EX LIBRIS – Buch-Dialoge

EX LIBRIS.

Buch-Dialoge rund um die Bibliothek des Ungers Archiv für Architekturwissenschaft

19. Februar 2016 | Text: Bettina Schürkamp
Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten, 40 Sekunden

Bei jeder Veranstaltung der Reihe EX LIBRIS im Ungers Archiv für Architekturwissenschaft UAA treten zwei Redner mit zwei Büchern in einen spärlich beleuchteten Lichtkreis und berichten dem gespannten Publikum über ihre intimen Lese-Begegnungen. Ausgangspunkt des Dialogs ist die Bibliothek des Kölner Architekten Prof. Oswald Mathias Ungers (1926-2007). An seinem 1959 erbauten Wohn- und Bürostandort in der Belvederestraße trugen der Architekt und seine Frau Liselotte Ungers in fünf Jahrzehnten über 12.000 Bücher zu einer international beachteten Sammlung zusammen, die auch Kunstwerke und Modelle umfasst. Nationale und internationale Protagonisten der Architektur- und Kulturszene stellen seit dem Jahr 2011 ein vielschichtiges Spektrum von Druckwerken aus dieser Kollektion vor, welches von Jules Vernes Zukunftsvisionen und Nietzsches Lebensphilosophie bis zu städtebaulichen Manifesten oder historischen Erstausgaben der Architekturwissenschaft reicht. Seit fünf Jahren lädt Sophia Ungers, geschäftsführende Vorstandsvorsitzende der Stiftung UAA, gemeinsam mit Anja Sieber-Albers, stellvertretende Direktorin, zu jeder EX LIBRIS-Lesebegegnung jeweils einen praktisch bauenden Architekten und einen Theoretiker ein. Die Privatsammlung animiert die Referenten sich auf unvergessliche Leseerlebnisse und prägende Lieblingsbücher zu besinnen. Die Qual der Wahl stellt die Vortragenden regelmäßig vor die fast unlösbare Herausforderung aus der reichen Fülle das eine Buch herauszusuchen, welches für sie und die Architektur den Unterschied macht.

Ungers Archiv für Architekturwissenschaft UAA

Highlights der Sammlung im Dialog

Im Juni 2011 begann die Vortragsserie mit dem Architekturtheoretiker Prof. Dr. Fritz Neumeyer und Ungers ehemaligem Studenten und Assistenten Prof. Hans Kollhoff. Neumeyer entschied sich mit De Re Aedificatoria von Leon Battista Alberti für die erste Druckausgabe einer Architekturtheorie und die erste Theorie einer bürgerlichen Architektur aus dem Jahr 1485. Der Architekt Kollhoff gesellte neben dieses Highlight der Bibliothek Karl Friedrich Schinkels Sammlung architektonischer Entwürfe (1820–1837), die auf dessen italienischen Reisen entstand. Auch bei der zweiten EX LIBRIS-Veranstaltung im November 2011 rückten die Vortragenden wertvolle historische Druckausgaben in den Mittelpunkt. Der Architekt Prof. Dr. Paul Kahlfeldt präsentierte Andrea Palladios Schlüsselwerk I quattro libri dell’architettura in einer 1616 in Venedig gedruckten Ausgabe. Mit El Lissitzkys Kinderbuch Von zwei Quadraten aus dem Jahr 1922 lenkte der Architekturtheoretiker Prof. Dr. Martin Kieren die Aufmerksamkeit auf die zahlreichen Künstlerbücher aus Vergangenheit und Gegenwart in der Sammlung.

Von Lieblingsbüchern und langjährigen Wegbegleitern

In den EX LIBRIS-Veranstaltungen der folgenden Jahre rückte die Buchauswahl näher zum persönlichen Erleben und Bauchgefühl der Vortragenden. Immer häufiger fiel die Wahl auf Lieblingsbücher als langjährige Wegbegleiter, die vielen Abenden einen persönlichen Rahmen verliehen. Der niederländische Architekt Prof. Rem Koolhaas wählte im März 2013 bisher als einziger Publikationen des im Jahr 2007 verstorbenen Bibliothekgründers aus. Er erläuterte wie für ihn Ungers Veröffentlichungen zur Architektur während seiner Zeit an der Architectural Association zum Katalysator für seine städtebauliche Forschung und eine langjährige Freundschaft wurden. In Publikationen wie der Studie über die Berliner Brandwände entdeckte er den Kölner Architekten als rigorosen und avantgardistischen Denker, dessen klarer und unmittelbarer Blick auf eine vom Krieg gezeichnete Stadtlandschaft ihn so begeisterte, dass er 1972 zu Ungers an die Cornell University ging. Die Stadt sehen, wie sie ist – diese Maxime von Oswald Mathias Ungers wirkt in Koolhaas zahlreichen Veröffentlichungen bis heute weiter fort.

Buch Paul Klee, UAA

(Foto: Ungers Archiv für Architekturwissenschaft)

Verknüpfung von Kunst und Architektur

Mit Paul Klees Pädagogisches Skizzenbuch (1925) blickte auch der Berliner Architekt Jürgen Mayer H. im Mai 2013 auf den Beginn seiner Karriere zurück. Die Skizzen des Bauhauskünstlers verknüpfen für ihn seit seinem Studium Grundelemente der Architektur wie Linie, Struktur und Raum zu rhythmisch pulsierenden Kompositionen. Klees Veröffentlichung in der Reihe neue bauhausbücher eröffnete ihm die Perspektive, seine Leidenschaft für Musik mit der für Architektur zu verbinden. Die Werke von Komponisten wie Conlon Nancarrow inspirieren bis heute seine Gebäudekonzeptionen. Auch seine Veröffentlichungen spiegeln die nachhaltige Wirkung dieses frühen Lieblingsbuches wider, das bis heute eine unermüdliche Fundgrube für immer neue Rapporte und Strukturen sei. Auch die Architektin Louisa Hutton thematisierte im November 2013 mit The Projective Cast. Architecture And Its Three Geometries von Robin Evans die Verbindung von Kunst und Architektur, die sie seit ihrer Begegnung mit dem Autor im Studium an der Architectural Association prägt. 500 Seiten füllte Evans mit Zeichnungen aus den vergangenen 500 Jahren Architekturgeschichte, darunter immer wieder viele seiner eigenen Arbeiten. Mit Louisa Hutton tauchten die Zuschauer in einen Rausch der historischen Referenzen ein und durchquerten wie in einem Abenteuerroman zahlreiche Epochen und Welten. Dieses Zwiegespräch zwischen Architektur und Künste setzte auch Beat Wismer, der Generaldirektor der Stiftung Museum Kunstpalast in Düsseldorf, im September 2015 mit Piet Mondrians Buch plastic art and pure plastic art, 1937, and other essays, 1941-1943 fort. Wismer betonte, dass es sich bei dieser Schrift, die nach dem Tod des Künstlers in seinem New Yorker Exil 1945 veröffentlicht wurde, nicht nur um eine ästhetische Kunsttheorie, sondern vor allem um eine Erkenntnistheorie handle, die auch urbane Phänomene einbeziehe. Mondrians Gemälde wie New York City I (1942) oder Broadway Boogie Woogie (1942-43), lassen die strengen schwarzen Linien der früheren Jahre hinter sich. Kurz vor seinem Tod im Jahr 1944 entstehen Gemälde, die bis heute die Lebendigkeit der pulsierenden Metropole widerspiegeln. Piet Mondrian ist der einzige Autor, der bisher mit zwei Büchern in der Vortragsreihe geehrt wurde. Der Kunstsoziologe Thomas Wagner wählte im Februar 2013 Mondrians Neue Gestaltung. Neoplastizismus. Nieuwe Beelding aus dem Jahr 1925 für seinen Vortrag aus.

Prof. Dr. Andres Lepik

Prof. Dr. Andres Lepik

Jürgen Mayer H.

Jürgen Mayer H.

Stadtvisionen in Literatur und Science Fiction

Die immer neue Auseinandersetzung mit der Entwicklung des Städtebaus spiegelt sich nicht nur in den Kunstbüchern und Kunstwerken, sondern auch in den Literatur- und Philosophiebüchern der Bibliothek wider. Gäste wie der Redakteur im Feuilleton der FAZ und Architekturkritiker Dr. Niklas Maak und der Direktor des Architekturmuseums an der TU München Prof. Dr. Andres Lepik lenkten mit ihrer Wahl die Aufmerksamkeit auf diesen für manchen Gast unerwarteten Aspekt der Sammlung. Der Architekturtheoretiker Lepik hauchte mit seiner Interpretation von Italo Calvinos Die unsichtbaren Städte einem viel zitierten Buch der Postmoderne neues Leben ein. Seit der Veröffentlichung im Jahr 1972 inspirieren die in neun Zyklen angeordnete Städtebilder und 55 Miniaturen weltweit architektonische und urbane Konzeptionen. Im Gegensatz zu diesem Klassiker der Architekturtheorie, überraschte Maak im Juni 2015 das Publikum mit der 1879 in Paris veröffentlichten Science-Fiction-Erzählung Les Cinq Cents Million de la Bégum von Jules Verne. Acht Jahre nach dem deutsch-französischen Krieg beschreibt Verne, wie der französische Arzt Dr. Sarrasin und der deutsche Professor Schultze mit dem Erbe einer indischen Prinzessin jeweils eine Stadt neu gründen. Schließlich stehen sich eine saubere, idealisierte französische Stadt und eine dunkle deutsche Stahlstadt bedrohlich gegenüber. Jules Verne, dessen Vision der Stahlstadt wie eine düstere Vorahnung die weltumspannenden Technikkriege des zwanzigsten Jahrhunderts vorwegnimmt, weist den Weg für spätere Stadtutopien, die von Fritz Langs Metropolis (1927) über Ridley Scotts Blade Runner (1982) bis zu heutigen Science-Fiction-Filmen reichen.

Friedrich Nietzsches Ecce Homo

Anja Sieber-Albers präsentiert Friedrich Nietzsches Ecce Homo

Prof. Hilde Léon

Prof. Hilde Léon

Städtebauliche Visionen im Herzen der Sammlung

Rückblickend standen neben Veröffentlichungen von Architekten immer wieder Visionen und Studien zum Städtebau im Mittelpunkt vieler EX LIBRIS-Veranstaltungen. Hierzu zählten Camillio Sittes Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen (1901), die Città Nuova in Die futuristische Architektur (1914) von Antonio Sant’Elia, Aldo Rossis Die Architektur der Stadt (1984) oder auch Collage City (1984) von Colin Rowe und Fred Koetter. Neben den internationalen Diskursen finden sich aber auch zahlreiche Schriften, die sich unter anderem mit der lokalen städtebaulichen Entwicklung von Köln auseinandersetzen. Das Jahr 2015 bereicherte diese Dialoge im November mit der Präsentation von Leonardo Benevolos Storia della città von 1975. Im Jahr 2004 hatte Prof. Hilde Léon mit einer Studierendengruppe Ungers persönlich getroffen und war überrascht, wie viele Veröffentlichungen des italienischen Architekturhistorikers in der Bibliothek vertreten sind. Dennoch wählte die Architektin mit Die Geschichte der Stadt das Buch aus, welches sie seit Jahren in ihrer Arbeit unterstützt und auf über tausend Seiten einen umfassenden Überblick über die weltweite städtebauliche Entwicklung bietet. Benevolo habe mit seiner spezifischen grafischen Darstellung Generationen von Architekten geprägt, so Léon. Als Dialogpartner berichtete der Architekturtheoretiker Prof. Dr. Jörg Gleiter mit Friedrich Nietzsches Ecce Homo über einen ganz anderen Blick auf die Stadt. Der deutsche Philosoph entdeckte im Jahr 1888 auf seiner Reise die Stadt Turin, die ihn auf überraschende Weise in seinen Bann zog und in seinen Aufzeichnungen zu euphorischen Lobeshymnen verleitete: „Das ist wirklich eine Stadt, die ich jetzt brauchen kann“. Diese Stadt, die er auf Sparziergängen wie ein Flaneur durchstreifte, sei ihm auf unbeschreibliche Weise sympathisch. Gleiter illustrierte mit Zitaten aus Aufzeichnungen, Briefen und Veröffentlichungen Nietzsches Euphorie für die traditionsreiche Garnisonsstadt, die im Gegensatz zu vielen anderen italienischen Städten durch ein regelmäßiges Raster geprägt ist. Turin erinnerte Nietzsche in vielem an die von Haussmann in Paris geschaffenen Boulevards. Doch seine weiteren Reisepläne ließen sich nicht mehr realisieren. Nietzsche erreichte Paris nie, weil er im Frühjahr 1889 unheilbar geistig erkrankte. Dennoch beeinflussen Nietzsches Schriften den Architekturdiskurs bis heute. Auch die philosophischen Reflektionen von Prof. Dr. Peter Sloterdijk oder Ludwig Wittgenstein bereicherten den EX LIBRIS-Dialog im Ungers Archiv für Architekturwissenschaften, der auf viele weitere Entdeckungen hoffen lässt.

Die Veranstaltungsserie EX LIBRIS wurde von Beginn an von FSB Franz Schneider Brakel großzügig unterstützt und wird im Jahr 2016 mit weiteren Lesebegegnungen fortgeführt. Am 9. März 2016 werden Prof. Dr. Wolf Tegethoff und Prof. Matthias Sauerbruch jeweils über Leseerlebnisse mit ihrem Buch der Wahl berichten und so zum Dialog rund um die Bibliothek des UAA weitere persönliche Facetten hinzufügen.

Prof. Dr. Wolf Tegethoff spricht über das Buch Mies van der Rohe von Philip C. Johnson,
Museum of Modern Art, New York, 1947

Prof. Matthias Sauerbruch präsentiert Die Poetik eines Mauervorsprungs von Jan Turnovský
Bauwelt Fundamente Band 77, Vieweg Verlag, Braunschweig, 1987