Ausstellung Begreifbare Baukunst | Grassi Museum Leipzig

Ausstellung „Begreifbare Baukunst“ im Leipziger Grassi Museum

Fass mich an!

19. Dezember 2016 | Text: Claudia Simone Hoff, Fotos: Esther Hoyer
Geschätzte Lesezeit: 2 Minuten, 45 Sekunden

Das Detail macht die Architektur. Nirgendwo zeigt sich das so schön wie beim Türgriff. Er hat eine praktische Funktion, denn er erschließt Räume. Er ist gestalterisches Element, das im Kleinen das große Ganze widerspiegelt. Eine Ausstellung in Leipzig zeigt die Bedeutung von Türgriffen in der Architektur – mit historischen und zeitgenössischen Exemplaren, die man anfassen darf.

Karl Friedrich Schinkel, Otto Wagner, Walter Gropius, Le Corbusier, Alvar Aalto, Alessandro Mendini, David Chipperfield, Jasper Morrison, Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton – die Liste illustrer Architekten und Gestalter ließe sich endlos fortführen. Sie alle haben eins gemein: Sie haben Türgriffe entworfen.

Schaut man sich um in der von FSB zusammengestellten Ausstellung „Begreifbare Baukunst. Die Bedeutung von Türgriffen in der Architektur“ im Leipziger Grassi Museum, dann wird schnell klar: Der Türgriff ist nicht einfach nur ein Gebrauchsgegenstand. Er ist ein Objekt, das für etwas Größeres steht, eine Architektur en minature sozusagen, die immer auch die Entwurfs- und Bauauffassung ihres Gestalters spiegelt. Dabei ist der Türgriff komplexer, als man gemeinhin denken mag, was seine Gestaltung zur Herausforderung macht. Er muss funktionieren, buchstäblich als Türöffner fungieren, soll gleichzeitig gut geformt sein und auf die ihn umgebende Architektur eingehen. Eines unterscheidet den Türgriff frappant von anderen architektonischen Elementen: seine unmittelbare Nähe zum Nutzer, der ihn täglich berührt. „Alles kann man sich vom Leib halten“, sagt der Architekt Hans Kollhoff, „nur die Türklinke nicht“. Und der Ulmer Gestalter Otl Aicher hat „vier Gebote des Greifens“ aufgestellt, die sich im Türgriff wiederfinden sollten: Daumenbremse, Zeigefingerkuhle, Ballenstütze, Greifvolumen.

Die Besonderheiten des Türgriffs – die Einheit von Optik, Haptik, Nutzen – stehen im Fokus der Ausstellung „Begreifbare Baukunst“. Sie gliedert sich in einen historischen und einen modernen Teil. Jedem Türgriff ist eine eigene Stele gewidmet. 31 sind es im Leipziger Grassi Museum insgesamt, allesamt Originale ihrer Zeit, so dass sich ein schöner geschichtlicher Abriss ergibt. Neben erhellenden Hintergrundinformationen zum Gestalter und dem jeweiligen Bauwerk, für das der Türgriff entstanden ist, steht das Gebrauchsobjekt selbst im Fokus. Auf eine Platte in Greifhöhe montiert, können die Türdrücker angefasst und ausprobiert werden. Unwillkürlich schießen einem Fragen in den Kopf, die die Essenz des Türgriffs spiegeln: Wie liegt er in der Hand? Lässt er sich schwer oder einfach hinunterdrücken? Spiegelt die Gestaltung die Handhabung wider? Welche Rolle spielt das Material? Was hat der Türgriff mit der Architektur zu tun? Welcher Türgriff ist mein Liebling und warum?

Doch es sind nicht nur diese Gedankenblitze, die einem durch den Ausstellungsparcours begleiten. Hier wird Architektur- und Kunstgeschichte ziemlich anschaulich erklärt: an einem kleinen Gebrauchsgegenstand. Den Auftakt zur Schau macht ein Türgriff von Karl Friedrich Schinkel, den er zwischen 1826 und 1829 für Schloss Charlottenhof in Potsdam entworfen hat. Mit seinen schwungvollen Blütenmotiven ist er noch ganz im Klassizismus verhaftet, während Joseph Maria Olbrichs 1900 für die Mathildenhöhe in Darmstadt entstandener Türdrücker durch die fließenden Linien des Jugendstils gekennzeichnet ist. In den zwanziger Jahren wird es minimalistisch, wie die Türklinke von Ludwig Wittgenstein steigt – ein einfacher, gebogener Stab. Doch egal, ob Jugendstil, Bauhaus, International Style oder Postmoderne: Es ist erstaunlich, wie sehr sich das gestalterische Denken einer Zeit in einem Detail manifestiert.

In diesem Reigen von Architekten, Gestaltern und Türdrückern passt es übrigens ganz wunderbar, dass im Grassi Museum Türdrücker von Hans Kollhoff zu finden sind – das Modell FSB 1163 aus Aluminium. Viele der in der Ausstellung gezeigten Türgriffe werden übrigens bis heute von FSB produziert. So kann es also sein, dass man sein Lieblingsstück aus der Ausstellung bald auch zuhause (be-)greifen kann.

„Begreifbare Baukunst. 
Die Bedeutung von Türgriffen in der Architektur
“
Bis 14. Mai 2017
Grassi Museum für Angewandte Kunst Leipzig

Zur Ausstellung gibt es auch ein gleichnamiges Buch mit vertiefenden Texten. Das Buch kann kostenlos bei FSB bestellt werden, E-Mail an wolfgang.reul@fsb.de genügt.