Bookspaces in Stuttgart | Studierende bauen mit Buechern

Stuttgarter Studierende bauen mit Büchern

Print isn’t dead!

6. Dezember 2018 | Text: Sabine Marinescu, Fotos: Thomas Fütterer
Geschätzte Lesezeit: 2 Minuten, 15 Sekunden

Anupama Kundoo ist Wiederholungstäterin – zum Glück! Die indischstämmige Architektin mit Professur und Büro in Potsdam animiert immer wieder aufs Neue Studierende in Hochschul-Workshops, sich mit ungewöhnlichen Bau-Materialien auseinanderzusetzen. Vor allem Bücher haben es ihr angetan. So auch kürzlich in den Einführungswochen der Universität Stuttgart: Hier hatten die gut 160 Erstsemester die Aufgabe, innerhalb einer Woche einen „Bookspace“ zu errichten.

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Es ist eine langjährige Tradition im Stuttgarter Fachbereich Architektur und Stadtplanung: In den ersten Wochen ihres Studiums müssen die angehenden Studierenden einige – teilweise knifflige – Aufgaben bewältigen. Als Höhepunkt und Belohnung steht am Ende die erste eigene große Semesterparty, die mit vereinten Kräften auf die Beine gestellt wird. Doch bis dahin gibt es unter anderem einen einwöchigen Workshop, der erste Berührungspunkte mit Raum, Material und Konstruktion ermöglicht. Als derzeitige Gastprofessorin des IRGE (Institut für Raumkonzeptionen Grundlagen des Entwerfens) zeichneten in diesem Jahr Anupama Kundoo und ihre Mitarbeiterin Alba Balmaseda für die Aufgabenstellung verantwortlich. So waren die Studierenden, eingeteilt in Gruppen zu je 15, angehalten, aus ausrangierten Büchern Räume in 1:1 bauen. Auch FSB hatte alte Kataloge dafür zur Verfügung gestellt.

Die Nachwuchsarchitekten erschufen ganz unterschiedliche „Bauwerke“, die am Ende der Woche vor den federführenden Professoren und Dozenten präsentiert wurden. Die Ergebnisse reichten von bequemen Liegen aus Katalogen über verschiedene freistehende Wandkonstruktionen bis hin zu begehbaren oder auch nur einsehbaren Pavillons. Dabei nutzen die Erstsemester ihr Baumaterial auf ganz unterschiedliche Weise. Bei einem Iglu, für dessen Schlussstein eine Biografie Willy Brandts herhalten musste, wurden die Bücher in ihrer eigentlichen Form als feste Objekte genutzt und schufen so starke räumliche Skulpturen. Ebenso häufig kam das Baumaterial jedoch gefaltet, gerollt oder in seine Einzelteile zerlegt zum Einsatz, so entstanden Möbel, Wände oder raumgreifende, teilweise filigrane Objekte.

Das von Anupama Kundoo gewählte Material für diese erste räumliche Aufgabe ist allerdings nicht rein zufällig. Bücher und andere Printprodukte fristen immer häufiger ein ungeliebtes Dasein, in manchen Ländern müssen unverkaufte Exemplare aus Urheberrechtsgründen gar verbrannt werden. Ganz gleich, ob ausgelesen oder veraltet, die gedruckten „Bausteine“ unserer Gesellschaft warten in Bibliotheken, Regalen und Lagern auf ihre letzte Bestimmung. In ihren Workshops greift Kundoo dieses Objekt immer wieder auf, bringt es in einen neuen architektonischen Kontext und recycelt es damit – unabhängig vom eigentlichem Inhalt.

In Stuttgart erhielten die Studierenden für ihre Bauten tausende Bücher: So gab die Universitätsbibliothek gerne einen Teil ihres Altbestands her, mehrere Verlage leerten ihre Lager, und FSB schickte Kataloge aus vergangenen Jahren in die Landeshauptstadt. Und doch geht es bei den „Bookspaces“ nicht allein um die Verwendung dieses spezifischen Produkts, sondern um eine direkte Auseinandersetzung mit einem außergewöhnlichen Baustoff. Dieser steht symbolisch für einen Ansatz, dass sich für den Bau von Architektur (fast) jedes lokal auffindbare Material eignen kann. So geschult und sensibilisiert, sollen die Workshop-Teilnehmer auch in der weiteren Entwicklung ihrer Laufbahn „gefundene“ Elementen als Baustoffe erkennen und nutzen – selbstverständlich auch in größeren Maßstäben!

An dem Workshop waren folgende Lehrende beteiligt:
Anupama Kundoo Chaudhuri, Alba Balmaseda Domínguez, Kyra Bullert, Jose Luis Moro, Matthias Rottner, Elisa Baumgarten