Interview Adrian Dorschner Thomas Beyer | Film Bowlingtreff

Adrian Dorschner und Thomas Beyer im Interview

Der Bowlingtreff hatte die größte Chuzpe

28. September 2016 | Text: Franziska Müller
Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten, 40 Sekunden

Mit ihrem Film „Bowlingtreff“ erzählen Adrian Dorschner und Thomas Beyer die Entstehungsgeschichte einer Bowlinganlage im Leipzig der 80er Jahre. FSB traf die beiden in ihrem Büro in Leipzig zum Gespräch über Schwarzbauten in der DDR, die Begegnung mit Denise Scott Brown und das Interesse der jungen Generation an der Postmoderne.

Herr Dorschner, Herr Beyer, in Ihrem Film lassen Sie 15 Personen die Entstehungsgeschichte des „Bowlingtreff“ erzählen, einem Haus, das 1987, zwei Jahre vor dem Mauerfall, eröffnet wurde. Viele sprechen mit einem gewissen Stolz darüber, seien es die freiwillige Helferin Kristina Hoffmann, der Steinmetz Andreas Kalitynski oder der Bauleiter Jörk Buch. Was macht den „Bowlingtreff“ so besonders?

Thomas Beyer: Seine Entstehung hängt eng mit der Leipziger Stadtgeschichte und vielen Biographien zusammen. Eine Bowlingbahn, das kannte man höchstens aus Ostberlin oder dem Fernsehen. Der Bau spiegelt den Hunger nach Veränderung Ende der 80er Jahre in der DDR und den Versuch der Leipziger Stadtverwaltung, den Menschen in ihrer Freizeit mehr zu bieten, als es die in Ostberlin zentralisierte Planwirtschaft zuließ. Der Bowlingtreff entstand als ein so genannter unbilanzierter Schwarzbau.

Schwarzbau? Was heißt das?
TB: Der Bau einer Bowlingbahn in Leipzig war im Finanzhaushalt der DDR nicht eingeplant. Das heißt, Konzeption, Materialbeschaffung und Bau organisierten die Leipziger an der Staatsregierung in Berlin vorbei. Viele Leipziger halfen nach Feierabend mit, dass er fertig wurde. Der Leipziger Stadtrat hatte zuvor schon an anderer Stelle Bauten schwarz errichten lassen, Schwimmbäder und Ausflugsgaststätten. Die Projekte wurden mit der Zeit immer größer und umfangreicher. Der Bowlingtreff hatte die größte Chuzpe von allen.

Adrian Dorschner Thomas Beyer Bowlingtreff Leipzig

Die beiden Macher des Films: Architekt Adrian Dorschner (links) und Filmjournalist Thomas Beyer aus Leipzig. (Foto: Yvon Chabrowski)

So groß sieht das Bauwerk doch gar nicht aus.

Adrian Dorschner: Die Bowlingbahnen entstanden in einem unterirdischen, stillgelegten Umspannwerk aus den 20er Jahren. Man sieht tatsächlich nur die Eingangshalle. Deren Architektur sieht ganz anders aus als das, was damals in der DDR gebaut werden konnte. Bemerkenswert ist auch, dass sich der Architekt Winfried Sziegoleit mit seinem Entwurf auf die Form des Vorkriegsgebäudes, einem Panorama für ein Völkerschlachtbild, bezog. Die DDR-Architektur hatte sich ja sonst immer bewusst vom Vorkriegszustand abgekehrt.

Man hätte aus diesen Beobachtungen allein ein gutes Buch machen können. Warum haben Sie einen Film gedreht?
AD: Thomas ist Filmjournalist und an Architektur interessiert, ich bin Architekt und Filmfan. Wir sind jeweils Laien im Feld des anderen. Eine gute Konstellation.
TB: Raum und Film sind einfach zwei gute Partner.

Ging es Ihnen nicht auch darum, gegen einen drohenden Abriss zu argumentieren? Das Gebäude steht ja schon viele Jahre leer.
AD: Der Bowlingtreff gehört der Stadt Leipzig und steht unter Denkmalschutz.
TB: Abreißen will den Bowlingtreff niemand in der Stadt. Im Gegenteil, wir glauben die Stadt möchte so schnell wie möglich wieder eine öffentliche Nutzung integrieren und sucht nach einem neuen Konzept.

Wie reagierte die Stadt Leipzig auf Ihre Filmpläne?
TB: Freundlich und hilfsbereit. Wir konnten das Haus eine Woche mieten, um darin zu drehen. Ich hatte den Eindruck, dass die Leute von der Stadt auch wollen, dass man über das Haus spricht.
AD: Der Bowlingtreff sollte gut dastehen im Film. Bevor wir drehten, ließ man sogar die Graffitis übermalen.


Ihre Architekturaufnahmen lassen das imposante Eingangsgebäude majestätisch wirken. Wie filmt man so etwas?


TB: Wir haben die komplette Wunschliste unserer wunderbaren Kamerafrau Simone Friedel ausgeliehen: Schienen, Kran mit neun Meter Ausleger, Dollywagen. Es gibt einen Schwenk von der Decke bis zum Boden und dann die gesamten Bowlingbahnen entlang. Daran haben wir einen ganzen Tag gearbeitet. Da passiert so viel gleichzeitig. Während der Kranarm hinabging, musste die Kamera gedreht werden und die Blende musste sich öffnen. So etwas geht nur, wenn man sich Zeit nimmt und tolle Mitstreiter hat. Mit unserem Team würden wir jederzeit wieder drehen.

Sie haben sich sogar die Zeit genommen, zwei international bekannte Vertreter der Postmoderne, Paolo Portoghesi und Denise Scott Brown, die in diesem Jahr beide 85 Jahre alt werden, zu besuchen und über den Bowlingtreff zu befragen. Wie sind Sie auf die beiden gekommen?

AD: Erstens gibt es nicht mehr viele prominente, lebende Vertreter der Postmoderne, zweitens denkt jeder bei einer Bowlingbahn an Amerika, an Casinos und Las Vegas. So kamen wir auf Denise Scott Brown. Zudem war Paolo Portoghesis Buch „Ausklang der modernen Architektur“ für den Architekt Winfried Sziegoleit in den 80er Jahren wichtig. Er war übrigens auch an der Planung des Leipziger Gewandhauses beteiligt und hat das Rundkino in Dresden entworfen.
TB: Im Film sollte klar werden, dass die Architektur wie ein Text zu lesen ist. Dafür war es gut, das Paolo Portoghesi und Denise Scott Brown den Bowlingtreff nicht kannten, sondern nur anhand eines Bildes erklären, was sie sehen. Ihre Antworten waren viel schöner und besser, als wir erwartet hatten. Wir konnten gar nicht alle guten Gedanken im Film unterbringen.
AD: Sehr interessant war ein kleines Detail, als wir bei Denise Scott Brown in Philadelphia ankamen. Sie sagte zu ihrem Assistenten: „I told you they must be young.“ Sie war sich vollkommen bewusst, dass es unsere, in den 80er Jahren geborene Generation ist, die sich derzeit für die Postmoderne interessiert. Wir sind 1981 und 1983 geboren, wir haben einen anderen Abstand.

… nicht nur Abstand zur Postmoderne, sondern auch zur DDR-Zeit. Sie kamen gerade in die Schule, als der Bowlingtreff eröffnet wurde. Wie haben Sie es erlebt, die DDR-Geschichte aus dem Mund der Protagonisten zu hören? 

TB: Ich hatte Reaktionen erwartet wie: „Lass mich in Ruhe mit dem Zeug.“ Das Gegenteil war der Fall. Die damals am Bau Beteiligten verwiesen sogar aufeinander. In dem Sinne führt der Film das alte Team von damals wieder zusammen. Viele sprachen zum ersten Mal nach langem über das Haus. Dafür haben wir bewusst Raum gegeben. Es gab keine zugespitzten Thesen, keine Antworten, die wir hören wollten. Wir mussten bisweilen viele Erinnerungsschichten freilegen. Die Leute erzählten, als wären wir ihre Kinder oder Enkelkinder. Gegenüber einem älteren Journalisten, wären die Antworten sicher anders ausgefallen.

Ihr Film verzichtet auf Off-Kommentare. Warum halten Sie Ihre eigene Sichtweise zurück?
TB: Wir wollten anhand eines Hauses ein Stück Zeitgeschichte erzählen und dabei natürlich auch die Zeitzeugen hören, nicht die Erzählstimme aus dem Off. Glücklicherweise haben so viele Zeitzeugen mitgemacht. Am Ende soll der Film die Zuschauer zur Frage verleiten: Was steht eigentlich in meiner Straße, und welche Geschichte gibt es dazu? Dafür braucht man kein Superstar-Gebäude. Man findet die Gelenkstellen einer Zeit und Architektur – wie es Winfried Sziegoleit so schön sagte – in den Häusern, die weniger im Fokus stehen.

FSB lädt ein:
Screening des Films Bowlingtreff mit Adrian Dorschner und Thomas Beyer

Montag, 10. Oktober 2016, 19.30 Uhr
Cinémathèque Leipzig in der naTO
Karl-Liebknecht-Straße 48
04275 Leipzig

Dienstag, 11. Oktober 2016, 20 Uhr
Programmkino Ost
Schandauer Straße 73
01277 Dresden

Die Zahl der Sitzplätze ist begrenzt! Wir empfehlen, sich anzumelden bei wolfgang.reul@fsb.de