Ausstellung documenta 14 2017 in Kassel | Marathon der Kunst

Ein Rundgang über die documenta 14 in Kassel

Marathon der Kunst

12. Juni 2017 | Text: Hella Reber, Fotos: documenta 14
Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten, 40 Sekunden

Alle fünf Jahre macht die documenta Kassel zur Kunstmetropole. Die 14. Ausgabe der Großausstellung ist noch bis zum 17. September 2017 an vielen Orten in der nordhessischen Stadt zu sehen. FSB war vergangenes Wochenende zur Eröffnung da – lesen Sie hier, was besonders sehenswert ist und wie viel Athen in Kassel steckt.

„Being safe is scary“ prangt in großen Lettern an der Fassade des klassizistischen Museumbaus auf dem Kasseler Friedrichplatz. Die Künstlerin Banu Cennetoglu hat die Worte dorthin setzen lassen, normalerweise steht an dieser Stelle der Name des Museums: Fridericianum. Auch sonst ist vieles anderes bei der diesjährigen documenta. Das fing schon damit an, dass sie im April in Athen eröffnet wurde, und setzt sich nun in Kassel fort, zum Beispiel in den Hallen des Fridericianums selbst. Seit der ersten documenta im Jahr 1955 war das Museum der zentrale Ort der Großausstellung, die als die bedeutendste der Welt gilt, 2017 bietet sie einem musealen Austausch Raum.

Zu sehen ist die Sammlung des EMST, des Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst in Athen, das zur documenta erstmals seine Tore geöffnet hatte. Das EU-Spardiktat hatte einen regulären Museumsbetrieb verhindert, die Sammlung ist in Kassel nun erstmals zu sehen. Eigentlich eine schöne Geste, aber leider nicht viel mehr als das. Auch wenn einige der Arbeiten der Sammlung des EMST zu überzeugen wissen, wie etwa Costa Varotsos‘ zerbrochene, gläserne Flaggen oben im Turm, wirkt der Sammlungsüberblick mehr wie ein Fremdkörper im Gesamtkonzept. Tatsächlich war die Idee ursprünglich ja eine andere gewesen, eigentlich hatte Kurator Adam Szymczyk im Fridericianum die Sammlung Gurlitt zeigen wollen. Den Zuschlag hatte dann aber die Bundeskunsthalle Bonn bekommen.

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Während der documenta 14 besetzt das „Parthenon der Bücher“ von Marta Minujín den Kasseler Friedrichplatz.
(Foto: Roman März)

Das Thema Raubkunst zieht sich dennoch durch einige der Haupt- und Nebenschauplätze der documenta. Am überzeugendsten nähert sich Maria Eichhorn ihm an. Für die Kunstschau hat sie das „Rose Valland Institut“ gegründet, benannt nach der Konservatorin des Pariser Musée du Jeu de Paume, die heimlich die Kunstraubzüge der Nationalsozialisten im besetzten Paris dokumentierte. Das Institut soll gemeinsam mit der Öffentlichkeit den Verbleib von Raubkunst im Privatbesitz erforschen, symbolisch verkörpert in einer raumhohen Installation: In der Neuen Galerie hat die Künstlerin einen Turm von Büchern aufgebaut, allesamt von den Nationalsozialisten unrechtmäßig aus jüdischem Eigentum entwendete Kulturgüter, deren Besitzer bis heute nicht ermittelt wurden.

Die Neue Galerie ist einer der größten Spielorte der documenta, nicht zu verwechseln mit der Neuen Neuen Galerie, untergebracht in der Neuen Hauptpost. In dem brutalistischen Bau am Rande der Kasseler Nordstadt befinden sich Arbeiten von 24 Künstlerinnen und Künstlern, die um die Themen Distribution, Migration und Warenverkehr kreisen – der stärkste Teil der documenta. Hier trifft man unter anderem auf die Performer von Maria Hassabi, die sich in Zeitlupe am Boden und übereinander winden, auf Máret Ánne Saras Installationen aus Rentierschädeln, Mail-Art der DDR-Künstlerin Ruth Wolf-Rehfeldt oder Dan Petermans aus Eisenstaub recycelte Eisenbarren.

Letztere begegnen einem jedoch auch an weiteren Orten auf dem Marathon der Kunst durch Kassel: im Palais Bellevue nahe der Neuen Galerie, im Untergrund des Kulturbahnhofs und in einem der Glaspavillons an der Kurt-Schumacher-Straße. Es ist nicht das einzige Déjà-Vu-Erlebnis, das die documenta in Kassel bietet. Viele, die bereits den ersten Teil der documenta in Athen gesehen haben, werden Arbeiten wiederentdecken. Die Masken des Kanadiers Beau Dick etwa – zu sehen in Athen im EMST, in Kassel in der Documenta-Halle – oder Bouchra Khalilis Videoarbeit „The Tempest Society“, die sich mit den Aktivisten des Theaterprojekts al-Assifa (Der Sturm) aus den 1970er Jahren beschäftigt. Das Video wird sowohl in der Kunsthochschule in Athen als auch in der Gottschalk-Halle der Universität Kassel gezeigt.

Bei anderen Künstlern ergibt sich die Kasseler Arbeit direkt aus der Athener wie bei Ibrahim Mahama: Der ghanaische Künstler hatte auf dem Syntagma-Platz in Athen Jutesäcke zusammennähen lassen, die nun die Torwache in Kassel umhüllen. Subtiler der Zusammenhang bei Daniel Knorr: Mit den Einnahmen aus Athen – Knorr verkauft dort Bücher, in die er Schrott von den Straßen Athens presst – finanziert er den weißen Rauch, der bis Ende September täglich in Kassel aufsteigt.

Knorrs Rauch gehört zu den wenigen Arbeiten, die im öffentlichen Raum deutlich sichtbar sind. War vor fünf Jahren noch die Kasseler Parklandschaft Karlsaue von zahlreichen Pavillons bespielt, konzentriert sich die documenta14 auf Innenräume, trumpft aber, wenn sie denn draußen ist, umso monumentaler auf. Auf der Fußgängerzone stellt sich einem ein Beton-Obelisk von Olu Oguibe in den Weg, den Friedrichplatz besetzt das „Parthenon der Bücher“ von Marta Minujín, ein Nachbau der Akropolis aus Büchern. Am eindrucksvollsten aber ist Hiwa K.s Installation vor der Documenta-Halle: Abwasserrohre, die von Geflüchteten zu Wohnungen umfunktioniert wurden. „When We Were Exhaling Images“ sticht nicht nur aufgrund ihrer Größe heraus aus der schwer durchschaubaren documenta-Gemengelage. Die Arbeit ist genau so, wie man sie sich die Ausstellung insgesamt mehr gewünscht hätte: irritierend und berührend, zugänglich, poetisch und auf den Punkt.

Parallel zur documenta 14 hat die Kasseler Gruppe des Bund Deutscher Architekten BDA wieder eine Ausstellung organisiert. „Architectdocuments“ läuft ebenfalls bis zum 17. September und ist im Architekturzentrum „KAZimKUBA“ zu sehen. Weitere Informationen auf der Webseite.