Interview Claudia Kromrei Paul Kahlfeldt | Werkbundstadt Berlin

Claudia Kromrei und Paul Kahlfeldt im Interview

Wir versuchen, es besser zu machen

22. September 2016 | Text: Jasmin Jouhar
Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten, 10 Sekunden

33 Architekturbüros, die gemeinsam ein neues Wohnquartier entwickeln – vom Städtebau bis zur Dachterrasse? Dieses Experiment wagt der Berliner Werkbund. Mit dabei sind Büros wie Lederer Ragnarsdottir Oei, Max Dudler, Jessenvollenweider, Caruso St John, Hild und K, Arno Brandlhuber, Schulz und Schulz oder Heide von Beckerath. Anlässlich des Deutschen Werkbundtages 2016 sind die Entwürfe für die „Werkbundstadt Berlin“ von morgen an erstmals öffentlich zu sehen. FSB traf die beiden Initiatoren Claudia Kromrei und Paul Kahlfeldt auf dem Projektgrundstück, einem ehemaligen Tanköllager an der Spree in Berlin-Charlottenburg, und sprachen über robuste Häuser, architektonische Vielfalt und Verständigungsschwierigkeiten unter Kollegen

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Wann entstand die Idee zur Werkbundstadt?
Claudia Kromrei: Nach der Architekturbiennale Venedig 2014. Der Werkbund hatte rund 20 Kolleginnen und Kollegen gebeten, Ideen zum Deutschen Pavillon zu entwickeln, für eine Ausstellung zur Biennale. Danach haben wir uns gefragt: Was machen wir als nächstes? Der Titel der Pavillon-Ausstellung lautete „This is modern“, und diese Fragen haben wir auf das alte Werkbundthema Wohnen bezogen. Da fallen einem natürlich gleich die zahlreichen Werkbundsiedlungen ein, aber uns war klar, dass das für Berlin nicht das richtige Programm ist. Daher der Name „Werkbundstadt“.

Wie kamen Sie auf das Grundstück?
Paul Kahlfeldt: Wir Architekten gehen durch die Stadt, entdecken freie Grundstücke und fragen uns: „Warum steht da nichts?“ Ein Anruf beim Grundstücksamt reicht, und Sie wissen, wem das Grundstück gehört. Für die Werkbundstadt sollte die Fläche eine gewisse Größe haben, also keine Baulücke, und es sollte innerstädtisch sein.

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Claudia Kromrei und Paul Kahlfeldt, die Initiatoren der Werkbundstadt, auf dem Projektgrundstück, einem ehemaligen Tanköllager in Berlin-Charlottenburg. (Foto: Jasmin Schuller)

Wann haben Sie das erste Mal gedacht, dass Ihr Vorhaben eine Chance auf Realisierung haben könnte?
CK: Sofort. Das war Voraussetzung, das überhaupt zu machen. Eine reine Spekulation sollte das nie sein. Deswegen haben wir von Anfang an mit dem Grundstückseigentümer und dem Stadtplanungsamt gemeinsam geplant.

Der Städtebau für das gesamte Grundstück und die Häuser für die einzelnen Parzellen sind in einem aufwändigen, kooperativen Verfahren mit allen Beteiligten in Klausurtreffen entwickelt worden. Gibt es Vorbilder für dieses Verfahren?

PK: Aufwändig ist relativ. Wenn es ein öffentliches Grundstück wäre, wäre der Aufwand viel größer. Das Verfahren war effizient – es hat ein Jahr gedauert.
CK: Im September 2015 hatten wir die erste von sieben Konzeptklausuren. Hätte man einen internationalen Wettbewerb ausgeschrieben, wäre das viel aufwändiger gewesen und hätte viel länger gedauert. Vorbilder hat das Verfahren allerdings nicht. Das haben wir uns ausgedacht.

Welche Auflagen haben Sie sich selbst gegeben?
CK: Die Regularien haben wir in den Klausuren gemeinsam entwickelt. Auf der städtebaulichen Ebene umfassen die Regularien unter anderem öffentliche Straßen und Wege, die das Grundstück durchqueren. Wir wollen Häuser, die ihre Adresse an der Straße haben und nicht in einem Hinterhof. Wir wollen ein bestimmtes Maß an Dichte, wir wollen bauliche Hochpunkte setzen. Die architektonischen Parameter wiederum beziehen sich stark auf die Erdgeschoss-Nutzung, damit das Quartier urban wird.
PK: Auf architektonischer Ebene ist uns auch die Mischung der Gebäudetypologien wichtig. Es gibt große Häuser, es gibt kleine Häuser, ganz kleine. Jedes Haus muss autonom funktionieren: die alte Idee, dass das Haus wie die Stadt und die Stadt wie das Haus organisiert ist. Und in jedem Haus soll es billige und teure, große und kleine Wohnungen geben. So war das Berliner Mietshaus ja traditionell organisiert.
CK: Der einzige Altbau auf dem Areal, das „Werkbundhaus“ an der Quedlinburger Straße, hat in dieser Hinsicht Vorbildcharakter, weil es ein sehr robustes und nach 120 Jahren immer noch hervorragend funktionierendes Wohnhaus ist. Auf dieser Ebene haben wir die Regularien formuliert. Entwerft Häuser, die diese gebäudetypologische Robustheit haben. So dass sie heute ein Nailstudio aufnehmen können und in zehn Jahren das, was wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Typologisch sollten die Häuser dieses urbane, funktional und sozial gemischte Quartier bilden können. Dass die gestalterischen Gemeinsamkeiten naturgemäß heute nicht mehr so konditioniert sind, wie sie das in den 1920er Jahren noch waren, das ist jedem klar. Und das sieht man im Ergebnis auch. Das Reizthema bleibt immer die architektonische Gestalt, die heute vielfältig ist.

Aber wäre eine größere Einheitlichkeit nicht erstrebenswert gewesen?
CK: Mit diesem eigenartigen Prozess war die Frage verknüpft: Können wir uns auf etwas verständigen, so unterschiedlich, wie alle sind? Es stellte sich als schwierig heraus, es verständigt sich der ein oder andere nicht so bereitwillig auf etwas Gemeinsames. Wenngleich ich glaube, dass Herr Ingenhoven das erste Mal einen Ziegelstein in die Hand genommen hat.
PK: Wir fangen ja erst an. Der Werkbundtag ist der Anfang, nicht das Ende.
CK: Wir zeigen jetzt den Vorentwurf im Maßstab 1:200. Der Vorentwurf ist eine Addition aus 39 Häusern. Der ganze notwendige Abstimmungsprozess, blockweise, straßenweise, in der konkreten Materialisierung, der kommt noch.

Sind die Kolleginnen und Kollegen dazu bereit?

CK: Ja! Sie haben alle an dem eigenwilligen und nie dagewesenen Verfahren viel Spaß gehabt.

Die erste große Entscheidung ist gefallen mit der Auswahl der Entwürfe für die Parzellen. Wie ist denn jetzt die Stimmung unter den Beteiligten? Gibt es interne Kritik? Reibereien?
CK: Die Situation für die beteiligten Büros war nicht einfach. Jeder hatte für drei verschiedene Parzellen je einen Entwurf geliefert. Jeder hat eine Vorstellung, welches von seinen drei Häusern das gelungenste sei. Und jeder hat auch eine Vorstellung, wie diese Werkbundstadt insgesamt aussehen könnte. Dann trafen wir uns alle in Amsterdam zur letzten Klausur, um die Parzellen zu vergeben. Die Konflikte sind an diesem Wochenende ausführlich thematisiert worden, welches Haus passt wohin, wie kommen die Häuser zusammen, wie sehen die Ecken aus? Letztlich konnten wir aber einen Vorschlag entwickeln, dem alle zugestimmt haben. Nicht ohne Debatten über Alternativen und auch nicht ohne Murren. Die Diskussionen waren sehr gut, offenbarten aber auch, dass die Haltungen sehr weit auseinandergehen.
PK: Ich würde das unbedingt positiv formulieren: Wir machen das gemeinsam, jeder bringt seine eigenen Sachen in die Gemeinschaft ein, man lernt sehr viel.
CK: Nicht ohne Grund sind die Konzeptklausuren von allen besucht worden, mit echter Vorfreude.

Ganz praktisch gefragt: Was sind die nächsten Schritte?
PK: Das große Ziel war der Werkbundtag. Jetzt müssen wir uns um die planungsrechtliche Abstimmung kümmern, um das Bebauungsplan-Verfahren. Wir müssen eine formale Struktur für die Realisierung entwickeln. Bauherren müssen gefunden werden.

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Mit dieser Skizze hielten die beteiligten Planer den städtebaulichen Entwurf erstmals fest – beglaubigt mit ihren Unterschriften.

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Blick auf das Werkbundstadt-Modell von oben. Die beiden Gebäude am östlichen Rand des Grundstücks sind Bestand. (Foto: Deutscher Werkbund)

Sie konnten eine ganze Reihe von Unternehmen gewinnen – auch FSB. Wie unterstützen die Unternehmen die Werkbundstadt?
CK: Alle ganz enthusiastisch, aber jeder auf seine Weise. Über das konkrete Projekt hinaus wollen wir mit den Unternehmen und den Produktgestaltern im Werkbund vorbildliche Produkte für den Wohnungsbau entwickeln. Wir wünschen uns eine engere Zusammenarbeit zwischen denen, die die Produkte entwickeln, und denen, die sie tatsächlich produzieren.

Wann kommt der erste Umzugswagen in die Werkbundstadt?
PK: Im Jahr 2020 oder 2021.

In dieses Projekt investieren Sie beide persönlich viel Zeit, viel Engagement, auch über Ihre Position bei Werkbund hinaus. Warum machen Sie das?

PK: Wenn man in so einer Institution wie dem Werkbund ist, dann sollte mehr dabei herumkommen als gemeinsames Kaffeetrinken. Man will doch im Leben etwas erreichen!
CK: Wir wollen die 100 Jahre alte Vereinigung Werkbund weiterbringen.
PK: Wenn ich sehe, was hier um die Ecke neu gebaut wird, dann kann ich mich schon aufregen. Dann muss ich aber auch zeigen, wie ich es für richtig halte. Denn aufregen kann jeder. Wir versuchen, es anders, besser zu machen.