Peter Schubert im Interview | Designgeschichte im Film

Peter Schubert im Interview

Die HfG Ulm hat fürs Leben geprägt

13. Januar 2017 | Text: Sandra Hofmeister
Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten, 40 Sekunden

Peter Schubert ist Autor, Regisseur und Produzent von 150 Filmen. Er hat Film bei Alexander Kluge und Edgar Reitz am Institut für Filmgestaltung der Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG) studiert und sich dabei eine Haltung angeeignet, die seine Dokumentarfilme besonders macht. Seine Werke wurden mit zahlreichen deutschen Preisen ausgezeichnet, allein vier Mal mit dem Adolf-Grimme-Preis. Peter Schubert drehte mehrere Filme über die Gründungs- und Wirkungsgeschichte der HfG, in denen ihre kulturelle Bedeutung, die Langzeitwirkung der Ulmer Schule, die Überzeugungen ihrer Protagonisten, ihre Projekte und ihre Partner thematisiert werden. Mit der durch FSB ermöglichten Digitalisierung von sechs dieser Filme wird nun auch ein Stück deutscher Designgeschichte wieder lebendig.

Sie haben in den 1960er-Jahren an der Hochschule für Gestaltung in Ulm studiert, was ist Ihnen aus Ihrer Studienzeit in Erinnerung geblieben?
Das Studium an der HfG und dem Ulmer Filminstitut war die prägenste Zeit meines Lebens. Die HfG hat nicht nur Ausbildung, sondern Bildung vermittelt. Die Dozentenschaft war Teil der geistigen Elite in Deutschland. Trotzdem herrschte auf dem Kuhberg in Ulm ein „freier Geist“. Otl Aicher gründete die HfG zusammen mit seiner Frau Inge Aicher-Scholl und Max Bill in der Absicht, dass auch durch die Gestaltung der alltäglichen Dinge die Zeit der Nazi-Diktatur überwunden werden könnte, um so zur Entwicklung einer neuen kritischen, demokratischen Gesellschaft beizutragen. Dazu passten ganz hervorragend die Ideen der „Oberhausener Filmrebellen“, die 1960 in ihrem Manifest erklärt hatten „Papas Kino ist tot!“. Sie waren unsere Lehrer. Ich bin heute noch Mitglied im club off ulm, der Vereinigung ehemaliger Studenten und Dozenten.

Was sind die Ziele des club off ulm?
Der club off ulm will die kulturelle Bedeutung der Hochschule für Gestaltung Ulm erforschen und erhalten. Zu diesem Zweck geben wir unter anderem die Schriftenreihe „Rückblicke“ heraus, in der sich ehemalige Ulmer an ihre Zeit in der HfG erinnern. Die Ulmer Schule hatte den höchsten Ausländeranteil aller deutschen Hochschulen. Das hat natürlich auch die Atmosphäre des Alltags bestimmt. Das Erstaunliche dabei ist, dass wir auch heute –  viele Jahrzehnte nach unserem Studium –  eine gemeinsame Haltung haben. Wer an der Hochschule für Gestaltung in Ulm war, hat die Schule entweder ganz schnell wieder verlassen, oder bleibt ihr für sein ganzes Leben verbunden.

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Peter Schubert in seiner Starnberger Altbauwohnung mit dem berühmten Hocker von HfG-Gründer Max Bill.
(Foto: Michela Morosini)

Wie sind Sie an die Hochschule gekommen, und warum haben Sie dort Film studiert?
Ich bin in Ulm aufgewachsen und kannte die HfG von ihren Faschingsfesten. Sie waren berühmt und berüchtigt, weil es dort live Jazz gab –  damals war das etwas Außerordentliches, und weil auf dem Campus männliche und weibliche Studenten zusammen wohnen konnten. Nach dem Gymnasium und einer Lehre in der Werbeabteilung in einem großen Ulmer Kaufhaus wollte ich der Nierentischära mit der Goldrandästhetik entfliehen und begann 1961 mit dem Grafik- und Fotografiestudium in der HfG-Abteilung „Visuelle Kommunikation“. Ein Jahr später gründeten Alexander Kluge, Edgar Reitz und ein Teil der Oberhausener Filmrebellen die Filmabteilung an der HfG. Die jungen deutschen Filmemacher rebellierten gegen das sogenannte „Schnulzenkartell“ der UfA-Altfilmer, die mit Filmen wie „Die Fischerin vom Bodensee“, oder „Der Förster vom Silberwald“ die unpolitische, kitschige deutsche Kinoszene der Nachkriegszeit beherrschten. Die jungen Filmer forderten inhaltliche und formale Experimente, und dass sich der deutsche Film mit der jüngsten deutschen Geschichte und der politischen Gegenwart auseinandersetzen sollte. Das fügte sich in die von Otl Aicher konzipierten Ziele der HfG ein. Dem an der HfG zwischen verschiedenen Dozentenlagern herrschenden Richtungsstreit bin ich durch den Wechsel in die Filmabteilung entkommen.

Wie sah das Studium in Ulm aus?
Wir hatten wechselnd eine Woche praktischen und dann wieder eine Woche theoretischen Unterricht – mit Vorlesungen für die Studenten aller Abteilungen, zum Beispiel Einführungen in Ergonomie, Wahrnehmungstheorie, Semiotik, Soziologie und Philosophie sowie Literaturwissenschaft, Mathematik und Methodologie. Diese Fächer der allgemeinen Bildung konnten wir Filmstudenten durch Vorlesungen in Filmgeschichte und Literatur ergänzen. Praktisch begannen wir mit den sogenannten „Miniaturen“, das waren Filme von einer bis drei Minuten. Später drehten wir Fünf-, Zehn- und Fünfzehn-Minuten-Filme, in denen wir verschiedene Erzählformen ausprobieren konnten. Wir arbeiteten noch im 35mm-Kino-Filmformat, mit kiloschweren Kamera- und Tongeräten, und montierten die Filme am Schneidetisch. Erst am Ende unserer Studienzeit kam das 16mm-Format auf und ermöglichte uns das leichte, dokumentarische Arbeiten. In diesem Format sind auch alle Filme der „edition disegno“ gedreht, sie waren aber natürlich noch analog.

Welche Themen haben Sie in Ihren Filmen aufgegriffen?
Unsere Ausbildung war nicht auf spezielle Genres festgelegt, doch wir haben meistens dokumentarisch gearbeitet und uns bereits in unseren anfänglichen Filmexperimenten mit der jüngsten deutschen Geschichte befasst. Ich bin 1939 geboren, habe den Krieg miterlebt und die Vertreibung aus dem Sudetenland. Daher waren das sehr naheliegende Themen für mich.

Gab es damals schon Filme über die Hochschule für Gestaltung?
Da legen sie den Finger in eine Wunde. Wir haben so gut wie nie an der Schule selbst gedreht, es gibt insgesamt nur eine einzige und obendrein sehr kurze Filmsequenz, die sich einem Gestaltungsprozess, dem Entwurf eines Schlachtermessers, widmet – mehr nicht. Ich bedauere es heute unglaublich, dass wir unseren eigenen Alltag nicht dokumentiert haben.

Wie kam es dann zu Ihren Filmen über das Vermächtnis der HfG?
Ich habe mein Studium 1966 abgeschlossen, danach war ich noch einige Jahre als freier Mitarbeiter am Institut für Filmgestaltung. Doch erst nachdem die Hochschule längst geschlossen war und ich schon längere Zeit als freier Filmer erfolgreich gearbeitet hatte, kam mir die Idee, der HfG einen Film zu widmen. Ich machte mich also auf die Suche nach Protagonisten, Projekten und Unternehmen, in denen die HfG noch nachwirkte. Während meines Studiums wurde meine Liebe zu „gutem Design“ geweckt. Noch heute sitze ich zu Hause auf meinem Bill-Hocker, habe am Handgelenk eine Braun-Uhr und schreibe am liebsten in der von Otl Aicher entwickelten Rotis-Schrift. Und wenn ich einen Türgriff anfasse, prüfe ich, ob der Griff die von Otl Aicher aufgestellten „4 Gebote des Greifens“, wie die Klinken von FSB, erfüllt. So entstanden meine Filme der edition disegno.

Ihre Filme dokumentieren Grundsätze der Gestaltung, die Sie auch mit Protagonisten wie Otl Aicher oder mit Beispielen aus Unternehmen wie FSB oder Lufthansa, den Olympischen Spielen oder der Entwicklung einer neuen ICE-Generation erläutern. Das Erstaunliche aus heutiger Sicht ist, dass viele der aufgegriffenen Themen mehr denn je relevant sind für Fragen der Gestaltung…
Das stimmt. Und es liegt eindeutig auch an der radikalen Konsequenz von Menschen wie Otl Aicher, der zu keinem Kompromiss in Gestaltungsfragen bereit war. Für manche seiner Kunden war er ein gnadenloser Diktator, er hat ihnen in der Regel meistens erstmal geraten, über sich selbst nachzudenken. Als Designer sah sich Otl Aicher in der Rolle des Philosophen des auftraggebenden Unternehmens – ein Ansatz, der sicherlich auch heute noch interessant ist. Die HfG hätte heute sicherlich alle Hände voll zu tun.

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Otl Aicher hat in den achtziger Jahren für FSB die „Vier Gebote des Greifens“ entwickelt, die für die Beurteilung guten Klinkendesigns fortan als Richtschnur dienen sollten: Daumenbremse, Zeigefingerkuhle, Ballenstütze und Greifvolumen.

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Peter Schubert hat auch über Aicher einen Film gedreht, Titel: „Otl Aicher, der Denker am Objekt“ (Foto: Michela Morosini)

Obwohl der Designbegriff heute omnipräsent ist, wird er oft als Verpackung oder Dekoration missverstanden. Wie lebendig ist die Haltung der HfG in ihren Augen?
Es gibt immer noch Unternehmen, die von der Ulmer Haltung geprägt sind und sie weitertragen und dem Motto des Bauhauses „dass das Ornament ein Verbrechen ist“, huldigen. FSB zum Beispiel setzt immer noch auf die ergonomische Qualität des Entwurfs und die ökologische Wertigkeit der Materialien – der Einfluss Aichers ist nach wie vor präsent. Das Unternehmen arbeitet auch mit Architekten zusammen, die sich den ökologischen Forderungen unserer Zeit bewusst sind, darin zeigt sich auch die Langzeitwirkung der HfG. Umweltschutz war schon an der HfG ein Thema, als die übrige Gesellschaft noch nichts davon wusste oder wissen wollte.

Wie kommt es, dass Ihre Filme nun digitalisiert werden?
Meine Filme waren nach ihrer Ausstrahlung im Fernsehen nur auf VHS-Kassetten verbreitet. In den letzten Jahren bekam ich immer mehr Anfragen, etwa aus den Hochschulbibliotheken, ob meine Filme nicht auch endlich digital, also als DVDs, zur Verfügung stehen würden. Ich freue mich deshalb sehr, dass ich in FSB einen Partner und Sponsor gefunden habe, der mir hilft, diese Nachfrage zu erfüllen. Es gibt eine Box für alle sechs Datenträger – natürlich im Geiste Ulms vom designwerk in Augsburg gestaltet. Vielleicht machen die Filme die Geschichte der HfG ja wieder mehr präsent!

Welches ist Ihr Lieblingsfilm?
Einer meiner wichtigsten Filme ist für mich „Otl Aicher, der Denker am Objekt“. Er ist kurz vor seinem tragischen Tod entstanden. Aicher hatte sich lange geweigert, vor einer Kamera Rede und Antwort zu stehen. Er sei ein „homme de lettre“, meinte er. Doch es gelang uns, ihn zu überzeugen, vielleicht, weil ich ehemals Student bei ihm war. Nach unserem Dreh hat sich Otl Aicher in die Sommerpause verabschiedet. Er sagte immer, er fährt nach Grönland und meinte damit sehr weit weg – in sein Grünland in Rotis, im Allgäu, wo er sich seinem Garten widmete. Wir hatten vereinbart, im Herbst gemeinsam ins Baskenland zu reisen und ihn bei dem Projekt für ein neues Erscheinungsbild der Stadt Bilbao mit der Kamera zu begleiten. Dazu ist es nicht mehr gekommen. In meinem Film bleibt er lebendig.

FSB stellt die DVD-Edition der sechs Filme von Peter Schubert nächste Woche zur Messe BAU in München vor.
Sie finden FSB vom 16. bis 21. Januar 2017 in Halle B4 am Stand 131 auf dem Münchner Messegelände.

Außerdem lädt FSB zu mehreren Filmabenden mit Peter Schubert ein:
München, Pinakothek der Moderne, Montag, 30. Januar, 19 Uhr
Frankfurt, Museum für angewandte Kunst, Dienstag, 31. Januar, 19 Uhr
Ulm, Hochschule für Gestaltung, Dienstag, 7. und Mittwoch, 8. Februar, 18.30 Uhr
Leipzig, Grassi Museum für angewandte Kunst, Donnerstag, 9. Februar, 19 Uhr

Für weitere Informationen zur DVD-Edition und zu den Filmabenden (Anmeldung erbeten!) wenden Sie sich bitte an den FSB-Architektenberater Wolfgang Reul, wolfgang.reul@fsb.de