Filmabend in Berlin | Peter Schubert Jürgen W. Braun HfG Ulm

Die Filme aus der editon disegno in Berlin

Der Geist vom Kuhberg

14. November 2017 | Text: Tim Berge, Fotos: Jasmin Schuller, Video: Christopher Langen
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Was haben eine Kuh auf dem Kuhberg, der Geist von Ulm und das FSB-Logo gemeinsam? Eine ganze Menge, wenn es nach den Protagonisten eines Filmabends in der Berliner Akademie der Künste geht. In einer unterhaltsamen Veranstaltung boten der Regisseur und Produzent Peter Schubert, der ehemalige Geschäftsführer von FSB, Jürgen W. Braun und Wolfgang Reul von FSB jede Menge spannender Anekdoten zur Geschichte der Ulmer Hochschule für Gestaltung und vor allem zu ihrem Mitbegründer, Otl Aicher – anlässlich der Neuauflage von Schuberts Filmen, die FSB herausgegeben hat.

Der Geist von Ulm – Über die Gründungs- und Wirkungsgeschichte der Ulmer Hochschule für Gestaltung

Über allem scheint der Geist der Ulmer Schule zu schweben: Bereits die Begrüßungsworte der Präsidentin der Akademie der Künste, Jeanine Meerapfel, die wie Schubert Absolventin des „Instituts für Filmgestaltung“ an der Ulmer Lehrstätte war, geben einen Einblick in die Vision der Designschule, die zu einer der prägendsten des 20. Jahrhunderts werden sollte. Auch Peter Schubert berichtet nach der Filmvorführung von dem Wunsch nach Entrümpelung, den alle Professoren und Studenten in dieser aufregenden Zeit auf dem Ulmer Kuhberg teilten. „Es gab bis dahin keine Auseinandersetzung mit der politischen Vergangenheit.“ Und hier, auf einer Wiese und zwischen Kühen, fand auf einmal die radikale Entrümpelung einer romantischen Vorstellung statt, die das Deutschland der 1950er Jahre geprägt hatte. Dabei kam es auch zu Richtungsstreitigkeiten zwischen den Gründern Max Bill, Otl Aicher und seiner Frau Inge Aicher-Scholl. Der Architekt Bill tendierte zu einer unpolitischeren Haltung als sein Gegenüber Aicher, dem es nicht um „eine Ausweitung der Kunst in die Alltäglichkeit, in die Anwendung“ ging. Sondern „um einen Gegenkunst, um Zivilisationskunst, um Zivilisationskultur.“

Otl Aicher ist dann auch, neben der Ulmer Hochschule, der zweite Hauptdarsteller des Abends. Er ist in den beiden gezeigten Filmen „Hand-Griffe, Designmanagement bei FSB“ und „Otl Aicher, der Denker am Objekt“ aus der edition disegno die bestimmende Figur, dabei war er bis zu seinem Tod im Jahr 1991 alles andere als zugänglich und wehrte sich normalerweise gegen Filmaufnahmen. „Es war harte Arbeit, ihn von einer Kooperation zu überzeugen“, berichtet Schubert im Gespräch. Otl selber bezeichnete sich gerne als „homme des lettres“ – obwohl die Filmaufnahmen ihn durchaus auch als Mann des Wortes mit einem Hang zur Eitelkeit zu erkennen lassen. Exemplarisch für seine Art der Zusammenarbeit steht die Geschichte der Annäherung zwischen ihm und FSB, die in beiden gezeigten Filmen mit beeindruckenden Interviews und Bildern nachgezeichnet wird. Sie zeigt, was der Gestalter von seinen Kunden verlangte – und wie er sie im Gegenzug mit einzigartigen Erscheinungsbildern und einem neuen Gefühl für ihre Unternehmen belohnte.

Wie viele gute Geschichten beginnt auch die der Kooperation mit FSB mit einem schicksalshaften Zufall. „Ich habe das erste Mal von Herrn Aicher auf einem Flug von Lyon nach Frankfurt gehört: Dort saß ich neben Herrn Mack vom Leuchtenhersteller Erco“, erzählt Jürgen W. Braun dem Berliner Publikum die Vorgeschichte zu den Geschehnissen, über die zuvor die zwei Filme erzählt haben. „Ich kannte ihn nicht, dennoch wollte er sich während des Fluges unseren Katalog anschauen. Im Anschluss wies er mich auf einen Moiré-Effekt in dem Heft hin, der mir bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht aufgefallen war.“ Der Grauschleier war durch eine Skalierung des Heftes von DIN A4 auf DIN A5 entstanden. „Mack empfahl mir dann Otl Aicher.“ Der sei zwar „schwer zu erreichen, aber er würde ein gutes Wort für mich einlegen, um mich von dem Moiré-Desaster zu befreien.“ Was nun beginnt, ist die Tour de Force des Jürgen W. Braun, die sein Berufsleben und im Nachhinein auch das Gesicht der Firma FSB nachhaltig verändern sollte.

Der erste Versuch einer Zusammenarbeit beginnt mit einem Rauswurf: Braun hatte tatsächlich einen Termin bei Aicher in seinem Atelier in Rotis bekommen und bat ihn, den Katalog gestalterisch zu überarbeiten. Dieser antworte ihm, dass er „kein Anstreicher sei“, und er aus „Blau und Weiß nicht Grün oder Gelb“ machen wolle. Braun solle sich erstmal darüber im Klaren werden, was er wolle. Was nun beginnt, ist ein langsamer Annäherungsprozess, der Jahre dauern sollte und auch nach dem Tod Aichers, 1991, noch seine Fortsetzung fand.

Otl Aicher + FSB – Über die Früchte einer konstruktiven Kontroverse

Rückblickend sagt der ehemalige FSB-Geschäftsführer, dass Aicher „zwar kein Gott gewesen sei, aber ein sehr strenger und intelligenter Coach.“ Und ohne ihn wäre FSB heute wohl nur ein „Allerwelts-Unternehmen.“ Aicher schuf nicht nur ein neues Logo, das er gegenüber Vertrauten gerne als eine seiner besten Schöpfungen pries – er formulierte auch die vier Gebote des Greifens, die für die Beurteilung guten Klinkendesigns fortan als Richtschnur dienen sollten: Daumenbremse, Zeigefingerkuhle, Ballenstütze und Greifvolumen. Mit dem einzigartigen Erscheinungsbild definierte er die bis heute gültigen Grundzüge eines Unternehmens, das sich durch die Zusammenarbeit mit dem legendären Gestalter seiner Identität bewusstwurde. „Der Geist der Ulmer Schule lebt bis heute weiter.“ Mit diesen Schlussworten beendet dann auch Jürgen W. Braun diesen eindrucksvollen Abend. Und alle Anwesenden können ihm da nur beipflichten.