Jasper Morrison im Interview | Berlin, Brakel, Tokio

Jasper Morrison im Interview

Ohne Input gibt es keinen Output!



9. März 2017 | Text: Jasmin Jouhar
Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten, 15 Sekunden

Heute ist Jasper Morrison einer der ganz Großen des Designs. Doch die Anfänge seiner Karriere liegen in Berlin – und Brakel. Der Entwurf für die Türdrückerfamilie FSB 1144 gehörte zu seinen ersten Arbeiten, die in Serienproduktion gingen. Klar, dass die Klinke auch in der Retrospektive „Jasper Morrison. Thingness“ zu sehen ist, die das Berliner Museum Bauhaus-Archiv ab dem 22. März 2017 zeigt. Ein Gepräch mit dem britischen Designer über seine Zeit in der Mauerstadt, die harte Lehre aus der Zusammenarbeit mit FSB, und warum er gerne zwischen den Kontinenten verschwindet.

Der Stadt Berlin kommt in Ihrer Karriere eine besondere Rolle zu. In den 1980er Jahren lebten Sie ein Jahr in Berlin und studierten an der Hochschule der Künste. 1988 zeigten Sie die Ausstellung „Some New Items for the Home, Part I“ in der daadgalerie. Welche Bedeutung hat es für Sie, Ihre Werke jetzt wieder in Berlin ausgestellt zu sehen?
Es ist ein gutes Gefühl, nach Berlin zurückzukehren mit einem beinahe vollständigen Rückblick auf das, was ich in den letzten dreißig Jahren gemacht habe. Ich freue mich, im Bauhaus-Archiv auszustellen. Damals als hoffnungsvoller Designstudent bin ich oft dort gewesen.

Wie haben die Zeit in Berlin und die dort gemachten Erfahrungen Ihre Arbeit – möglicherweise bis zum heutigen Tage – beeinflusst?
Ich denke an Berlin als die Stadt, die mich als Designer wirklich geformt hat. Natürlich haben auch London und Mailand ihren Teil dazu beigetragen, aber in Berlin herrschte damals eine solch energiegeladene Atmosphäre. Und durch diese spezielle Umgebung, von einer Mauer umschlossen, wurde die Stadt zu einem umso intensiveren Erlebnis für einen jungen Designer, der dort Inspiration und Haltung in sich aufsog.

Jasper Morrison Designer London Paris Tokio Berlin Porträt

Jasper Morrison (Porträt: Elena Mahugo)

Sehr früh in Ihrer Karriere haben Sie mit FSB für ein neues Klinkendesign zusammengearbeitet. Wie kam es dazu?
Ich hatte eine Klinke für ein Appartement in London entworfen und ließ sie für ein Innenausstattungsprojekt, mit dem mich der Eigentümer beauftragt hatte, herstellen. Diese Klinke wurde in einem Beitrag in der italienischen Zeitschrift domus abgebildet, ein erster, wirklich karrierefördernder Artikel. Das dürfte 1988 gewesen sein. Jürgen W. Braun, der damalige Geschäftsführer von FSB, las den Artikel und fragte an, ob er die Klinke produzieren könne. Ich hatte keine Ahnung, was FSB war, aber es dauerte nicht lange, bis ich erkannte, dass dies die meine erste Chance für eine industrielle Serienproduktion war.

Wie haben Sie es als junger Designer empfunden, mit FSB an einem Industrieprodukt in Form einer Türdrückerserie zu arbeiten?
Es war, ehrlich gesagt, ganz schön schwierig für mich, auch wenn Jürgen Braun der freundlichste Kunde war, den man sich überhaupt wünschen konnte, und er mich immer wieder anspornte. Die Originalklinke entstand, indem ein schmaler, S-förmig geschwungener Griff auf einen Zylinder geschweißt wurde. Am Ende des Zylinders gab es eine konkave Vertiefung, in der der Daumen ganz natürlich seinen Platz fand. Das Problem war, dass die FSB-Standardrosette einen kleineren Bohrungsdurchmesser als der Zylinder hatte, weshalb er verkleinert werden musste. Dann wäre der Zylinder jedoch zu klein gewesen. Ich habe hart an der Lösung dieses Problems gearbeitet, aber das Ergebnis hatte nie die Eleganz des Originals. Das war eine erste, harte Lehre, welche Parameter die Industrie einem Designer aufzwingen kann.

Gefallen Ihnen Design und Konzept von FSB 1144 auch heute noch?
Als ich mit meiner Arbeit an der 1144 anfing, war ich durch das Rosettenproblem vorgewarnt, und das Design fügte sich ohne größere Probleme zusammen. Ich bin auch heute noch der Meinung, dass es eine gute Klinke ist, und ich habe sie bei mir zuhause. Jedes Mal, wenn ich eine Tür öffne oder schließe, freue ich mich, dass ich damals richtig gute Arbeit abgeliefert habe!

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Der Türdrücker 1144, 1990 von Jasper Morrison für FSB entworfen.
(Foto: Hans Hansen/ FSB)

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Jasper Morrison (Foto: FSB)

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FSB 1144 in flächenbündiger Ausführung (Foto: FSB)

Im weiteren Verlauf Ihrer Karriere prägten Sie mit dem japanischen Designer Naoto Fukasawa den Begriff des Supernormalen. Sehen Sie eine Verbindung zwischen diesem Konzept und der FSB 1144? Klinken sind allgegenwärtig und gewöhnlich, wir benutzen sie so häufig, und oft sind sie ein anonymes Produkt.
Ganz genau. Ich denke, die 1144 war vermutlich mein erstes supernormales Design. Die Form übernahm ich von der handgezeichneten Darstellung der Klinke einer Pferdekutsche, die ich in einem alten Katalog gefunden hatte. Sie schien der Inbegriff des Griffförmigen zu sein.

Täuscht mein Eindruck, oder ist der Gedanke des Neuen für Ihre Arbeit nicht so wichtig?
Ja und nein. Es ist sicherlich nicht das Wichtigste. Aber ich denke nach wie vor, dass ein neues Design etwas Frisches und sogar etwas Überraschendes an sich haben sollte – auch wenn die Inspiration aus etwas Altem entsteht. Dabei sollte das Design jedoch zugleich individuell und einfach sein. Ich habe das Konzept des Supernormalen erst rund 16 Jahre später umgesetzt, aber die 1144 war instinktiv supernormal.

Wie kommt es also, dass Sie weiterhin neue Produkte und Möbel für einen Markt entwickeln, der stark gesättigt zu sein scheint?
Oh, das ist schnell erklärt. Die Dinge müssen weniger neu als vielmehr besser sein. Dieter Rams hat uns das beigebracht, und es ist ein sehr wichtiger Punkt, der katastrophale Folgen hat, wenn ein Designer ihn ignoriert.

Es gibt einige Firmen, mit denen Sie über einen längeren Zeitraum hinweg zusammenarbeiten – Unternehmen wie Vitra, Punkt oder Flos. Wie wichtig sind solche Beziehungen für Sie?
Es gibt etliche langfristige Beziehungen, die alle außergewöhnlich sind. Es ist spannend, hin und wieder für eine neue Firma zu arbeiten, aber die Vertrautheit und das Einvernehmen mit denjenigen, mit denen ich beinahe von Anfang an zusammenarbeite, sind praktisch unschlagbar.

Sie teilen Ihre Zeit zwischen London und Ihren beiden anderen Studios in Paris und Tokio auf. Warum unterhalten Sie für Ihre Arbeit drei verschiedene Standorte auf zwei Kontinenten?
Es gibt mir viel, an unterschiedlichen Orten zu sein, und es gibt mir viel, das jeweilige Büro und all die Verantwortung, die diese Arbeitsräume mit sich bringen, so oft wie möglich hinter mir zu lassen! Ich reise mit leichtem Gepäck zwischen den Standorten hin und her. Und es bietet zusätzlich den Vorteil, dass niemand weiß, wo ich gerade bin!

Japan ist offensichtlich ein wichtiger Bezugspunkt für Ihre Arbeit. Warum ist das so?
Ja, die Kultur der visuellen Einfachheit reicht dort so weit zurück, dass ich mich wie ein Archäologe fühle, der sich durch die Schichten gräbt und entdeckt, wie natürlich und essenziell diese Einfachheit ist.

Vor kurzem haben Sie ein anrührendes Buch mit dem Titel „The Hard Life“ veröffentlicht. Es geht um Alltagsgegenstände aus dem ländlichen, vorindustriellen Portugal. Wie wichtig sind „Nebenprojekte“ wie dieses?
Ich habe unterrichtet, bis ich eines Tages feststellte, wie schlecht mein Unterricht war. Durch das Schreiben von Büchern gebe ich dem Bildungssystem auf meine Art etwas zurück. Ich habe als Student so viel aus Büchern gelernt, und es ist mir eine große Freude und inspiriert mich, neue Bücher zu schreiben.

Sie machen außerdem viele Fotos von Gegenständen und Situationen des täglichen Lebens. Inwiefern hängt das mit Ihrer Arbeit zusammen?
Das ist ein wesentlicher Bestandteil des Prozesses, eine Erweiterung meines visuellen Gedächtnisses, das mir hilft, neue Dinge auszudrücken. Ohne Input gibt es keinen Output!

Und zum Abschluss die Frage: Gibt es ein Objekt, einen Gebrauchsgegenstand oder ein Möbelstück, das Sie noch nicht entworfen haben, aber das Sie sehr gerne entwerfen würden?
Die Dinge, die zu entwerfen man mich bittet, halten immer mehr Überraschungen bereit und sind interessanter als das, was in meiner Vorstellung ein gutes Projekt wäre. Ich warte lieber ab, was so auf meinem Reißbrett landet!

Die Ausstellung „Jasper Morrison. Thingness“ ist vom 22. März bis 23. Oktober 2017 im Bauhaus-Archiv Berlin zu sehen. Danach wird die Retrospektive vom 23. November 2017 bis 6. Mai 2018 im Grassi-Museum in Leipzig gezeigt.