Architekturbiennale 2018 | Kapellen | Beitrag des Vatikan

Architekturbiennale 2018: Beitrag des Vatikan


Frischer Wind aus Rom

12. Juni 2018 | Text: Bettina Krause, Fotos: Alessandra Chemollo
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Mehr als 150 Sakralbauten gibt es in Venedig – und zur Biennale sind elf weitere hinzugekommen. Erstmals ist der Vatikan dieses Jahr mit einem Beitrag beim größten Architekturevent der Welt vertreten und ließ dafür Architekten von Weltruf die „Vatican Chapels“ auf der Insel San Giorgio Maggiore errichten. In der idyllischen, zwei Hektar großen Waldoase mit uraltem Baumbestand und Ausblicken auf die Lagune reflektieren sie die Frage, wie die Kapelle des 21. Jahrhunderts aussehen könnte. Denn, so sagt der päpstliche Kulturbeauftragte Kardinal Gianfranco Ravasi, Entwürfe für Sakralarchitektur würden zu oft bereits Bekanntes kopieren.

Lord Norman Foster Chapel Kapelle Vatikan Vatican San Giorgio Maggiore Venice Venedig Architektur Biennale 2018

Der Beitrag des Briten Norman Foster, dem wohl prominentesten Architekten des Vatikan-Projekts.

Lord Norman Foster Chapel Kapelle Vatikan Vatican San Giorgio Maggiore Venice Venedig Architektur Biennale 2018

Seine filigrane Kapelle öffnet sich zur Lagune hin.

So vielfältig wie Herkunft und Kultur der Architekten aus Europa, Japan, Lateinamerika, USA und Australien sind auch ihre Projekte. Als Inspiration diente ihnen die schlichte Skogskapellet, die Erik Gunnar Asplund 1920 für den Waldfriedhof von Stockholm plante. Mit seinem kleinen Meisterwerk definierte Asplund die Kapelle als Ort der Orientierung, Begegnung und Meditation, der wie selbstverständlich aus seiner Umgebung zu erwachsen scheint. Die elf Kapellen des Vatikans passen sich ebenso perfekt und respektvoll in den weitläufigen Garten auf der Insel San Giorgio Maggiore ein, manche als Raum für den Besuch eines Einzelnen, andere für Gruppen gestaltet. Während einig die Leere und Einsamkeit zelebrieren, öffnen sich andere in ihrer Transparenz und verschmelzen mit der Umgebung. Wieder andere schaffen kleine geschützte, dunkle Nischen, manche wirken hingegen fröhlich und klar. Gemeinsam ist allen Projekten der unkonventionelle Ansatz und eine individuelle, kraftvolle Aura.

Zu den Highlights gehört die aus schlanken Holzbalken und einer filigranen Stahlstruktur geformte geometrische Kapelle von Norman Foster (London). Als kleinen „Zufluchtsort“ bezeichnet Foster selbst seinen Bau, der den Blick auf die Lagune führt. Mediterran und fast poetisch mutet dagegen die terrakottafarbene „Morning Chapel“ von Flores & Prats (Barcelona) an, deren hohes Fenster so positioniert ist, dass die ersten Sonnenstrahlen des Tages den kleinen Altar erhellen. Die Kapelle des Australiers Sean Godsell konzentriert den Blick der Besucher auf einen Ausschnitt des Himmels, der von den golden schimmernden Wänden des Kapellen-Turms gerahmt wird. Noch schlichter und auf das Wesentliche reduziert ist die Kapelle der brasilianischen Architektin Carla Juaçaba. Sie besteht aus vier verspiegelten Stahlstäben, die als schlichtes Kreuz, teils auf dem Boden aufliegend, teils aufgerichtet, einen Raum aufspannen und zugleich als Sitzbank dienen.

Sean Godsell Chapel Kapelle Vatikan Vatican San Giorgio Maggiore Venice Venedig Architektur Biennale 2018

Die Kapelle des Australiers Sean Godsell konzentriert den Blick der Besucher auf einen Ausschnitt des Himmels, der von den golden schimmernden Wänden des Kapellen-Turms gerahmt wird.

Sean Godsell Chapel Kapelle Vatikan Vatican San Giorgio Maggiore Venice Venedig Architektur Biennale 2018

Die großen Klappen an den vier Seiten des Turms können mechanisch geöffnet und geschlossen werden.

Was den Vatikan dazu bewegt hat, an der Biennale teilzunehmen wird nicht im Detail erklärt. Die inspirierten und inspirierenden Kapellen lassen die Zusammenhänge zwischen Architektur, Raum, Kunst und Glaube aus einer neuen Perspektive denken und gehören zum Besten, was dieses Jahr in Venedig zu sehen ist. Ein unerwartet frischer Wind scheint durch den Vatikan zu wehen, der kürzlich sogar gemeinsam mit dem MoMA an einer Ausstellung in New York gearbeitet hat. Die Katholische Kirche dürfte durch dieses stilsichere Engagement im kulturellen Bereich einen Imagegewinn verzeichnen – ob als Resultat einer neuen, weltlichen Offenheit oder geschickten Marketings, das verrät der Besuch auf San Giorgio Maggiore allerdings nicht.