Ausstellung Frau Architekt | Frauen im Architektenberuf Deutsches Architekturmuseum Frankfurt

Über die Ausstellung „Frau Architekt“ in Frankfurt

Frauen vor!

6. November 2017 | Text: Jasmin Jouhar
Geschätzte Lesezeit: 2 Minuten, 30 Sekunden

Im Architekturstudium bilden Frauen längst die Mehrheit, in Büro und Lehre dagegen sind die Männer immer noch deutlich in der Überzahl. Die Ausstellung „Frau Architekt. Seit mehr als 100 Jahren: Frauen im Architektenberuf“ im Deutschen Architekturmusem Frankfurt geht mit Porträts von 22 Architektinnen der Frage nach, woher das Ungleichgewicht kommt und wieso sich die Situation nur so langsam ändert.

Auf der Schwarz-Weiß-Fotografie sind fünf Männer im Freien zu sehen, versammelt um einen Tisch, darauf Bierflaschen, Likörgläser. Vier von ihnen blicken in Richtung Kamera. Ein Detail allerdings wirkt irritierend an der Aufnahme der fidelen Herrenrunde: Am linken, unteren Bildrand ragt ein einzelner Arm ins Bild. Offensichtlich saß da noch jemand, der Kleidung nach zu urteilen eine Frau. Und ebenso offensichtlich wurde diese Person „abgeschnitten“, als die Architekturzeitschrift Bauwelt das Foto 1984 veröffentlichte. Das Foto zeigt den Architekten Hans Poelzig 1929 beim Richtfest seines eigenen Wohnhauses in Berlin, zur Runde gehört auch der damalige Stadtbaurat Martin Wagner. Es ist Teil der Ausstellung „Frau Architekt“ und bringt auf den Punkt, was nach wie vor eines der großen Probleme für Architektinnen ist: die Sichtbarkeit – beziehungsweise der Mangel daran.

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Herrenrunde mit Architektin: Marlene Moeschke-Poelzig und Hans Poelzig (vorne mit Brille und Zigarre), beim Richtfest ihres Wohnhauses in der Tannenbergallee, Berlin ca. 1929
(Quelle: Erbengemeinschaft Marlene Poelzig)

Denn die Frau jenseits des linken Bildrandes – das beweist das erhaltene, nicht beschnittene Originalfoto in der Ausstellung – ist Marlene Moeschke-Poelzig. Die Bildhauerin war nicht nur Poelzigs Frau, sondern sie hat mit ihrem Mann auch bei vielen Projekten zusammengearbeitet und nachweislich das Wohnhaus selbst und ohne ihn entworfen. Noch 1984 für die renommierte Zeitschrift kein ausreichender Grund, sie, die verantwortliche Architektin, auch abzubilden. Und so trägt der einleitende Essay im Ausstellungskatalog den Titel „Die unsichtbare Architektin“. Die Architekturkritikerin der Süddeutschen Zeitung, Laura Weißmüller, gibt darin einen anschaulichen Überblick über die Lage von Frauen im Architektenberuf anhand von prominenten (Zaha Hadid) und weniger prominenten Beispielen. Und erklärt, warum sie oft viel weniger sichtbar sind als die Männer. Es würde ihnen schlichtweg weniger zugetraut, sowohl von den Kollegen als auch von den Bauherren (!). Die Branche sei geprägt von männlichen Netzwerken, an den Hochschulen genauso wie in Jurys oder Museen. Die Folge dieser Übermacht: Es gibt nicht nur viel weniger Architektinnen, sie sind auch viel weniger präsent, etwa in Publikationen oder Ausstellungen.

Das Architekturmuseum in Frankfurt schickt sich nun an, diesen Zustand zumindest für die deutschen Architektinnen zu ändern. Das Kuratorenteam um Mary Pepchinski, Christina Budde und Wolfgang Voigt zeichnet Leben und Werk von insgesamt 22 Frauen nach, mit viel Archivmaterial und kurzen Texten entstehen so Porträts ganz unterschiedlicher Persönlichkeiten und Karrieren. Angefangen bei der „ersten deutschen Architektin“ Emilie Winkelmann, geboren 1875, die zunächst in der Baufirma ihres Großvaters arbeitete. Um dann – noch ungewöhnlicher – 1902 Architektur in Hannover zu studieren. 1907 gründete sie ihr eigenes Büro in Berlin. Bekanntere Namen wie Lilly Reich oder Margarete Schütte-Lihotzky stehen in der Ausstellung neben Unbekannten wie Grit Bauer-Revellio. Die chronologisch aufgebaute Schau endet in der Gegenwart mit den beiden Berlinerinnen Gesine Weinmiller und Almut Grüntuch-Ernst, die bereits zahlreiche Projekte realisieren und sich etablieren konnten. Gibt es also Hoffnung, dass sich etwas ändert am Ungleichgewicht? Laura Weißmüller jedenfalls fordert es vehement ein in ihrem Essay, weil der Architektur die Vielfalt der Perspektiven nur guttun könne. „Mehr Vielfalt schafft mehr Ideen. Es ist Zeit, die Runde zu öffnen. Weiße Männer mit schwarzen Anzügen kennt die Architekturgeschichte schon genug.“

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Die Berliner Architektin Almut Grüntuch-Ernst bei der Arbeit. Vorne links am Tisch sitzt ihr Mann Armand Grüntuch, mit dem sie das Architekturbüro gemeinsam führt.
(Foto: Edgar Rodtmann)

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Zeichnung der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky mit dem Titel „Die erste Frankfurter Architektin auf dem Hochbauamt“.
(Porträtzeichnung: Lino Salini)

FSB fördert das Filmprogramm zur Ausstellung. Es ist im Januar 2018 im Kino des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt am Main zu sehen.