Filmabend in Köln | Peter Schubert René Spitz HfG Ulm edition disegno

Vortrag von René Spitz über die HfG Ulm

Die kulturelle Bewältigung der technischen Zivilisation

20. Oktober 2017 | Text: René Spitz, Fotos: Heidrun Hertel, Video: dokworks Filmproduktion
Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten, 15 Sekunden

Anlässlich der Präsentation der Filme von Peter Schubert in Köln hat der Designhistoriker René Spitz einen Vortrag über die HfG Ulm gehalten. Unter dem Titel „Die kulturelle Bewältigung der technischen Zivilisation“ sprach Spitz über den geschichtlichen Hintergrund der Ulmer Hochschule und den Anspruch, den Otl Aicher, Inge Aicher-Scholl und Max Bill mit ihrer Gründung verbanden. Wir veröffentlichen hier den gesamten Vortragstext und einen Videomitschnitt des Vortrags im Filmforum des Museum Ludwig.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
die allerwenigsten unter uns haben einen Krieg am eigenen Leib zu spüren bekommen. Und wenn wir hier in Deutschland von »DEM« Krieg sprechen, dann meinen wir meist den Zweiten Weltkrieg. Den hat Nazi-Deutschland vor 78 Jahren vom Zaun gebrochen. Vor 72 Jahren wurde er beendet. Mein Vater ist 83 Jahre alt, er wurde 1933 geboren. Er stammt aus Sinzenich, einem kleinen Dorf in der Eifel. Am Weihnachtstag 1944 war die gesamte Familie zu Besuch. Onkel, Tanten, Nichten, Neffen, Brüder, Schwestern, außerdem Freunde und Nachbarn. Die Eifel war ziemlich katholisch, deshalb ist mein Vater zusammen mit seinem Vater mittags noch einmal rasch auf den Friedhof gegangen. Als sie zu ihrem Haus zurück gegangen sind, war das Haus weg. In Schutt und Asche gelegt von einem Bomber, der auf seinem Weg zurück noch Gewicht, also Bomben, loswerden wollte. Die gesamte Familie war tot.

Das war der Krieg. Blanke, sinnlose Zerstörung auf allen Seiten. Unvorstellbare Grausamkeit, die Menschen sich gegenseitig antun. Wahnsinn, von blindem und rasenden Fanatismus angetrieben. 50 Millionen Kriegstote. 6 Millionen ermordete Juden. Industrielle Vernichtung des menschlichen Lebens. Zerstörte Städte und Siedlungen auf der ganzen Welt, von Hiroshima bis ins kleinste Eifeldorf. Zerstörte Straßen. Zerstörte Familien. Und zerstörte Träume, Hoffnungen, Wünsche, die kurz vorher noch ganz selbstverständlich gewesen sind.

Genauso waren die kulturellen Werte zerstört, und mit ihnen die Sprache, die Worte, der Ausdruck und der Umgang der Menschen. Hitler hat sich 1933 als Friedensfürst inszeniert. Als Retter der Friedens, der von den Juden bedroht sei. Hitler als Bewahrer der Kultur. Hitler als Beschützer der Zivilisation. Lügen. Nichts als dreiste, unverschämte, grenzenlos böse Lügen. Als ich in den späten 1980er Jahren in München studiert habe, hatte das Institut für Zeitgeschichte gerade die Goebbels-Tagebücher in einer wissenschaftlichen, kritischen Ausgabe veröffentlicht. Wir haben darüber diskutiert, ob das zulässig sei, diese Propaganda – gewiss in einer analytischen Edition – herauszugeben. Ich habe mich damals viel mit Propaganda beschäftigt. Ich hätte niemals gedacht, dass dieses Wissen in irgendeiner Form nochmals aktuell werden könnte. Ich habe mich damals dafür interessiert, weil ich verstehen wollte, in welchem Umfeld die HfG gegründet wurde.

Der Mitschnitt von René Spitz' Vortrag „Die kulturelle Bewältigung der technischen Zivilisation“

Inge Scholl, Otl Aicher und Max Bill, die drei Gründer der HfG, sind in einem Europa des Kriegs und der Gewalt aufgewachsen. Bill war Jahrgang 1908. Er war 6 Jahre alt, als der erste Weltkrieg ausbrach. Die Jahre zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg sind voller Gewalt auf den Straßen, auf den Plakaten, in den Fabriken und in den Häusern: Gewalt in der Form von Massenschlägereien der verfeindeten und gegeneinander aufgehetzten politischen Extreme. Gewalt in der Form von gemeinster Propaganda. Gewalt in der Form von wirtschaftlicher Ausbeutung und Ausnutzung von Abhängigkeiten. Gewalt in der Form von Prügelstrafen zuhause und in der Schule. Wir können sagen, dass Max Bill die ersten 37 Jahre seines Lebens in einer Gesellschaft gelebt hat, die von einer gewalttätigen, verleumderischen und verlogenen Grundstimmung geprägt war. Noch viel mehr galt das für Otl Aicher und Inge Scholl, deren Geschwister bzw. Freunde, Hans und Sophie Scholl, von den Nazis ermordet wurden. Um Haaresbreite wäre es Aicher ebenso ergangen. Die Familie Scholl musste Sippenhaft erleiden.

Die HfG wurde nicht gegründet, um ein ästhetisches Defizit zu beheben. Sie wurde gegründet, um ein gesellschaftliches Defizit zu beheben. Otl Aicher, Inge Scholl und Max Bill wollten dazu beitragen, dass in Deutschland eine friedliche, rechtsstaatliche, demokratische und freie Gesellschaft entstehen konnte. Allein dieser Gedanke an ein humanes Deutschland erschien jedem vernünftigen Zeitgenossen damals so abwegig, so utopisch fern, wie wir uns heute nicht vorstellen können, dass Besonnenheit, Anstand, Menschlichkeit und – ja auch dass – eine gewisse leichtfüßige, spielerische Eleganz im Weißen Haus vorherrschend wären.

Wie stolz waren die Deutschen auf ihre hochstehende Kultur gewesen, auf Luther, Bach, Beethoven und Goethe. Über die Banausen aus den USA und die Proleten aus Russland hatte man gerne hochmütig die Nase gerümpft. Aber unter Hitler hatte sich binnen weniger Jahre das Land der Dichter und Denker in einen Abgrund voller Scharfrichter und Henker verwandelt. Ihre Wertschätzung von Musik, Dichtkunst und Philosophie hatte die Menschen nicht dafür gewappnet, als mündige Bürger dem Irrsinn Einhalt zu gebieten, als es darauf ankam. Otl Aicher war der Ansicht, dass die traditionelle bürgerliche Wertschätzung der «Sonntagskultur» über Bord geworfen gehörte. Er hatte nichts gegen Theater, Oper, Konzerte oder Gemälde. Aber ihre Überhöhung in einen Fetisch hatte zur Geringschätzung des Alltags geführt. Deshalb waren auch die alltäglichen Dinge gering geachtet, die seit der Industrialisierung in großen Stückzahlen hergestellt werden konnten und dadurch für breite Schichten der Bevölkerung erschwinglich waren.

Feines Porzellanservice für den Festtag mit gestalterischen Mitteln zu veredeln, interessierte Aicher nicht. Er war der Meinung, dass eine freie und demokratische Zivilgesellschaft vielmehr Geschirr für jeden Tag des Jahres benötigte, für Jugendherbergen und die Mensa. Nicht nur praktisch und bezahlbar sollte es sein. Vor allem sollte es eine eigenständige, emanzipierte Form erhalten, also die Erscheinung von vornehmen Luxuswaren nicht imitieren: Weder ihren Stil, noch teure Materialien oder kostbare Verarbeitung vortäuschen. Den gleichen Anspruch richtete Aicher auch an die Gestaltung von Informationen. Wer einen übersichtlichen Zugfahrplan entwickelte oder ein aufklärendes Plakat über die Notwendigkeit gesunder Ernährung, ging aus seiner Sicht einer Beschäftigung nach, die gesellschaftlich relevanter war als künstlerische Malerei oder als zerstreuende Unterhaltung.

Otl Aicher hat dieses Programm der HfG als Beitrag zur kulturellen Bewältigung der technischen Zivilisation beschrieben. Dieses Programm für eine humane Gesellschaft bildete die Grundlage der HfG für die Beschäftigung mit Fragen der Gestaltung. Welchen Beitrag muss die Gestaltung leisten, damit die Menschen den Versuchungen eines tyrannischen, menschenverachtenden Regimes widerstehen werden? Welche Verantwortung trägt der Gestalter für die Entwicklung und Stärkung einer freien, unabhängigen und kritischen Gesellschaft?  In welcher Gesellschaft wollen wir leben, und welchen Beitrag können wir als Gestalter dazu leisten, dass diese Gesellschaft Wirklichkeit wird?

Die Antworten, die an der HfG darauf entwickelt wurden, liegen heute schon 40 Jahre und mehr zurück. Wer es heute für richtig hält, sich mit dieser Frage zu beschäftigen, sollte deshalb vor allem den Gründungsimpuls der HfG ernst nehmen: Es lohnt sich zwar, wenn man die alten Aussagen kennt, weil darin viel Klugheit und Aufrichtigkeit steckt. Aber die Umstände haben sich so sehr verändert, dass wir unsere eigenen Antworten finden müssen.

Die HfG Ulm wird heute vor allem auf Oberflächen reduziert: Geräte, die zu Ikonen des modernen Produktdesigns stilisiert wurden; visuelle Erscheinungsbilder, die als Musterbeispiele in Lehrbüchern veröffentlicht sind; die Architektur Max Bills. Die Haltung, die zu diesen Resultaten geführt hat, ist darüber meist in Vergessenheit geraten. Das ist insofern tragisch, als wir heute wieder mit den Folgen – auch den politischen Folgen – von Gestaltung konfrontiert sind, die sich auf die emotionale Überwältigung der Menschen stützt. Die bewusst eine sachliche Auseinandersetzung unterläuft. Die teilweise sogar die Bemühungen der Wissenschaft um vorläufig gesicherte Erkenntnisse und um Wahrheit ins Lächerliche ziehen will. Diese Manipulationstechniken haben die Nazis, das haben auch die italienischen Faschisten, das haben alle totalitären Regime stets beherrscht.

Die Generation der Ulmer hat darunter gelitten. Deshalb wurde an der HfG Design als vernunftbasierte Tätigkeit praktiziert. Leitmotive waren weder Inspiration noch Kreativität, sondern vorurteilfreies und gründliches Untersuchen des Kontexts einer Aufgabe; sachliches Gewichten und Abwägen der Analyseergebnisse; interdisziplinäres Hervorbringen von Systemen anstelle von originellen Unikaten. Techniker, Wissenschaftler und Ingenieure durften deshalb auch keine Fachidioten sein, die sich nicht für die gesellschaftlichen Zusammenhängen interessierten und nur Spezialwissen im Silo ihrer Disziplin anhäuften.

Die HfG gab sich ein Profil, das randschärfer ist als das aller anderen Ausbildungsstätten für Design. Die HfG stellte sich selbst die Aufgabe, relevante Beiträge dafür zu liefern, dass die technische Zivilisation des 20. Jahrhunderts kulturell bewältigt werden kann. An keinem anderen Ort auf der Welt gab oder gibt es seither diese Fokussierung.

Das Phänomen Design existiert im Spannungsfeld von Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft. Deshalb können wir sinnvollerweise von Unternehmenskultur sprechen – auch wenn dieser Begriff teilweise vom Marketing vereinnahmt und als Etikettenschwindel für einfältige Reklame missbraucht wurde. Dennoch gibt es Unternehmen wie FSB (wenn auch nicht so viele), das sich einer Haltung  – in diesem Fall: der Haltung Aichers – verschrieben hat. Ich persönlich finde es sehr lobenswert und bin auch sehr dankbar, dass Sie durch Ihre Finanzierung und darüber hinaus reichende Unterstützung das Digitalisieren und die Präsenz der Arbeiten Peter Schuberts im 21. Jahrhundert ermöglichen.
Dafür ganz herzlichen Dank und Ihnen allen fröhliche Erhellung bei den nun folgenden Filmen.