Bauhaus Museum Dessau | Interview mit Jose Zabala von Addenda Architects

Jose Zabala von Addenda Architects im Interview über das Bauhaus-Museum Dessau

Tropical Box

28. August 2019 | Text: Gregor Harbusch, Fotos: Joachim Brohm
Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten, 15 Sekunden

Spannender könnten die Unterschiede nicht sein: Während das Bauhaus-Museum in Weimar mit seiner monumentalen Ordnung provoziert, begreifen Addenda Architects aus Barcelona ihr Bauhaus-Museum in Dessau als Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Aspekten der Moderne. Im Gespräch mit FSB erklärt Jose Zabala, welchen Einfluss seine persönliche Erfahrung der spanischen Wirtschaftskrise auf den Entwurf hatte, welche Rolle Lina Bo Bardi für den Entwurf spielte und warum ihr Museumsbau einiges mit ostdeutschen Plattenbauten zu tun hat. Das Museum wird am 8. September 2019 eröffnet.

Sie sind ein junges Büro ohne viel Bauerfahrung, haben aber 2015 den internationalen Wettbewerb für ein neues Bauhaus-Museum in Dessua mit über 800 Einsendungen gewonnen. Wie kam es dazu?
José Zabala: Wir waren damals noch nicht sehr erfahren im Bauen, hatten aber bereits an vielen Wettbewerben teilgenommen und Preise gewonnen. Meine Partner und ich haben unser Studium um 2005 abgeschlossen, kurz bevor die Weltwirtschaftskrise Spanien traf. Kurz darauf brach der Markt zusammen, viele Projekte wurden gestoppt. Deshalb konnten wir nicht viel bauen.

Porträt Addenda Architects

Addenda Architects aus Barcelona sind: Roberto González, Anne Hinz, José Zabla, Cecilia Rodríguez und Arnau Sastre (von links).
(Foto: Addenda Architects)

Wie sind Sie an den Wettbewerb herangegangen?
Wir haben uns für einen sehr geradlinigen Entwurf entschieden. Zuerst haben wir über die Prioritäten des Programms nachgedacht, danach über den Standort. Das neue Museum liegt zwischen Park und Stadtzentrum, es markiert die Grenze zwischen diesen beiden Situationen. Wichtig war für uns auch, ein Minimum an Ressourcen auf die Form zu verwenden. Deshalb haben wir eine Box für die Dauerausstellung entworfen und diese angehoben, um visuelle Verbindungen zwischen Stadt und Park zu ermöglichen und die Aktivität der Institution im öffentlichen Raum erfahrbar zu machen.

Gab es nach dem Gewinn des Wettbewerbs wesentliche Änderungen am Entwurf?
Ein entscheidender Aspekt unseres Entwurfs ist dessen hohe Widerstandsfähigkeit gegenüber Änderungen an der Organisation des Programms. Wir konnten uns für andere Materialien entscheiden oder Dinge ein wenig verschieben, ohne die Hauptbedingung des Entwurfs zu verändern: Das Museum wird ein flexibles Gebäude sein, das viele Arten von Aktivitäten integrieren kann. Die meisten Veränderungen sind auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zurückzuführen. So war die brückenartige Box für die Dauerausstellung am Anfang als Stahlkonstruktion gedacht. Wir mussten eine billigere Lösung finden, aber vom Entwurf her ist sie mehr oder weniger gleich.

Sie mussten auch die Fassade überarbeiten. Die realisierte Lösung sieht anders aus als das, was Sie im Wettbewerb präsentiert haben.
Die Glasfassade ist eines der teuersten Elemente. Gestaltung und Materialität der Fassade folgen wirtschaftlichen Einschränkungen. Unsere ursprüngliche Absicht war es, Klarglas zu verwenden, doch dies hätte die Machbarkeit des gesamten Projekts gefährdet. Deshalb haben wir uns dazu entschieden, eine konventionellere Fassade aus Floatglas zu realisieren.

Gibt es eine Verbindung zur Architektur der Moderne?
Immer wieder werden wir nach dem Bezug unseres Entwurfs zu Mies van der Rohe und dem Erbe der Moderne gefragt. Mir gefällt die Idee, das neue Museum als eine zeitgenössische Neuinterpretation moderner Gestaltungsprinzipien unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Bedingungen zu sehen. Die prekäre Situation, die wir als junge Architekten in Spanien erlebt haben, hat uns dafür sensibilisiert, Strategien zu entwickeln, um unser Gebäude so kostengünstig wie möglich zu machen. Ich denke, der Bauherr mochte das Projekt, weil er verstand, dass es innerhalb von Zeit und Budget ausgeführt werden konnte. Das Budget beträgt nur 25 Millionen Euro – und alles liegt im finanziellen Rahmen!

Sie haben das Projekt einmal als Erinnerung an das ursprüngliche Bauhausgebäude von Walter Gropius beschrieben. Als ich Ihren Entwurf sah, musste ich auch an Lina Bo Bardis Kunstmuseum in Sao Paulo denken.
Man kann unser Haus in Dessau als das Ergebnis eines Aufeinanderprallens der unterschiedlichen Formen der Moderne von beiden Seiten des Atlantiks sehen. Auf der einen Seite die klassische Avantgarde von Gropius, auf der anderen Seite eine spätmodernistische Ikone des Globalen Südens. Natürlich ist Lina Bo Bardi für uns wichtig, aber Dessau hat ganz andere klimatische Bedingungen als Brasilien, deshalb mussten wir eine Glashülle verwenden. Das Glas ermöglicht quasi ein tropisches Gebäude im deutschen Kontext.

Der Bauprozess wird durch eine Reihe von Publikationen begleitet. Was ist die Idee dieser „Cahiers“ und wie viele werden erscheinen?
Die Cahiers waren eine Idee des in Barcelona ansässigen Publizisten und Kurators Moritz Küng, der in der zweiten Phase des Wettbewerbs Teil unseres Teams war und uns bei der Entwicklung des Konzepts für das Erdgeschoss half. Wir beschlossen, eine Art Zeitschrift über die Entwicklungen auf der Baustelle zu produzieren, in der wir Dokumente veröffentlichen, die für Architekten sehr wichtig sind, aber normalerweise nicht publiziert werden – beispielsweise Sitzungsprotokolle, Konstruktionsdetails und anderes Material aus dem Planungsalltag. Moritz konzipierte das Projekt als ein „Architektenbuch“ – ähnlich einem „Künstlerbuch“. Es erscheint im Format DIN A4, aber wir verwenden verschiedene Medien: Die erste Ausgabe war ein Poster, die zweite ein Leporello und so weiter. Insgesamt werden wir zehn Ausgaben veröffentlichen.

bauhaus museum dessau stiftung bauhaus addenda architects neubau 100 jahre years architecture Architektur interview jose Zabala Architekturfotografie 2019
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Über den Standort des Museums wurde viel gestritten. Der ehemalige Bauhausdirektor Philipp Oswalt bevorzugte ein Grundstück neben dem historischen Bauhausgebäude, aber die zuständigen Politiker entschieden sich für die nordöstliche Ecke des Stadtparks. Was halten Sie vom urbanen und historischen Kontext des Gebäudes?
Der Standort ist hochinteressant, weil hier viele historische Schichten zusammenkommen. Bei der Kavalierstraße, an der das Museum liegt, handelt es sich um die ehemalige monumentale Achse Dessaus. Doch wegen der massiven Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs gibt es von den historischen Bauten an der Kavalierstraße nur noch wenige Überreste. Der Stadtpark ist ein grüner Leerraum, der nach dem Krieg entstand. Außerdem gibt es viele Plattenbauten. Ich denke, es gibt eine Art Verbindung zwischen diesen Plattenbauten und unserem Haus, denn in beiden Fällen ist die Wirtschaftlichkeit entscheidend für die architektonische Materialität und das Erscheinungsbild. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage der Massivität, denn das Glas ist manchmal eher transparent und manchmal eher undurchsichtig. Nachts werden die Aktivitäten im Inneren in den öffentlichen Raum ausstrahlen. Tagsüber wird das Haus wohl wie ein Block aussehen und an die dichte Stadtstruktur der Altstadt erinnern. Und natürlich soll der Neubau die Menschen in die Innenstadt locken. Wenn man heutzutage den Bahnhof verlässt und zum Bauhaus geht, vergisst man den anderen Teil der Stadt völlig. Das Museum hilft hoffentlich, neue Verbindungen zu schaffen.