Deutschlandreise – Thüringen

Deutschlandreise - Thüringen

Ohne großes Tamtam: Ein Vortrag von Osterwold°Schmidt Exp!ander Architekten

1. Dezember 2016 | Text: Tim Berge
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Mit ihrem Werkbericht „An der Graden Kurve“ leisteten Antje Osterwold und Matthias Schmidt nicht nur den Thüringer Architekturbeitrag zur FSB-Vortragsreihe „Deutschlandreise“ in Berlin, sie sorgten auch für staunende Augen und gute Stimmung im Publikum: Die Vielzahl guter Bauten aus der Feder der Weimeraner Planer, die mit einer entspannten Selbstverständlichkeit ihren Platz in der gebauten Welt einnehmen, überraschte doch den ein oder anderen im gut gefüllten „Satellit“ der Architektur Galerie Berlin.

Den Vortrag gliederten Osterwold und Schmidt in sechs Kategorien: Haus, Stadt, Quartier, Solitär, Hybrid und Etcetera. Alle Bereiche, das wurde im Verlauf des Abends klar, spielen bei den beiden Architekten eine gleichgewichtige Rolle und werden mit großer Neugier und viel Enthusiasmus angegangen. „Manchmal ist der Umweg der bessere Weg“, so erklären sie dann auch ihre Herangehensweise, die außerdem durch „Respekt vor dem Unspektakulären“ gekennzeichnet ist. Das ist zwar ein wenig übertrieben, denn ihre Bauwerke sind alles andere als unspektakulär, aber der Wille nach Reduktion und individuellen Lösungen, die auch mit kleinem Budget zu realisieren sind, ist deutlich sichtbar. Überhaupt scheinen die beiden Architekten Widersprüche per se nicht abzulehnen, sondern in ihnen auch eine Qualität zu erkennen, wofür auch der Titel ihre Vortrags „An der Graden Kurve“ steht.

Bereits die erste Kategorie „Haus“ machte klar, dass ihre Aussagen nicht nur theoretische, sondern auch praktische Relevanz besitzen: Ein vollständig aus Holz erbautes Einfamilienhaus (Holzhaisl, 2016) und der Umbau eines 1950er-Bungalows im bayrischen Selb (2008) beweisen nicht nur den intelligenten Umgang mit Budget und Bestand, sondern stehen auch für eine guten Austausch mit den Bauherren. Beide Bauvorhaben eint außerdem die grafisch-skulpturale Herangehensweise, die sich immer wieder in den Werken der Thüringer Architekten zeigt: Während es beim Holzhaisl die leicht verzogene Gebäudesilhouette ist, wird der Bau in Selb durch einen umlaufenden Betonrahmen gerahmt. Allerdings folgen diese formalen Entscheidungen keiner Mode, sondern immer einer funktionalen oder räumlichen Idee.

Dieses Talent zum Anpassen an die Ansprüche des Orts, die Vorstellungen des Bauherren und die Funktionen der Bauaufgabe – ohne dabei die eigenen architektonische Vision aus den Augen zu verlieren – zeigten auch die vorgestellten Projekte der anderen Kategorien, von denen die meisten einen eigenen Vortrag Wert gewesen wären. Egal ob der Masterplan für die Innenstadt Kaliningrads (2014), die Schottenhöfe in Weimar (2011), das Gefahrenabwehrzentrum in Erfurt (2013), das Radhaus in Erfurt (2009 und 2016) oder das Innenraumkonzept für die Kirche in Walldorf (2013): in allen Bauvorhaben war die Handschrift von Osterwold°Schmidt Exp!ander Architekten deutlich erkennbar. „Alltagsarchitektur“, so beschreibt es Matthias Schmidt, die sich ohne großes Tamtam in ihren Kontext einfügt. Es wirkt fast so, als würden die Planer aus Weimar ein persönliches und in den meisten Fällen liebevolles Verhältnis zu ihren Bauten aufbauen, anders wäre Antje Osterwolds Beschreibung des preisgekrönten Radhauses als „dekorierter Schuppen“ wohl kaum denkbar.