Metallene Ästhetik | Metall in der zeitgenössischen Architektur

Von Adjaye bis Koolhaas: Bauen mit Metall

Metallene Ästhetik

25. Januar 2018 | Text: Bettina Rudhof
Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten, 30 Sekunden

Den Anfang machte James Stirling, als er großflächig oxidiertes Kupfer zu einem charakteristischen Stilmittel seines späten Meisterwerks erhob, der 1992 eröffneten Fabrik im hessischen Melsungen. Der Bau und die ganz besondere Patina seiner kupfernen Fassade erregten weltweit Aufsehen. Seitdem stehen neben den statischen vor allem die ästhetischen Eigenschaften von Metallen im Mittelpunkt der kreativen Arbeit ganz unterschiedlicher Architekten. Rem Koolhaas, David Adjaye oder das Berliner Büro Graft setzen mit bronzenem Schleierwerk, goldenen Quadern und Streckmetallen neue Akzente im städtischen Raum. Beim Washingtoner Museum für Afro-Amerikanische Geschichte und Kultur, im Belgrader Old Mill-Hotel oder beim Umbau einer alten Mailänder Fabrik für die Prada-Stiftung betonen elegante Materialwechsel die Plastizität der Bauvolumen. Samtig schimmernde, surreal strahlende, seidig glänzende oder edel patinierte Metallfassaden wirken zugleich als Bauteil und Zierrat und ersetzen so das traditionelle architektonische Ornament.

Die am Stadtrand von Mailand zwischen Eisenbahngleisen und Industriebrachen gelegene ehemalige Schnapsdestillerie ‚Spiriti Italiana‘ stand lange leer, bis sie Rem Koolhaas und sein Büro OMA für die Stiftung des Modeunternehmens Prada sanierte. Obwohl der Umbau große Teile der alten Bausubstanz erhält, hat sich das Erscheinungsbild der alten Fabrikanlage spektakulär gewandelt. Es besticht durch das Zusammenspiel malerischer Gegensätze, die in ihrem Widerspiel die neue Nutzung als Kulturzentrum reflektieren, das neben einer Bibliothek, einem Kino und einem Café in gleich mehreren Ausstellungshallen der Präsentation zeitgenössischer Kunst prominent Raum bietet.

Während sich die verwitterten Putzflächen der Cafeteria als kubistische Collage im komplett verspiegelten Eingangsgebäude abzeichnen, ragt gleich daneben ein sechsgeschossiger Turm wie ein vergoldetes Wahrzeichen empor. Tatsächlich kamen hier drei Kilo vierundzwanzigkarätigen Blattgolds zum Einsatz. Der Architekt bestand auf diesem hochwertigen Material, weil sämtliche zuvor getesteten Oberflächen, Lackierungen, Beschichtungen, darunter auch speziell polierte Messingplatten, je nach Lichteinfall grün oder orange schimmerten oder einfach nur braun aussahen: Nur echtes Gold glänzt auch wirklich golden! „Das Gold“, so Koolhaas, „erübrigt die Frage nach dem Wetter, es kontaminiert die ganze Umgebung. Auch die Gesichter der Besucher leuchten.“

David Adjaye Museum Washington History

Smithsonian National Museum for African and American History and Culture, Washington D.C., Adjaye Associates, 2016.

David Adjaye Museum Washington History

(beide Fotos: Nina Schleif)

Setzt Koolhaas in Mailand auf die Strahlkraft des hellen Edelmetalls, bringt sein Kollege David Adjaye in Washington bei dem 2016 eröffneten National Museum of African and American History and Culture Museum großflächig dunkle Bronzebleche zum Einsatz. Über einen gläsernen Sockel setzte der britische Architekt drei trapezförmig gezackte Geschosse, die wie eine riesige Krone im Himmel schimmern. Als kunstvoll durchwirktes Gitterwerk werfen ihre rotbraunen Ornamentbänder Lichtreflexe auf die Zugangswege und die Mall. Die Anregung dazu verdankt Adjaye den hölzernen Skulpturen der westafrikanische Yoruba-Kultur, auf die der Architekt durch die Arbeiten des Bildhauers Olowe von Ise aufmerksam wurde. Zugleich erinnern die Bronzeverkleidungen der Fassade an die ornamental geschmiedeten Geländer, die afrikanische Sklaven für die Wohnhäuser der Gutsbesitzer in den Südstaaten der USA anfertigen mussten.

Großflächig Metalle kommen immer häufiger auch im Interior Design zum Einsatz, neben poliertem Beton, neben Holz und Leder. Beim Anblick von oxidiertem oder geschäumtem Aluminium, extrudiertem Kupferblech und Laser geschnittenem Cortenstahl gleiten die Augen über die bewegte Oberfläche und nehmen die haptischen Qualitäten wahr, bevor die Hand folgt. In Wohn- und Aufenthaltsräumen nobilitieren sie noch die einfachen und nächsten Verrichtungen des Alltags. Während der kupfergefasste Raumteiler im Restaurant des nach Plänen der Berliner Architektengruppe Graft gestalteten Old Mill Hotel in Belgrad elegant die Feuerstelle rahmt, geht es in den Baderäumen des von Ushi Tamborriello gestalteten Seerose Resorts im Schweizerischen Meisterschwanden um sehr viel mehr als nur um Körperhygiene.

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Old Mill Hotel, Belgrad, Graft Architekten.
(Foto: Tobias Hein)

Seinen Namen verdankt das Belgrader Hotel einer von alten Dampfmaschinen angetriebenen Mühle aus dem Jahr 1901, die dort bis zu einem Brand ihren Dienst verrichtete. Auf Wunsch der Architekten wurden beim Abbruch die Backsteine einiger baufälliger Mauern gesammelt, gereinigt und als Bausubstanz der neuen Wände wiederverwertet. Verwendung fanden auch alte Holzbalken und gusseiserne Säulen, eine Wand des Foyers ist mit den Blechen eines riesigen Öltanks verkleidet, den die Architekten auf dem Gelände fanden. Mit Lasertechnik dort eingeprägt, trägt die rostige Metallfläche heute das Logo des 2014 eröffneten Hotels. So kontrastieren die sorgfältig restaurierten Bauteile aus alter Industriekultur spannungsreich mit großflächig angelegten Raumplastiken in strahlendem Weiß, die auf den Namen der Stadt Belgrad („Weiße Burg“) verweisen.

Ob in den weitläufigen Aufenthaltsbereichen oder in einem der 240 Zimmer, stets birgt der gelungene Umbau Überraschungen für die Hotelgäste und bringt die Geschichte des Ortes in Erinnerung. Eine wesentliche Rolle kommt dabei dem Werkstoff Kupfer zu, der den gesamten Hotelkomplex durchzieht und so zum Bindeglied zwischen alter und neuer Nutzung wurde. Dekorative Reliefs aus dem warmen Metall schmücken großflächig die Aufzugskabinen. Mit dünnen Kupferblech verkleidet sind auch die Tischoberflächen und einige der eleganten Raumträger des Restaurants, in dem kleine Kamine ihren Feuerschein auch auf die metallenen Wände werfen, die das warme Flackern der Flammen zum Glänzen bringen und dem gesamten Raum so eine ganz besondere Atmosphäre verleihen.

Seerose Resort & Spa, Meisterschwanden, Ushi Tamborriello.

Seerose Resort & Spa, Meisterschwanden, Ushi Tamborriello.
(Foto: Jochen Splett)

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Detail Streckmetall, Universitäts-Campus Frankfurt.

Die Wellnessoase Seerose entwarf Ushi Tamborriello als Erweiterung eines in der Nähe von Zürich zwischen Obstwiesen und Feldern direkt am Hallwiler See gelegenen Hotels. Das mit unterschiedlichen Schwimm- und Sprudelbecken, mit Massage- und Sporteinrichtungen versorgte Spa wurde 2013 eröffnet. Die Ausstattung der Wohlfühl- und Rückzugsräume, die eingesetzten Materialien, Oberflächen und Strukturen entwickelte die Innenarchitektin und Szenographin in Bezugnahme auf den Ort, auf die Spiegelungen des Wassers und die verwitterte Farbigkeit der Bootshäuser. Dazu verwendet sie konsequent warme und schimmernde Werkstoffe und erzeugt so eine Atmosphäre der Ruhe und der Geborgenheit, während die Blicke der Entspannung suchenden Gäste über den See und die Obstwiesen schweifen. Handwerklich gefertigte Oberflächen und Strukturen bringen die Kostbarkeit solcher Momente des Rückzugs ästhetisch zum Ausdruck. In einigen der Bäder setzte Tamborriello neben dem als Tadelakt bekannten arabischen Glanzputz eine spezielle Spachteltechnik ein, bei der Bronzestaub großflächig und fugenlos auf Decken und Wände gestrichen und eine strapazierfähige wasserfeste Oberfläche erzeugt wird.

Eine perfekte Ergänzung zu derart markanten Architekturen und Innenarchitekturen bieten die neuen Produkte von FSB. Ihre veredelten Oberflächen entfalten mit einem ganz eigenen Glanzcharakter und angenehmer Haptik einen noch nie gesehenen Reiz. Dies gelingt auch, weil das Unternehmen FSB bei der Bearbeitung und Formung von Metallen auf die Erfahrung einer fast 100-jährige Tradition zurückgreifen kann. Seine Mitarbeiter pflegen eine ganz besondere Materialkultur, ihr Erfahrungsschatz gewährleistet von der Schmelze bis zum fertigen Produkt eine unübertroffene Qualität.

Der Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Arch+