Interview Louisa Hutton Matthias Sauerbruch | Museum M9 Mestre Experimenta Heilbronn

Sauerbruch Hutton im Interview

Wie ein Pas de deux von zwei Gebäuden

18. April 2019 | Text: Jasmin Jouhar
Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten, 40 Sekunden

Von Berlin in die Welt: Louisa Hutton und Matthias Sauerbruch gehören seit vielen Jahren zu den wichtigsten Architekten Deutschlands. Kennengelernt haben sie sich in London, seit 1991 haben sie ihr Büro in Berlin. Mit dem Wissenschaftszentrum Experimenta in Heilbronn und dem Museum M9 in Mestre konnten sie zuletzt zwei große Neubauprojekte für Bildung und Kultur fertigstellen. FSB traf sie in ihrem Büro zum Gespräch über ein Haus als Ausstellungstück und die Freude darüber, wenn ihre Architektur angenommen wird.

Vor kurzem wurde Ihr Neubau für das Wissenschaftszentrum Experimenta in Heilbronn eröffnet, pünktlich zum Beginn der dortigen Bundesgartenschau (BUGA). Welche Rolle spielt die Experimenta für die Stadtentwicklung Heilbronns?

Matthias Sauerbruch: Unser Bauherr ist die Dieter-Schwarz-Stiftung, die in Bildung investiert. Deshalb hat die Stiftung in Heilbronn, wo Dieter Schwarz auch herkommt, einen Bildungscampus mit drei verschiedenen Hochschulen gebaut. Und die Experimenta ist sozusagen der Einstieg in diesen Campus. Hier soll jungen Menschen Wissenschaft und Technik auf spielerische Art nahegebracht werden.
Louisa Hutton: Die Experimenta liegt in der Nähe des Bahnhofs, in einem ehemaligen Industriegebiet auf einer Insel im Neckar. Dieser Teil der Stadt sollte revitalisiert werden – zusammen mit der BUGA.
Matthias Sauerbruch: Heilbronn war seit dem 19. Jahrhundert ein wichtiger Industriestandort, es hieß damals „das Liverpool Baden-Württembergs“. Im Zweiten Weltkrieg ist die Stadt praktisch dem Erdboden gleichgemacht worden und danach auf schnelle, pragmatische Weise wiederaufgebaut worden. Eine autogerechte Stadt, fragmentiert und durchmischt. Seit einiger Zeit erlebt die Region einen Strukturwandel, dadurch liegen Industrieareale brach, die neu definiert werden müssen.

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Das Berliner Büro Sauerbruch Hutton wird geführt von den beiden Gründern Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton und ihrem Partner Juan Lucas Young (v. l.).
(Porträt: Claire Laude)

Ihr Neubau steht einem bereits vor einigen Jahren sanierten Altbau gegenüber. Gibt es eine Verbindung?
Matthias Sauerbruch: In der städtebaulichen Komposition auf alle Fälle. Sie sind etwa gleich groß und bilden zusammen einen schönen Eingangsraum. Der Weg von der Stadt, vorbei am Bahnhof, geht durch diesen Raum hindurch. Auf der einen Seite hat man das rationale Lagergebäude aus den Dreißigern mit einer Klinkerfassade und auf der anderen Seite unseren Bau, der skulpturaler und expressiver ist. Wie ein Pas de deux von zwei Gebäuden. Sie berühren sich nicht, aber es gibt eine Spannung.

Das Experimenta-Gebäude sieht nicht aus wie ein typischer Sauerbruch Hutton.
Matthias Sauerbruch: Der Bauherr hat großen Wert daraufgelegt, dass das Gebäude aus der Aufgabe heraus entwickelt ist. Im Wettbewerb haben wir deshalb die Grundidee des spiralförmigen Wegs entwickelt – die Raum-Spirale. Sie führt aufwärts durch das Haus und lässt die Besucher den Wechsel zwischen introvertierter und extrovertierter Perspektive erleben. Es gibt abgeschlossene Räume, in denen verschiedenen Themenwelten inszeniert sind. Zum anderen bieten sich sensationellen Ausblick über die Stadt.
Louisa Hutton: Wir stellen so eine Verbindung her mit der Innenstadt, mit der umgebenden Landschaft und den Weinbergen. Und natürlich auch mit der BUGA. Die Besucher gleiten diagonal durch ein Panorama von Heilbronn.

Auffällig ist auch die Konstruktion.

Matthias Sauerbruch: Weil das Gebäude auf einer Spirale basiert, besteht die Konstruktion aus einem komplexen Stahlwerk. Es gibt wenige durchgehende Stützen und ein System von horizontalen Trägern und davon abgehängten Hängestützen. Uns lag daran, diese Konstruktion für die Besucher sichtbar zu machen, weil wir das Gebäude als eine Art großes Ausstellungsstück sehen.
Louisa Hutton: Das Raumgefühl soll leicht und unangestrengt sein. Das Gebäude soll sich nicht schwer anfühlen.

Vor wenigen Monaten ist das Museum M9 in Mestre, auf dem Festland von Venedig, fertig geworden. Auch mit diesem Projekt soll Stadt revitalisiert werden.

Matthias Sauerbruch: Ja, das stimmt, es gibt aber auch große Unterschiede. In Mestre geht es um die traditionelle italienische Stadt mit ihren Plätzen, Straßen, mit dem italienischen Leben im Freien.
Louisa Hutton: Das Projekt liegt in einem innerstädtischen Quartier in der Nähe der Kathedrale. Hier gab es einst ein Kloster, danach wurde es für militärische Zwecke genutzt. Der Block war mehr als 100 Jahre nicht öffentlich zugänglich. Wir wollten neue Wege durch das Quartier schaffen, damit die Menschen es durchqueren können – in diagonaler wie in Ost-West-Richtung. Die wichtigste städtebauliche Idee war, das städtische Gewebe im kleinen Maßstab wieder zu erschaffen. Deswegen haben wir das Museumsgebäude auf zwei Volumen verteilt, um Raum für die Wegebeziehungen zu haben. Wichtig ist auch, welche Nutzungen neben dem Museum noch zu finden sind. Das Quartier ist schließlich für die Einwohner Mestres gemacht. Es gibt jetzt Cafés und Restaurants, eine Buchhandlung hat bereits geöffnet. Der Fanshop eines örtlichen Fußballclubs, ein Spielzeugladen – normales Stadtleben eben.
Matthias Sauerbruch: Mestre hat die gleichen Probleme wie viele andere Gemeinden. Der Markt ist zwar sehr lebendig, aber außerhalb der Stadt gibt es die großen Shopping-Center. Unser Projekt soll helfen, die Menschen, vor allem auch die jungen, im Zentrum zu halten. Im Altbau neben dem Museumgebäude eröffnet deshalb demnächst ein Coworking-Space.

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Das Haupttreppenhaus im Museum M9 in Mestre

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Der öffentliche Stadtplatz zwischen den beiden Neubauten des Museums.
(Fotos: Alessandra Chemollo © Polymnia Venezia)

Und wie wird das neue Quartier von den Menschen angenommen?
Louisa Hutton: Wenn ich dort bin, berührt mich das wirklich, wie die Einwohner Mestres das Quartier nutzen. Sie fahren mit dem Fahrrad hindurch, gehen dort mit ihren Hunden spazieren, trinken einen Kaffee und unterhalten sich. Unabhängig davon, ob sie ins Museum gehen oder nicht. Unsere Mission, neuen Stadtraum zu schaffen, hat sich erfüllt. Das ist fantastisch.

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Der Experimenta-Neubau in Heilbronn windet sich spiralförmig in die Höhe.

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Die aufwändige Konstruktion des Stahltragwerks ist auch in den Innenräumen sichtbar.
(Fotos: Roland Halbe)