Curating Architecture: Eine grundsätzliche Übung

Dinner & Talks

Curating Architecture:
Eine grundsätzliche Übung

4. Juli 2016 | Text: Nadin Heinich, Fotos: Friedemann Thomas
Geschätzte Lesezeit: 1 Minute, 40 Sekunden

Mitte Juni in Dresden. Sommersonne, ein leichter Wind, ein Glas Wein in der Hand, Blick zum Blauen Wunder, nach Loschwitz und bis in die Sächsische Schweiz – Ernemannturm der Technischen Sammlungen, siebte Etage. Obwohl von Weitem sichtbar, ist dieser markante Turm mit seiner grandiosen Aussichtsplattform selbst für Ortsansässige (noch) ein Geheimtipp. Kurz nach der Eröffnung der Architekturbiennale in Venedig hat Plan A in der Reihe „Dinner & Talks“ einen kleinen Kreis junger Architekten aus Dresden eingeladen. Der inhaltliche Input kam dieses Mal von Mathieu Wellner, diplomierter Architekt, Kurator und Architekturtheoretiker, der sich in zahlreichen Vorträgen, Publikationen, Lehrveranstaltungen und Ausstellungen mit Architektur, Stadt und Baukultur beschäftigt.

Eine Reihe von Fragen führten Wellner und das Publikum durch den Abend: Warum als junger Architekt möglichst frühzeitig die eigene Arbeit ausstellen? Sollte man selber initiativ werden oder auf die „Entdeckung“ durch einen Kurator warten? Wie sieht eine zeitgemäße Präsentation heute aus, interaktiv und partizipativ? Worin unterscheidet sie sich zu der bei Wettbewerben? Und wer ist der Adressat eines solchen Vorhabens, Kollegen, Bauherren, die Presse oder die allgemeine Öffentlichkeit?

Anhand zahlreicher Beispiele aus dem In- und Ausland, von Biennalen, Architekturwochen, Soloshows und aus der eigenen Praxis diskutierte Mathieu Wellner mit den Gästen ganz unterschiedliche Ansätze. Für ihn sind Ausstellungen die vielleicht einzige gute Alternative zur Realität, dem tatsächlich Gebauten. Er kennt die „Stars“ und „special Projects“, hat unter anderem für das Haus der Kunst in München gearbeitet, war verantwortlich für eine Studie über das Gebäude von AMO, Rem Koolhaas mit Herzog & de Meuron sowie für die Architekturprojekte der Ai Weiwei-Ausstellung „so sorry“ und verfolgt mit Architekt Muck Petzet das Langzeitausstellungsprojekt „Munich Is a Modern City“. Trotz Digitalisierung hat diese Form der Architekturvermittlung – das wurde im Gespräch schnell klar – nichts an Relevanz verloren. Viel mehr als nur Pläne an der Wand, ist eine gelungene Ausstellung eine grundsätzliche Übung. Nicht umsonst haben sich alle interessanten, heute bekannten Büros bereits zu Beginn ihrer Karriere der Öffentlichkeit präsentiert – und so ihre Sinne und ihre eigene Sprache geschärft. Zumindest in Dresden allerdings, das wurde auch klar, fehlt es (momentan) an geeigneten Orten. Den Ausklang fand das Gespräch nach Mitternacht und bei Kerzenschein auf der Dachterrasse.

Nadin Heinich ist Gründerin und Direktorin von „plan A“, einem Büro für Architekturkommunikation in München und Berlin.