zeigt gerade diese Freifläche, dass die Spekulationen unverzichtbar in eine städtebauliche Rahmenplanung und ein übergeordnetes Grünraumkonzept eingebettet werden müssen. Im Frühjahr 2017 wird die Ausstellung des US-Pavillons in einen öffentlichen Prozess münden. Für die anstehenden Beteiligungsprozesse spannt „The Architectural Imagination“ ein vielfältiges Spektrum für die enge Interaktion von Architektur und Städtebau auf, das die Revitalisierung von Industriestandorten auch über Detroit hinaus bereichern kann.