Graft im Interview | Unbuilding Walls Deutscher Pavillon Architekturbiennale Venedig 2018

Graft im Interview

Mauern kommen wieder in Mode

26. März 2018 | Text: Ann-Kristin Masjoshusmann
Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten, 50 Sekunden

Vier für Deutschland. Die Politikerin Marianne Birthler und Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit vom Architekturbüro Graft sind verantwortlich für die Ausstellung „Unbuilding Walls“ im Deutschen Pavillon zur diesjährigen Architekturbiennale in Venedig. FSB im Gespräch mit den drei Berliner Architekten über die Mauer in den Köpfen und die Lücke als Statement.

Was war euer erster Gedanke, als ihr erfahren habt, dass das Oberthema der diesjährigen Architekturbiennale „Freespace“ lautet?

Wolfram Putz: Das Thema steht in einer tollen Kontinuität zur letzten Biennale. Der damalige Kurator Alejandro Aravena hatte 2016 einen neuen Themenkomplex aufgemacht, der Architektur in ihrer ganzheitlichen Verantwortung und gesellschaftlichen Dimension zeigte. Mit den aktuellen Kuratorinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara ist gewährleistet, dass wir nicht wieder zu einer klassischen Fachdebatte zurückkehren, sondern in dem Zeitgeist bleiben, der mit Freespace sehr offen formuliert wurde. Die beiden Kuratorinnen sind Frauen, sie sind ein Paar und sie stehen nicht wie Popstars in erster Reihe, sondern heben sich hervor durch eine subtile, sublime Architektur und Kuratorenqualität, die nicht auf Knalleffekte aus ist.

Porträt Marianne Birthler Graft Putz Krückeberg Willemeit

Vier für Deutschland. Die Politikerin Marianne Birthler und Lars Krückeberg (von links), Thomas Willemeit und Wolfram Putz vom Architekturbüro Graft sind verantwortlich für die Ausstellung im Deutschen Pavillon zur Architekturbiennale in Venedig.
(Foto: Pablo Castagnola)

Was bedeutet für euch persönlich Freiraum?
Thomas Willemeit: Ich verbinde mit dem Begriff Freiraum sofort auch Freiheit. In der Architektur geht es genau darum: um die geistige, emotionale, kreative Freiheit und die Definition und Bewahrung von Freiraum.

Welche Verantwortung habt ihr da als Architekten?
Lars Krückeberg: Wir sind der Meinung, dass wir alle jeden Morgen aufstehen und etwas untersuchen können, das wir noch nicht kennen, oder einer Frage nachgehen, die wir für uns noch nicht beantwortet haben. Das hat etwas mit einer bestimmten Haltung zu tun, mit der man sich Dingen widmet, mit der man durchs Leben geht.
WP: Und der Lebensabschnitt spielt dabei eine Rolle. An welcher Stelle der Lebenslinie steht man gerade? Was liegt hinter einem, was für Ansprüche hat man an das Jetzt und an das Morgen? Ich persönlich habe mich ganz am Anfang unserer Karriere am freiesten gefühlt. Wir hatten nichts zu verlieren, waren reputationslos, geschichtslos, rebellisch und provokant. Die Zeit danach empfand ich als sehr schwierig. Wir trugen schon Verantwortung für Mitarbeiter, hatten aber keinen Puffer hinsichtlich Manpower und Geld. Heute haben wir glücklicherweise einen guten Erfolg, der nicht übermorgen einfach wieder vergehen wird. Also können wir einfach mal investieren in die Beschäftigung mit einem Freiraum, der uns wichtig erscheint – ohne existenzielle Sorgen. Grundsätzlich ist Freiraum aber kein gemütlicher Begriff – da weht der Wind, da kann es warm und kalt sein – da ist eben das richtige Leben.


Unbuilding Walls – umgebaute, abgerissene, zurückgebaute, nicht gebaute, reale, geistige Mauern… was habt ihr vor im deutschen Pavillon?

TW: Der Begriff „unbuilding“ ist auf einer Architekturbiennale, auf der es ja um „Buildings“ geht, schon mal ungewöhnlich. Für uns war der Auslöser eine bauliche Debatte in Berlin, in der es darum geht, etwas zu entfernen. Uns interessiert, was an der Stelle entstehen kann, an der etwas weggenommen wurde. Konkreter war der Auslöser natürlich das Thema rund um die Berliner Mauer. Was wir jetzt sehen, entlang der ehemaligen Mauer, ist eine heterogene Perlenkette, ein faszinierendes Spektrum aus einer gesellschaftlichen und städtebaulichen Debatte.
WP: Zunächst einmal war das ein Thema, auf das wir latent Lust hatten. Berlin ist unsere Wahlheimat, und wir leben in einer Zeit, in der Mauern als ideologische Instrumente bedauerlicherweise wieder in Mode kommen. Ausgangspunkt unseres Beitrags ist also dieses Grundstück in Berlin, in Deutschland vor 28 Jahren. Hier lässt sich ablesen, wie wir Deutschen baulich mit unserer Geschichte umgehen. Diese geschichtsträchtigen Orte haben eine Bedeutungsebene mehr als andere und die Architekturen entsprechend auch – ganz gleich, ob es eine gebaute oder eine ungebaute ist. Eine Lücke ist auch eine Haltung, ein Statement, manchmal sogar noch prägender oder aussagekräftiger als eine Bebauung. Schlussendlich kann man wohl sagen, dass Architektur auch für ein Laienpublikum eine große Projektionsfläche bietet – solange die geführten Debatten nicht auf einem zu hohen akademischen Niveau geführt werden. Und das haben wir auf keinen Fall vor.

Marianne Birthler ist Mitglied eures Biennale-Teams. Warum sie?
TW: Ohne sie würde es nicht gehen. Sie ist grandios. Sie ist eine Frau, sie kommt aus dem Osten, sie hat als sympathische Persönlichkeit und eloquente Gesprächspartnerin einen unschätzbaren Wert für uns. Sie hat die „Wende“ und die Entwicklung dorthin hautnah mitbekommen, sie war 13 Jahre alt, als die Mauer errichtet wurde. Sie war von 2000 bis 2011 Beauftragte für die Stasi-Unterlagen – außerdem Volkskammer- und Bundestagsabgeordnete und Landesministerin. Marianne Birthler ist nicht verbittert und nicht missionarisch unterwegs. Sehr schnell war für uns klar, dass man so ein gesellschaftlich relevantes Thema, das viel mit öffentlichem Raum zu tun hat, unmöglich aus rein architektonischer Perspektive angehen kann. Täte man das, würde man vollkommen scheitern.

Was erwartet uns also ab Mai im Deutschen Pavillon in den Giardini?
WP: Unser Ausstellungsansatz umfasst drei Bereiche: ein emotionaler Einstieg mit der Frage „Was war die deutsche Teilung?“, eine Architekturausstellung, in der wir rund 25 Projekte vorstellen, und schließlich eine journalistische Dokumentation von sechs Mauern weltweit: Israel, Korea, Nordirland, Mexiko, Zypern und Spanien. Die Besucher werden vielleicht am Anfang der Ausstellung das Thema Mauer sehen – wenn sie durch sind, werden sie merken, dass es um das Nicht-Dasein von Mauern geht, dass auch, wenn eine Mauer fällt, das ursprünglich dahinter Verborgene oder die noch existierenden Mauern in den Köpfen der Menschen betrachtet werden müssen.

FSB ist wieder mit dabei in Venedig: Während der Eröffnungstage der Architekturbiennale laden wir ein in den BerührungsPUNKTE Meetingpoint im Palazzo direkt am Canal Grande. Für weitere Informationen und die Anmeldung klicken Sie bitte hier.