Architekturbiennale 2018 | Schweizer Pavillon Svizzera 240 House Tour

Architekturbiennale 2018: Schweizer Pavillon

Absurdes Architekturtheater

8. Juni 2018 | Text: Jasmin Jouhar
Geschätzte Lesezeit: 2 Minuten, 20 Sekunden

Die Entscheidung der Jury war umstritten: Der Goldene Löwe für den besten Länderbeitrag der Architekturbiennale 2018 geht an die Ausstellung „Svizzera 240: House Tour“ im Schweizer Pavillon. Bloß unterhaltsamer Event und sonst nichts, tönte es. Unterhaltsam ist der Auftritt zweifellos, aber wer möchte, kann die Zimmerflucht in den Giardini auch als pointierte Kritik an der zeitgenössischen Schweizer Architektur verstehen.

Wer mag schon Wohnungsbesichtigungen? Interessenten werden eilig durch leere Räume geschleust und sollen binnen weniger Augenblicke rausfinden, ob diese Immobilie nun wirklich die richtige ist. Meistens fühlt sie sich ziemlich falsch an. Sie ist zu klein oder zu groß, zu teuer, zu dunkel, zu laut, schlecht gelegen oder einfach irgendwie nicht passend. Der Nächste, bitte! Dieses Gefühl des Nicht-Passens schafft auch die preisgekrönte Ausstellung „Svizzera 240: House Tour“ im Schweizer Pavillon, und zwar ganz buchstäblich. Das vierköpfige Kuratorenteam schickt die Besucher auf eine Tour durch typische Neubau-Wohnräume – nachgebaut zwar, aber voll ausgestattet mit Einbauküchen, Sockelleisten und Lichtschaltern. Die Wände sind weiß, auf dem Boden liegt Parkett. Trotzdem passt hier gar nichts, denn Alessandro Bosshard, Li Tavor, Matthew van der Ploeg und Ani Vihervaara von der ETH Zürich ist bei der Planung der Maßstab verrutscht. Die Türen sind entweder groß wie Garagentore oder so winzig, dass die Besucher sie bloß gebückt passieren können. Mancher Lichtschalter ist lediglich auf Zehenspitzen zu bedienen. In der einen Einbauküche kämen Zwerge gut zurecht, die andere dürfte eher Riesen gefallen. Menschen im Normalformat allerdings, die sind fehl am Platz im Schweizer Pavillon.

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Das Kuratorenteam des Schweizer Pavillons zur 16. Architekturbiennale in Venedig in der Ausstellung. Von links nach rechts: Alessandro Bosshard, Li Tavor, Matthew van der Ploeg und Ani Vihervaara.
(Foto: Christian Beutler / Keystone)

Trotzdem kommen die Besucher mit einem Lächeln aus dem Gebäude in den Giardini. Denn übergroße Lichtschalter und unerreichbaren Arbeitsplatten bieten nicht nur gute Motive für Instagram-Posts. Die Ausstellung macht die Besucher auch zum Komplizen beim Spiel mit den Größenverhältnissen. Hier wird man nicht informiert oder gar belehrt, hier darf man mitmachen bei einem absurden Architekturtheater, inklusive offenbar amüsanter Erfahrungen von körperlicher Unzulänglichkeit. Sogar eine Art Gemeinschaftsgefühl schafft „House Tour“, weil das ganze Ausmaß der Maßstabsverschiebung erst sichtbar wird, wenn man die anderen Besucher beim vergnüglichen Ausprobieren beobachtet. Die einen ebenfalls vergnügt beobachten – alle sind Zuschauer und Akteur zugleich. Der Schweizer Pavillon ist einer der großen Publikumslieblinge dieser Biennale, und schon alleine dafür hätte ihm der Goldene Löwe gebührt.

Doch der Beitrag bietet keineswegs nur vergnügliche Momenten. Er stellt – vielleicht erst auf den zweiten oder dritten Blick – jede Menge Fragen. Denn die falschen Maßstäbe verfremden das Alltägliche und bringen Selbstverständliches ins Wanken: Warum sind die Wände in unseren Wohnungen stets weiß? Genauso wie Türen, Küchenfronten, Fensterprofile und Sockelleisten? Warum begegnen uns in jedem Neubau die immer gleichen, standardisierten Formate und Komponenten? Fällt den Architekten nichts Anderes ein, oder bremsen die zahllosen Normen sie aus? Oder ist gar der Immobilienmarkt schuld, der nach dem generischen Produkt verlangt, das vermeintlich jedem passt? Und am Ende niemandem, weil diesen marktförmigen Architekturen das Individuelle völlig abgeht? Die Kuratoren haben sich die Interieurs ja nicht ausgedacht, sondern Fotografien nachempfunden, die sie auf den Webseiten Schweizer Architekturbüros gefunden haben. Die Gleichförmigkeit der Neubauwohnungen ist geradezu gespenstisch, wie eine Reihe von Beispielen im Ausstellungflyer zeigen. Kein Wunder also, dass viele Menschen lieber in einem schiefen, zugigen, hellhörigen, aber ungleich charmanteren Altbau wohnen möchten.

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Ausstellungsansicht „Svizzera 240: House Tour“ im Schweizer Pavillon zur 16. Architekturbiennale in Venedig.
(Foto: Wilson Wootton © Wilson Wootton, Alessandro Bosshard, Li Tavor, Matthew van der Ploeg und Ani Vihervaara)

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Ausstellungsansicht „Svizzera 240: House Tour“ im Schweizer Pavillon zur 16. Architekturbiennale in Venedig.
(Foto: Wilson Wootton © Wilson Wootton, Alessandro Bosshard, Li Tavor, Matthew van der Ploeg und Ani Vihervaara)