Sami Rintala und Dagur Eggertsson | „Manchmal regnet es bei uns im Büro“

„Manchmal regnet es bei uns im Büro“

Die Architekten Sami Rintala und Dagur Eggertsson zu Gast bei „Wege durch das Land“

23. Juli 2014 | Text: Bettina Rudhof, Fotos: Heidrun Hertel
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Inmitten der weiten, sommerlichen Felder des Weserberglands erhebt sich zwischen Höxter und Detmold die ehemalige Abtei Marienmünster. Im 12. Jahrhundert von Benediktinermönchen der benachbarten Reichsabtei Corvey gegründet, wurde die Anlage mit romanischer Basilika und Westwerk im 17. Jahrhundert zu einer barocken Klosteranlage mit prachtvoller Abteikirche umgebaut. 1803 säkularisiert und danach lange Zeit als staatliches Weingut genutzt, wurde die Abtei ab 2006 denkmalgerecht saniert und zu einer öffentlichen Begegnungs- und Bildungsstätte ausgebaut.

Rede zur Architektur

Am 29. Juni lud das internationale Literatur- und Musikfestival „Wege durch das Land“ zur diesjährigen „Rede zur Architektur“ in den zum Veranstaltungsraum umgebauten Schafstall der Abtei. Seine dicken Quadermauern unter offenem Holzdachstuhl wurden den Architekten Sami Rintala und Dagur Eggertsson zur atmosphärisch passenden Bühne, um den etwa 350 Gästen vorzustellen, was sie selbstbewusst ihre „primitive Architektur“ nennen: minimalistische Raumskulpturen, deren eigentümliche Qualitäten sich aus einem betont schonenden Bezug auf die umgebende Landschaft und ihren lebensweltlichen Gebrauch ergeben.

Brigitte Labs-Ehlert

Mit der Einladung der Architekten aus Finnland und Island setzte die Veranstalterin des Festivals, Dr. Brigitte Labs-Ehlert, einen neuen Akzent. Wurde die „Rede zur Architektur“ bisher meist von international renommierten Baumeistern gehalten, kamen diesmal jüngere Architekten zum Zug, deren innovative Entwurfs- und Bauweise bislang nur Insidern bekannt war.

Wie in den vorangegangenen Jahren wurde die Veranstaltung auch diesmal von dem Unternehmen FSB Franz Schneider Brakel GmbH + Co KG großzügig unterstützt. Mit der Einladung der Architekten aus Finnland und Island setzte die Veranstalterin des Festivals, Dr. Brigitte Labs-Ehlert, einen neuen Akzent. Wurde die „Rede zur Architektur“ bisher meist von international renommierten Baumeistern wie Moshe Safdie, Peter Eisenman oder Peter Zumthor im Rückblick auf ihr weltweit längst anerkanntes Werk gehalten, kamen diesmal jüngere Architekten zum Zug, deren innovative Entwurfs- und Bauweise bislang nur Insidern bekannt war: In der Fachpresse erregte unlängst ein Projekt der beiden Aufmerksamkeit, das typisch für ihre besondere Herangehensweise zugleich an Architektur und Landschaft ist: ein bauskulpturales Wartehäuschen namens BUS: STOP, das die Architekten in kreativer Zusammenarbeit mit lokalen Handwerkern für die 1000-Einwohner Gemeinde Krumbach im österreichischen Vorarlberg errichtet haben. So unscheinbar die Bauaufgabe, so überzeugend die Lösung Rintalas und Eggertsons: eine alltäglich nutzbare, Handwerk und Architektur zusammenfügende Baukunst, die sich ebenso unscheinbar in die Landschaft fügt, wie sie sich auf Stelzen gestellt von ihr abhebt und derart markant zur Anschauung bringt. 

Architektur und Zivilisationskritik

Der 1969 geborene Finne Sami Rintala und der 1965 geborene Isländer Dagur Eggertsson studierten beide an der Technischen Hochschule in Helsinki. Dabei hatte Rintala zunächst als Künstler gearbeitet, seinen Bezug zur Architektur aber schon in dem 1999 realisierten Projekt Land(e) scape unter Beweis gestellt, in dem er drei verfallene Holzscheunen auf Stelzen setzte, damit sie ihren vom Land in die Stadt geflüchteten Besitzern folgen konnten. Das Projekt war nicht nur ein Crossover von Kunst und Architektur, sondern auch eine plastische Intervention in ein gesellschaftliches Problem, der Landflucht, das nicht nur die finnische Öffentlichkeit beschäftigt.

Zu solchen Grenzgängen wurde Rintala und mit ihm Eggertsson von Professor Juhani Pallasmaa ermutigt, der an der Hochschule in Helsinki Architektur lehrte und mit seinem 1996 erschienenen Buch „Die Augen der Haut – Architektur und die Sinne“ ein international rezipiertes Standardwerk geschrieben hat. Er war es auch, der ihr Interesse für eine Architektur weckte, die alle Sinne ansprechen und sich in ihren Materialien und Formen ausdrücklich der Zeit, damit aber auch den Spuren stellen sollte, mit denen ihr Gebrauch sie zeichnen würde. Die Kooperation zugleich mit Künstlern und Architekten sowie mit Studierenden beider Fachrichtungen setzten die beiden auch nach dem Umzug in die norwegische Hauptstadt Oslo fort, wo sie 2008 das Büro RINTALA EGGERTSSON ARCHITECTS gründeten.

Ihren Vortrag im Schafstall der Abtei Marienmünster begannen die beiden mit einer Kritik an der selbstgewissen Logik europäischer Zivilisation, die alles, was der Ökonomisierung und Technisierung der Welt entgegensteht, schlichtweg als „primitiv“ abtut. Im bewussten Gegenzug auf den zumeist abwertenden Gebrauch dieses Begriffs und die ihm einbeschriebene Unterordnung der „primitiven Kulturen“ unter einen über sie hinweg schreitenden „Fortschritt“ arbeiten Rintala und Eggertsson an einer sich der globalisierten Einheitsarchitektur entwindenden „primitiven Architektur“. Darunter verstehen sie eine Architektur, die sich in Form und Gestalt ebenso wie in Baustoffen und Bauweisen auf lokale Eigenarten und traditionale Herkünfte bezieht und dennoch deutlich macht, dass sie Architektur am Puls der Zeit sein will. Am Puls der Zeit zu entwerfen und zu bauen heißt zunächst einmal, sich auf ein Bauen einzulassen, dass willentlich kunstvoll und deshalb auch einprägsam ist. Es heißt zugleich, sich im kunstvollen Bauen zugleich den Herausforderungen gesellschaftlicher relevanter Probleme der Zeit zu stellen: gegenwärtig Problemen vor allem der Ökologie, damit aber auch der Globalisierung wie zum Beispiel des Nord-Süd-Verhältnisses. Nicht zuletzt gehören dazu die Herausforderungen, die der Architektur durch den Wandel der Lebensweisen im Verhältnis vor allem der Geschlechter und der Generationen gestellt werden.

Western + Eduction + industrial + Rich + Democratic = WEIRD
Sami Rintala

Sami Rintala

Das Wald-Observatorium

Als die japanische Stadt Kyushu in einem nahe gelegenen Wald ein „Open Air Museum“ einrichteten, erhielten die Architekten im Frühjahr 2004 den Auftrag, für diese Anlage ein Observatorium zu entwerfen. Der Bau sollte seinen zumeist städtischen Besuchern die Chance bieten, ihre Aufmerksamkeit auf die Pflanzen und Tiere ihrer ländlichen Umwelt zu lenken, um so eine neue, zeitgemäße Sensibilität für die Landschaft zu entwickeln.

Gelöst haben Eggertsson und Rintala die ihnen gestellte Aufgabe durch die Schaffung eines Ortes des Rückzugs, der weniger der naturwissenschaftlichen Erkundung von Flora und Fauna als vielmehr einer gelassenen und zugleich konzentrierten Wahrnehmung der besonderen Atmosphäre im Forst dient. Der halbstündige Spazierweg durchs Gehölz bereitet die Besucher auf die Stille der Landschaft vor und stattet sie mit der Geduld aus, die benötigt wird, um Augen, Ohren und Nase für den Duft der Landschaft nach dem Regen, für raschelnde Blätter im Wind, für Vogelgezwitscher, flirrende Insekten und geräuschlos vorbei huschende Tiere zu öffnen.

Am Observatorium tief im Wald angelangt, laden weiße, kreissegmente Wandscheiben mit Sitzbänken, zum Verweilen ein. In einem lockeren Rund zwischen den Bäumen aufgestellt, gewähren sie den Besuchern Schutz, um auf den Nebel, den leise plätschernden Bach und auf die Sonnenstrahlen zwischen den Farnen achten zu lernen. Dabei leiten die hellen Mauerscheiben Lichtreflexe und Geräusche in das unüberdachte und doch bergende Raumgefüge, das so als Reflektor und Klangkörper wirksam wird. Zugleich kann es als zeitgemäße Variation der Waldhütte gelten, an deren Wand Johann Wolfgang Goethe am 6. September 1780 mit einem Bleistift die Verse schrieb:

Über allen Gipfeln Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde. Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Save Haven-Bücherei, Thailand

(Foto: Pasi Aalto)

Save Haven-Bücherei für ein Waisenhaus in Thailand

Das Büro RINTALA EGGERTSSON ARCHITECTS ist Mitglied der Architektenvereinigung TYIN tegnestue, die ihre Aufgabe darin sieht, Menschen in Krisengebieten durch den Einsatz ihrer berufsspezifischen Fähigkeiten zu helfen, um mit intelligenter Gestaltung und innovativen Strategien langfristig einen Beitrag zur Verbesserung der jeweiligen Lebenssituation zu leisten.
Auf Initiative von TYIN reisten Sami Rintala und Dagur Eggertsson, gemeinsam mit 15 Architekturstudierenden der Technischen Universität Trondheim im Januar 2009 nach Ban Tha Song Yan, einem Dorf in Thailand nahe der Grenze zu Myanmar, um im Rahmen eines Studienprojekts am Ausbau einer Waisenhaus-Anlage mitzuarbeiten.

Vor Ort erkundete die Gruppe zunächst das Baugelände und machte sich dabei zugleich mit den Wünschen der 42 Kinder vertraut, die in der Anlage betreut werden. Im Gespräch klärte sich, dass den Kindern vor allem ein Aufenthaltsraum fehlte, in dem zunächst die zahlreichen Bücher und Zeitschriften untergebracht werden können, über die das Heim verfügte. Sie wünschten sich einen Raum, der als Platz zum Lesen, wie zum Spielen dient oder einfach einen Rückzugsort bietet.

Den Studierenden stellte sich nun die Aufgabe, gemeinsam mit den beiden Bauprofis, ganz im Sinn „primitiver Architektur“ ein möglichst schönes und brauchbares Gebäude zu errichten, das aus lokalen Materialien schnell und einfach gefertigt werden konnte. Darüber hinaus sollte es gut durchlüftet sein und ausreichend Schatten bieten. Für das gesamte Projekt waren nur wenige Wochen angesetzt.

Schon nach einer Woche war man sich in zahlreichen gemeinsamen Skizzen über den Entwurf einig geworden, hatte Material beschafft und das Fundament mitsamt der Rohrdrainage, für den auf zwei Stockwerke angelegten Bau gegossen. Auf ihm errichteten die angehenden Baufachleute zwei aussteifende Wandscheiben aus Hohlblocksteinen, fügten mit der Hilfe lokaler Handwerker eine Holzbalkenkonstruktion an die Wände und montierten darauf ein Wellblechdach. Gleich danach wurden die Wände mit Lehm verputzt, auf den Böden Holzdielen verlegt und schließlich ein malerischer Sichtschutz aus Bambusrohren angebracht.

Damit die Kinder Platz für ihre Bücher und Zeitschriften fanden, zimmerten Studierende und Architekten von eigener Hand die dazu benötigten Regale. Ausgestattet mit Lesestoff, Landkarten und Computern bietet die „Safe Haven Bücherei“ den Kindern jetzt einen schattigen Ort, an dem sie ihre Hausaufgaben machen, lesen oder das Internet nutzen können.

Kaum waren die Studierenden, nach ausgelassenem Einweihungsfest, ins kalte Norwegen zurückgekehrt, machten sich ihre architektonischen Lehrmeister mit einer zweiten Gruppe Studierender neuerlich auf den Weg nach Ban Tha Song Yan. In erprobter Weise ging es diesmal um ein Badehaus; das zwischenzeitlich fertig gestellte Gebäude kann unter www.tyinarchitects.com besichtigt werden.

Die Høse-Brücke

Dagur Eggertsson

Die Høse-Brücke

Nahe der an der Westküste Norwegens gelegenen Ortschaft Sand fließt der Suldalslågen ins Meer, einer der längsten Flüsse des Landes. Nur wenige Minuten von Sand entfernt liegt beiderseits des Flusses ein Naturschutzgebiet mit einem breiten Wasserfall. Die Schönheit der schroffen Landschaft kann auf zahlreichen Wanderwegen erkundet werden, im klaren Flusswasser können die Wanderer den Zug der Forellen und Lachse verfolgen. Doch mussten die Besucher, weil dem Fluss eine Brücke fehlte, lange Umwege in Kauf nehmen, um vom einen ans andere Ufer zu gelangen. Deshalb beauftragte die Gemeindeverwaltung bereits im Jahr 2008 Sami Rintala und Dagur Eggertsson mit dem Entwurf einer Brücke über den Suldalslågen.

Was den Wanderern recht war, rief bei den Bewohnern der Region Unmut hervor: sie zogen es vor, alles beim Alten zu belassen. Während der Bürgermeister das Projekt zu den Akten legen wollte, suchten die „primitiven Architekten“ das Gespräch mit den um Fluss und Landschaft besorgten Dorfbewohnern. Auf die Vorstellung ihres Projekts im Gemeindehaus folgte eine ganze Serie von Treffen, bei denen die Leute ihre eigenen Ideen entwickelten und in den Entwurf der Architekten einbringen konnten. Schließlich wurde man sich einig und schritt gemeinsam zur Tat. Nach einem von Rintala und Eggertsson letzter Hand überarbeiteten Plan errichteten Bauleute aus Sand und der Nachbargemeinde Suldal im Frühjahr 2012 die über den Suldalslågen gespannte Brücke. Gefertigt aus Corten-Stahl ist ihr Fachwerkrahmen mit Streckmetallgittern und mit VA-Stahlplatten ausgefacht.

Wer die Brücke von Sand aus überqueren will, kann sich vor dem Gang über den Fluss in einem kleinen Sichtbeton-Pavillon ausruhen und die grandiose Flusslandschaft bestaunen. Einen besonders spektakulären Blick auf den tosenden Fluss bietet sich in der Brückenmitte, wo ein Steggitter als Brückenboden dient. Wer von hier aus die Lachse beobachtet, die flussaufwärts zum Laichen ziehen, kann das stählerne Brückengehäuse als einen Klangkörper erfahren, der die Geräusche des Flusses noch einmal verstärkt. Auch den Kindern aus dem nahen Kindergarten ist die Brücke inzwischen zu einem ihrer Lieblingsorte geworden. Zusammen mit den anderen Besuchern nutzen sie den Pavillon für Naturbeobachtungen mit gemeinsamem Picknick.

15 Meter hohe, begehbare Holzskulptur

Seljord Tower (Foto: Dag Jenssen)

Bauen mit der Landschaft und ihren Mythen

Ganz in der Handlungslinie des Brückenbaus bei Sand gingen Rintala und Eggertsson auch die ihnen von der Provinz Telemark gestellte Aufgabe an, am Ufer des Seljord-See in Süd-Norwegen einen Aussichtsturm zu errichten. Auch hier sollte der Tourismus befördert werden, ohne den Einklang mit der Landschaft zu stören.

Diesmal zogen die beiden Architekten neben den Anwohnern Studierende der Kunst und angehende Architekten aus Mailand zu Rate. Unter der Leitung der beiden Architekten entwickelte die Gruppe den Entwurf zunächst aus deren Nutzung als Aussichtsplattform: wer die Stufen hinaufgestiegen ist, kann auf unterschiedlichen Ebenen den tiefen See, den Wald und die nahen Berge erleben. Zugleich aber ging es den Entwerfern um eine Raumskulptur, deren ästhetisch reduzierte Gestalt das Credo der „primitiven Architekten“ umsetzen sollte, „Artefakte in die Landschaft zu bauen, die diese nicht dominieren“, um so auch eine neue Auseinandersetzung mit dem Landstrich und seiner Geschichte anzuregen.

Entstanden ist so eine 15 Meter hohe, begehbare Holzskulptur, die über Treppen erstiegen wird und dabei verschiedene Ansichten der umgebenden Landschaft bietet. Möglich wird so ein neues Entdecken dieser außergewöhnlichen Gegend, das ohne technische Instrumente auskommt und einmal absieht von naturwissenschaftlichen Fakten, weil sich gerade so die sinnliche Wahrnehmung und das Vorstellungsvermögen besser schärfen lassen.

Wer sich die Zeit dazu nimmt, kann versuchen, einen Blick auf das Seeungeheuer Selma zu erhaschen, von dem Rintala und Eggertsson in Marienmünster berichteten. Selma ist eine große Schlange, die 1750 zum ersten Mal gesichtet wurde. Unklar ist, ob das Ungeheuer einen pechschwarzen Pferde- oder einen Krokodilskopf trägt, unklar ist auch, ob Selma vier oder fünfzig Meter lang ist. Wer den Turm in der Landschaft und wer vom Turm in die Landschaft sieht, den beschleicht unweigerlich das Gefühl, dass es solch ein Ungeheuer geben könnte. Der Bau selbst bietet solcher Erfahrung immerhin die Möglichkeit und den ihr angemessenen Schutz.