Landwirtschaftsschule Bella Vista | TU Berlin baut in Bolivien

Die TU Berlin baut in Bolivien

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6. Juni 2017 | Text: Luise Rellensmann, Fotos: CODE Construction and Design, TU Berlin
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Die chilenische Architektin Lorena Valdivia leistet seit 2013 baukulturelle Entwicklungshilfe in Bolivien – gemeinsam mit Kollegen und Studierenden am Fachgebiet Entwerfen und Baukonstruktion der Technischen Universität Berlin (CODE – Construction and Design, Professor Ralf Pasel). Statt lediglich fiktive Projekte zu entwerfen, sammeln die Studierenden in einem kleinen bolivianischen Dorf so reale Bauerfahrung.

Etwas abgekämpft, aber glücklich: Lorena Valdivia sitzt nach wochenlanger Arbeit auf der bolivianischen Baustelle wieder in ihrem Büro im vierten Stock des Architekturgebäudes der TU Berlin. Seit 2012 arbeitet die Chilenin am Fachgebiet von Professor Ralf Pasel, ab 2013 brachte sie von dort aus das „Bella Vista“-Projekt ins Rollen, eine Kooperation des Fachgebietes mit der chilenischen Stiftung Fundación Cristo Vive. Im kleinen Ort Bella Vista, auf 2.800 Metern Höhe etwa 20 Kilometer außerhalb der Departamentshauptstadt Cochabamba gelegen, ist nach zwei Jahren Planungs- und Bauzeit 2015 ein erstes Gebäude für eine Landwirtschaftsschule fertiggestellt worden.

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Die Studierenden von der TU Berlin auf der Baustelle in Bella Vista in Bolivien. Bis Oktober dieses Jahres soll das Internatsgebäude fertig werden.

Derzeit arbeiten Studierende und Lorena Valdivia mit ihren Kollegen Franziska Sack, Johannes Zix und Andreas Skambas an der Weiterentwicklung des Areals. Ab Herbst dieses Jahres soll ein neues Internatsgebäude die Schule zu einem Campus erweitern. Aus allen Ecken des Landes kommen Schüler nach Bella Vista zur Berufsschule Sayarinapaj, statt 250 sind es inzwischen 500 Schüler. 80 davon besuchen die Landwirtschaftsschule, sie kommen teils aus armen, entlegenen Dörfern. Für sie sollen nun Wohnmöglichkeiten geschaffen werden, die sie als Gegenleistung dafür in Anspruch nehmen können, dass sie den Campus mit seinen Einrichtungen, vom Bienenstock bis zum Schweinestall, instand halten. Die vorlesungsfreie Zeit nach dem Wintersemester hat Lorena Valdivia mit 15 Berliner Architekturstudenten auf der Baustelle verbracht.

Die promovierte Architekturtheoretikerin Valdivia lebt seit 2001 in Berlin, damals kam sie mit einem DAAD-Stipendium nach Deutschland und schrieb ihre Dissertation bei TU-Professor Fritz Neumeyer über Andrea Palladio. Wie kommt man von der Renaissance zum regionalen Bauen, vom Archiv auf die Baustelle? „Irgendwann habe ich mich gefragt: Was kann ich als Architektin in Deutschland für Lateinamerika tun?“, erinnert sich die Hochschullehrerin, die an der Pontificia Universidad Católica de Santiago de Chile bei Alejandro Aravena Architektur studierte und später dessen Mitarbeiterin an der Hochschule wurde. Anders als ihre Heimat Chile sei Bolivien ein Entwicklungsland. „In der Baukultur gibt es viele entwicklungspolitische Aspekte, die man einbringen kann.“ Inspiriert habe sie ihre Freundschaft zu der in Eichstätt geborenen Gründerin der „Fundación Cristo Vive Bolivia“, Karoline Mayer. Das Bauprojekt in Bolivien entsteht zusammen mit der NGO der deutschen Missionarin und Entwicklungshelferin, die Valdivia bewundernd „Mutter Theresa Lateinamerikas“ nennt. Man müsse nicht religiös sein, um sich zu engagieren. Valdivia selbst motiviere eine allgemeine Liebe für die Menschen sowie ihre persönliche Lebensgeschichte: „Ich komme aus einer armen Familie, eigentlich hätte ich es gar nicht bis an die Uni schaffen können.“

Bereits im Treppenhaus des Fachgebiets Entwerfen und Baukonstruktion empfangen großformatige Plakate mit Bildern des Bauprozesses der 2015 von Studierenden fertiggestellten Landwirtschaftsschule die Besucher: das Ziegelgebäude mit weißer Sheddachhaube in saftig-grüner bolivianischer Hügellandschaft, Studierende beim Mauern neben Frauen in Röcken mit großen Hüten und langen, geflochtenen Zöpfen. „Das sind die Handwerkerinnen der bolivianischen NGO Procasha, die Frauen zu Maurerinnen ausbildet“, erklärt Valdivia. Mit einem Projekt wie Bella Vista sei man oft dem Vorwurf des „Neokolonialismus“ ausgesetzt: Reiche europäische Studierenden bauen etwas im Ausland, das sie zuhause so nicht hätten realisieren dürfen, und verschwinden dann wieder. Dem Lehrstuhl war es von Anfang an wichtig, Initiativen vor Ort mit einzubinden. Zunächst sei es ungewöhnlich für die einheimischen Frauen gewesen, die Berliner Studierenden schmutzige Arbeit auf der Baustelle erledigen zu sehen. Die bolivianischen Frauen selber trugen damals Röcke und Sandalen. Inzwischen hat sich die Fraueninitiative arbeitsökonomisch zu einer Baufirma weiterentwickelt, sie bauen nicht nur am zweiten Projekt mit, sondern sind auch an anderen Baustellen in der Region beteiligt. Die Frauen tragen jetzt Hosen statt Röcke – Lorena Valdivia sieht das als Zeichen von Selbstermächtigung in einem ,Macholand‘ wie Bolivien.

Diese Art Starthilfe vor Ort ist einer der Erfolge des Projektes, dessen soziokulturelle Bandbreite sich in den fächerübergreifenden Sponsoren widerspiegelt, zu denen von Anfang an FSB zählte – mit Materialspenden in Form von Beschlägen. Neben Baumaterialherstellern sind unter anderem die Bolivianische Botschaft in Berlin und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in La Paz involviert, aber auch eine Berufsschule für Bautechnik sowie eine Baudenkmalfirma, die den Studierenden der TU Berlin Maurerworkshops spendierten.

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Nach zwei Jahren Planungs- und Bauzeit ist 2015 das erste Gebäude für die Landwirtschaftsschule in Bella Vista fertiggestellt worden.

Auch unter dem Aspekt der Architekturlehre ist das Projekt ganzheitlich angelegt: Von Landeskunde über Entwurf, Tragwerkslehre und Bauökonomie bis hin zu handwerklichen Fertigkeiten wurde den Studierenden für den Bau der Landwirtschaftsschule jeweils über zwei Semester einiges abverlangt. Zunächst recherchierten sie konstruktive Bauweisen und landeskundliche Aspekte mit Bezug zur Architektur. Aus einer Vielzahl von Entwürfen wurden schließlich Kernthesen formuliert und eine Synthese für das finale Vorhaben gewonnen. In Begleitung anderer Fachgebiete wie Tragwerkslehre, Gebäudetechnik und Bauökonomie erarbeitete das Team aus Dozenten und Studierenden die Werkplanung für den gemeinsamen Entwurf, mit dessen Bau vor Ort sie 2014 und 2015 je zwei Monate verbrachten. Für ihre Arbeit werden sie mit Creditpoints belohnt und kommen, statt mit rein fiktiven Entwürfen, mit realer Entwurfs- und Bauerfahrung aus dem Studium. Ihr Portfolio können sie mit einem inzwischen ausgezeichneten und häufig publizierten Projekt bereichern.

Um den Entwurf in seiner jetzigen Form zu realisieren, mussten Valdivia und ihre Kollegen zunächst baukulturelle Überzeugungsarbeit leisten. Obwohl die Raumstrukturen des dreigliedrigen Neubaus typisch bolivianisch sind, waren es vor allem lokale Architekten, die das Bauvorhaben zunächst mit Skepsis betrachteten. „Für Bolivianer, die für gewöhnlich mit Lochziegeln ausgefüllte Stahlbetonskelette bauen, glich das Berliner Projekt einer ,Materialschlacht‘,“ erinnert sich die Chilenin. Dabei konnte durch die Raumkonfiguration der Schule viele Quadratmeter eingespart werden: Die aus drei Blöcken bestehende Schule hat keine innenliegenden Flure, sie ist direkt vom überdachten Außenraum aus betretbar. In Bolivien gibt es das ganze Jahr über starke Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht. Inzwischen werden die raumklimatischen und statischen Vorzüge (Erdbebensicherheit) der 29 Zentimeter dicken Ziegelwände aus vor Ort gebrannten Backsteinen sehr gut von den Nutzern angenommen. Das Projekt hat sowohl für die bolivianische wie für die deutsche Seite Bildungscharakter: In den verschiedenen Bauphasen waren bisher rund 75 Studierende beteiligt. „In den sieben Wochen auf der Baustelle haben sie mehr geleistet als erwartet“, berichtete Valdivia selbst ein wenig erstaunt. Im August und September wird die Gruppe zurückkehren und das Internatsgebäude bis zum geplanten Eröffnungstermin am 10. Oktober 2017 fertigstellen.