David Adjaye – Universalität der Moderne

Rede zur Architektur

David Adjaye: Universalität der Moderne

14. August 2015 | Text: Bettina Rudhof, Fotos: Heidrun Hertel
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Immer wieder aufs Neue nutzt Dr. Brigitte Labs-Ehlert die Gutshöfe, Schlösser und Klöster im ostwestfälischen Land während der Sommermonate für ihr außergewöhnliches Literatur- und Musikfestival „Wege durch das Land“. Und so zeigte sich das barocke Gebäudeensemble Gut Böckel mit dem angrenzenden Park von seiner malerischsten Seite, als am 19. Juli im ehemaligen Kuhstall des sorgfältig sanierten Anwesens zum zwölften Mal die diesjährige „Rede zur Architektur“ stattfand. Nachdem so prominente Redner wie Peter Eisenman, Rafael Moneo und Ryue Nishisawa den Weg nach Ostwestfalen-Lippe fanden, war es den Veranstaltern dieses Mal gelungen den international bekannten Architekten David Adjaye in die deutsche Provinz zu locken.

David Adjaye
Dr. Brigitte Labs-Ehlert
Publikum bei der Rede zur Architektur

David Adjaye wurde 1966 in Daressalam, Tansania geboren. Gemeinsam mit seiner Familie lebte der Sohn eines ghanaischen Diplomaten in Tansania, Ägypten, dem Jemen und im Libanon, bevor er mit neun Jahren nach London kam. Dort studierteer Architektur an der South Bank University und am Ryal College of Art, u.a. bei Peter Smithson. 1993 erwarb er den M. A. (Master of Arts). Anschließend arbeitete er u. a. in den Architekturbüros von Pentagram, David Chipperfield und Edouardo Souto de Moura. Im Jahr 1994 eröffnete er sein eigenes Büro in London (Adjaye Asssociates), unterdessen auch mit Dependancen in Berlin und in New York.

Überall in Afrika wurden damals aus der besonderen Geographie des Kontinents entwickelte, doch zugleich typisch moderne Gebäude errichtet, die sich schließlich zu einer eigenständigen und spezifisch afrikanischen Moderne zusammengefügt haben. Strikter noch als in Europa orientierten sich die afrikanischen Gebäude der Moderne an den Himmelsrichtungen, ihre Entwerfer setzten vermehrt Dachgärten und außenliegende Sonnenschutzelemente (brises soleil) ein. Beim Bau kamen neben Stahlbeton und Glas oft auch lokale Werkstoffe wie Lehm, Holz und Bambus zum Einsatz. Regionale Schmuckelemente ergänzten die den besonderen klimatischen Bedingungen angepassten Entwürfe, die sich vor allem im nordafrikanischen Raum auch äußerlich an alte arabische Bautraditionen anlehnen konnten.

Rede zur Architektur, David Adjaye

Seinen Vortrag zur so verstandenen afrikanischen Moderne und seiner eigenen, aus ihr heraus entwickelten Architektur hat Adjaye unter den Titel „Geographien“ gestellt. Wie dem Begriff der Moderne hat er dabei auch dem der Geographie eine erweiterte Bedeutung verliehen. Versteht man unter Geographie üblicherweise die Wissenschaft zur Erforschung der unterschiedlichen physischen und klimatischen Beschaffenheit der Erdoberfläche, so bezieht sich Adjaye stärker auf eine umfassende „Humangeographie. “ Sie richtet ihren Blick primär auf die räumlichen Zusammenhänge menschlichen Handelns und dessen natürliche wie historische und kulturelle Bedingungen und erfasst deshalb zugleich die raumbezogenen Aspekte von Kultur, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in ihrer Vielfalt und ihrem Wandel. Dabei untersucht sie die Beziehungen, Abhängigkeiten und Unterschiede zwischen Regionen und Orten vor dem Hintergrund der Wechselbeziehungen zwischen natürlicher Umwelt, kultureller Gestaltung und individuellem Handeln. In den Zusammenhang derart „erweiterter Geographien“ stellt Adjaye dann auch die Architektur. Ihre Aufgabe besteht darin, im Raum zum Vermittler („mediator“) zwischen dem alltäglichen Leben menschlicher Gesellschaften und seinen natürlichen und geschichtlichen Bedingungen zu werden. Ein Gebäude ist deshalb zuerst und vor allem ein „Climate-Mediator“, das seinen Bewohnern je nach Bedarf Kühle und Wärme spendet. Es ist aber zugleich auch ein „Culture- and Memory-Mediator“, in dem sich die zurückliegende Geschichte menschlichen Lebens baulich verdichtet und auf die Zukunft öffnet. Entwickelt und bewährt hat der 49jährige britische Staatsbürger diese Thesen in zehn langen Reise- und Forschungsjahren. Zwischen den Jahren 2000 und 2010 besuchte Adjaye jeden einzelnen der 55 afrikanischen Staaten und erkundete deren jeweilige Geschichte, die jeweilige Kultur und die besonderen klimatischen Besonderheiten. Dabei führte ihn diese Reise auch an die Orte seiner Kindheit in Tansania, Ghana und Uganda zurück.

Sein besonderes Interesse galt dabei den Städten und ihren öffentlichen Bauten, von denen viele aus der Aufbruchszeit der Entkolonisierung stammen. Innerhalb weniger Jahre entstanden damals Krankenhäuser, Gerichts- und Regierungsbauten, Universitäten, öffentliche Bibliotheken und Schulen und wurden im Sinne Nkrumahs zu Symbolen des postkolonialen Afrikas. Das Ergebnis seiner Untersuchung findet sich in seinem 2011 erschienenen Buch „African Metropolitan Architecture“, einem wahren Kompendium der afrikanischen Moderne. In Text und Bild verdeutlicht das Werk, dass und wie die moderne Architektur, der Internationale Style, auch in den afrikanischen Staaten für den Neubeginn stand, den sie auch in allen anderen Kontinenten der Welt eröffnete.