Jürgen Mayer H. im Interview | Auftraggeber Bauherren Wettbewerbe

Jürgen Mayer H. im Interview

Komplizenschaft mit dem Bauherrn

15. Mai 2017 | Text: Tim Berge
Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten, 20 Sekunden

Er ist einer der bedeutendsten deutschen Architekten der Gegenwart: Jürgen Mayer H. baut Häuser, die oftmals auf dreidimensionalen, organischen Strukturen beruhen und sich an der Schnittstelle zu Kunst, Design und neuen Technologien bewegen. Der gebürtige Stuttgarter ist ein Pendler zwischen den Welten, dessen Arbeiten auch in Galerien und Museen wie dem MoMA ihren Platz finden. Wir sprachen mit dem in Berlin lebenden Gestalter über Architektur als Aktivator, seine ersten Erfahrungen mit Bauherren und das Kopieren des eigenen Werks.

Wer war dein erster Bauherr?
Das erste gebaute Projekt ist das Stadthaus Scharnhauser Park in Ostfildern, das wir durch den Gewinn eines internationalen Wettbewerbs bekommen haben.

Wie konntest Du damals, ohne gebaute Referenzen, an dem Wettbewerb teilnehmen?
Über ein Losverfahren, das damals üblich war und mit dem man die teilnehmende Architektenzahl in einer ökonomischeren Relation halten wollte. Es war nicht ungewöhnlich, dass sich in den 1990ern europaweit mehrere hundert Architekten an so einem Wettbewerb beteiligten. Zu den neun gesetzten Teilnehmern wurden 21 weitere hinzugelost. Das funktionierte damals noch unkompliziert per Fax: Ich musste den Auslobern meine Kammerzulassung und eine Interessensbekundung schicken, das war es dann auch schon. Und so schaffte ich es ich in das Verfahren und kam zu meinem ersten Bauvorhaben.

Jürgen Mayer H Porträt Architekt Berlin portrait architecture

Der Berliner Architekt Jürgen Mayer H. (Porträt: Tom Wagner)

Wie würdest Du das Verhältnis Architekt und Bauherr beschreiben?
Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal gibt es sofort eine Komplizenschaft, in der man gemeinsam die Neugier an der Architektur beschreiten möchte. Und manchmal ist es ein behutsamer Annäherungsprozess, bei dem man sich gegenseitig fordert und der einen dann über die gesamte Projektlänge zusammenbringt. Am Ende entwickelt sich jedoch immer eine enge und intensive Zusammenarbeit mit dem Bauherrn.

Steckt ihr euch Ziele bei der Zusammenarbeit mit dem Bauherrn?
Das Ziel ist es immer, das beste Projekt aus der jeweiligen Situation zu entwickeln: gestalterisch, ökonomisch und auch von der Wissenserarbeitung, wie wir es nennen. Für uns stellt jedes Bauvorhaben die Chance dar, neue Entwurfs- und dadurch auch neue Produktionsmethoden zu entwickeln. Aber in erster Linie muss das Gebäude natürlich funktionieren und – durch seine Architektursprache – eine individuelle Aussagekraft bekommen. Das ist eine Art Trial-and-Error-Prozess, der auf bestimmte Parameter setzt, Recherche und Forschung nutzt, aber oft auch intuitiv gesteuert wird. Und die Bauherren sind wichtigster Teil dieses Prozesses.

Was waren rückwirkend betrachtet deine wichtigsten Erlebnisse mit Bauherren?
Das war zum einen die Möglichkeit, an dem Wettbewerb zum Stadthaus Scharnhauser Park bei Stuttgart teilnehmen zu können und das Gebäude dann auch bauen zu dürfen – ohne den Bauherren ein realisiertes Gebäude als eigene Referenz vorlegen zu können. Diese Form des demokratischen Vergabeprozesses stellte die Weichen für das Büro. Dann kam Sevilla und das Projekt Metropol Parasol: In einer historischen Innenstadt, inmitten des UNESCO-Weltkulturerbes und auf römischen Ausgrabungen, ein so besonderes zeitgenössisches Bauwerk zu planen, und das auch realisiert wurde, war eine einzigartige Erfahrung. Und auf jeden Fall Georgien, wo wir akkupunkturartig und über das ganze Land verteilt kleine, mittlere und große Projekte realisierten und damit die Aktualisierung des Landes mitgestalten konnten. Dabei ist jeweils das Erleben und Teilhaben an einer anderen Kultur wahrscheinlich der größte Gewinn.

Wie kam es denn zur Zusammenarbeit mit dem Staat Georgien und seinem Präsidenten Micheil Saakaschwili?
Der erste Kontakt kam über unser Projekt Metropol Parasol in Sevilla. Georgien wollte ein ähnliches Kultur-Outdoor-Museumsprojekt in seiner Hauptstadt Tiflis realisieren. Der Bau wurde dann zwar aus verschiedenen Gründen von einem anderen Architekten entworfen und gebaut, aber den Verantwortlichen hatte unser Entwurf und die Herangehensweise so gut gefallen, dass es der Startschuss für eine Reihe anderer Projekte, wie den Autobahnraststätten, wurde. Innerhalb kurzer Zeit kamen immer mehr Bauherren aus Georgien auf uns zu – von Privatleuten über Firmen bis hin zu öffentlichen Institutionen.

Wie würdest du das Kapitel Georgien beschreiben?

Es ist ja noch nicht abgeschlossen: Momentan sind zwei weitere Autobahnraststätten, ein Bahnhof und ein Privathaus im Bau. Man kann miterleben, wie sich dieses Land für die Zukunft rüstet, seine Infrastruktur erneuert und Strukturen schafft, die für uns so selbstverständlich erscheinen, wie Supermärkte, Polizeistationen, Rathäuser oder Flughäfen. Das sind alles Architekturen, die zum Funktionieren des Landes beitragen. Man muss auch sagen, dass, als wir in Georgien vor fast acht Jahren anfingen zu arbeiten, es einen ungeheuren Erneuerungsdruck und eine Dringlichkeit gab. Diese Prozesse haben sich mittlerweile etwas verlangsamt.

Wie stark hat denn Metropol Parasol die Wahrnehmung eures Büros verändert?
Das Projekt hat unser Profil international geschärft: vom skulpturalen Verständnis der Architektur bis hin zum Einsatz neuer Materialien und neuer Technologien. Der Bau zeigt aber auch, wie zeitgenössisches Bauen öffentlichen Raum anders beschreiben kann. Er schafft nicht nur einen Rahmen für die städtische Gemeinschaft, er ist auch deren Aktivator. Und das mitten im Stadtzentrum.

Kommen private Bauherren auf dich zu mit dem Wunsch einer Kopie eines deiner Projekte?
Das ist ja erstmal als Kompliment zu verstehen, und es passiert oft mit Metropol Parasol. Aber am extremsten ist es mit der Villa Dupli.Casa: Wir bekommen fast monatlich Anfragen, von Südamerika über Afrika bis nach Australien. Es gab auch Versuche, das Gebäude ohne unser Mitwirken zu kopieren, um uns dann während der Bauphase um Hilfe zu bitten, weil es dann doch nicht so geworden ist, wie es auf den Fotos aussah. Aber in Russland ist gerade tatsächlich ein Projekt in der Realisierung, die durch die Referenz zu Dupli.Casa entstanden ist.

Hast Du ein Problem damit, dich selber zu kopieren?
Wenn es ein besonderes Interesse an einem unserer Gebäude gibt, zeigt das ja, dass sich Menschen in dieser Architektur wiederfinden können. Am Ende wird es sowieso nie eine 1-zu-1-Kopie, weil sich allein die Grundstücke und räumlichen Anforderungen nie gleichen. Wir sehen so einen Prozess für ein neues Projekt als Ausgangspunkt, das sich selbstverständlich weiterentwickelt. Dass es dann „Entwurfsfamilien“ gibt, bei denen verschiedene Gebäude Verwandtschaften deklinieren, ermöglicht interessante Vergleiche.

Architektur Hochhaus Wohnhaus Jürgen Mayer H Rhein 740 Düsseldorf Herdt Deutschland 2017

Fertigstellung noch in diesem Jahr: das Projekt „Rhein 740“, ein Wohnhochhaus im Düsseldorfer Stadtteil Herdt
(Visualisierung: J. MAYER H.)

Was hältst du von der aktuellen Entwicklung zu immer mehr Fassaden-Wettbewerben, bei denen die innere Struktur vordefiniert ist?
Das kommt auf die Bauaufgabe an: Jedes Projekt hat eigene Aspekte für mögliche Entwurfsansätze. Manchmal ist es eben die 50-Zentimeter-Haut, und manchmal ist es die interne Logistik und Organisation eines Gebäudes: Das ist der jeweilige Maßstab, mit dem man ein Gebäude durchdringt. In Miami arbeiten wir zurzeit an einer Parkhausfassade im Design District zusammen mit 4 anderen Architekten. Terry Riley kuratiert die „Collage Garage“, die jetzt aber „Museum Garage“ heißt, und jeder der beteiligten Architekten arbeitet an einem bestimmten Segment der Gesamtfassade. Hier bezieht sich die Entwurfslogik nicht auf die innere Struktur des Gebäudes, sondern im Verhältnis zu den Fassaden der anderen Architekten untereinander. Es spielt sich wirklich nur auf zirka einem Meter Gebäudetiefe ab.

War das auch so bei eurem Düsseldorfer Wohnhochhaus-Projekt Rhein 740?
Die Fassade ist ein wichtiger Aspekt bei Rhein 740. Aber ich glaube, dass bei dem Verfahren unsere Ausbildung des vom Auslober des eingeladenen Wettbewerbs geforderten Volumens ausschlaggebend war, denn durch die Lärmsituation des Grundstücks ist das Volumen und die Abstufungen des Baukörpers mitentscheidend. Um das vorgegebene Volumen etwas schlanker und vertikaler wirken zu lassen, haben wir eine Dreiteilung des Baukörpers vorgeschlagen, mit einem kleinen Verweis auf das Dreischeibenhaus in Düsseldorf.

Und wie seid ihr mit dem Thema Fassade umgegangen?
Das Grundstück hat eine sehr besondere, aber auch problematische Lage: Es befindet sich unmittelbar am Rhein-Ufer, aber auch an einer Einfallsstraße in Richtung Innenstadt. Daher haben wir eine Art akustischer White-Noise-Fassade entwickelt, die sich um das Gebäude herumwickelt und den Schall fängt und absorbiert. Nach Norden, und damit zur Straße gerichtet, wird die Fassadenstruktur enger und absorbierender – während sie sich nach vorne, zum Rhein hin, öffnet und filigraner wird. Hier bildet sie aber immer noch genügend Schutz vor Wind und Wetter aus und erzeugt gleichzeitig eine angenehme Intimität auf den Loggien und Terrassen.