PeterBehrensZeit

Von der Türklinke zum Gebäude

Ausstellung „PeterBehrensZeit“ im Stadtmuseum Düsseldorf

22. Juli 2015 | Text: Bettina Schürkamp
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Vor 75 Jahren verstarb der Architekt, Designer und Maler Peter Behrens in Berlin, der von 1903 bis 1907 Direktor der Kunstgewerbeschule Düsseldorf war. In dieser Zeit reformierte er als einer der Väter des deutschen Industriedesigns die Ausbildung mit nachhaltigen Konzepten, die bis heute den 2005 nach ihm benannten Studiengang der Architektur und Innenarchitektur an der Hochschule Düsseldorf prägen. Die Ausstellung „PeterBehrensZeit“ im Stadtmuseum Düsseldorf ehrte das umfangreiche Werk des Designers vom 13. Juni bis zum 12. Juli und wurde von der Peter Behrens School of Architecture (PBSD) mit der Unterstützung des BDA Düsseldorf und von FSB realisiert. 18 Studierendenarbeiten führten in Behrens Lebenszeit ein, die in besonderem Maße durch technische und wissenschaftliche Innovationen gekennzeichnet war. Als künstlerischer Beirat der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) entwickelte Peter Behrens von 1907 bis 1914 für einen der weltweit größten Energiekonzerne ein wegweisendes Corporate Design, welches von Printmedien, Produktdesign und minutiös gestalteten Verkaufsräumen bis zu Industriebauten und repräsentativen Konzerngebäuden reichte. Sein Büro in Berlin war ein Anziehungspunkt der Avantgarde mit Mitarbeitern wie Mies van der Rohe, Walter Gropius und Le Corbusier.

„Wir nehmen den ganzheitlichen Ansatz von Peter Behrens wörtlich und fangen mit unserem Studienprojekt bei der Türklinke an ― einem oft unterschätzten und scheinbar nebensächlichen Detail ― an dem Architektur aber greifbar und haptisch erfahrbar wird“, erläuterte Prof. Christiane Ern die Konzeption der Ausstellung. Der Blick auf eines der kleinsten Details bereichere das Bewusstsein für das gesamte Spektrum des Entwurfs. Die Präsentation des Lehrgebiets für Entwerfen und Baukonstruktion ging auf Seminare im Winter 2013 und 2014 im Masterstudiengang Innenarchitektur zurück, die anhand von 18 Beispielen die Wechselwirkung zwischen der Gebäudekonzeption und kleinsten Innenausbaudetails analysierten. Soweit erreichbar, dokumentierten Studierende Gebäude von Peter Behrens wie das Krematorium in Delstern bei Hagen (1907) oder das Verwaltungsgebäude der Mannesmannröhren-Werke in Düsseldorf (1911-1912) vor Ort. In jedem Gebäude wählten die Teams einen Türdrücker aus, der im Maßstab 1:1, mit Ansichten und Schnitten der Türanlage (M 1:10) wie auch Wandabwicklungen und Raumgrundrissen (M 1:50) dokumentiert wurde. Bei Gebäuden, wo eine Besichtigung nicht möglich war, werteten die Seminarteilnehmer mit detektivischem Spürsinn Fotos und vorliegendes Quellenmaterial aus, um so die Türklinken in Form und Handhabung nachzuvollziehen. Neben drei Originaltürdrückern von Peter Behrens, Ludwig Wittgenstein und Hans Poelzig waren in der Ausstellung 3D-Kunststoffplotts von 18 Türklinken zu sehen, die nach den Zeichnungen der Studierenden von FSB hergestellt wurden und die Besucher zum handfesten Ausprobieren einluden.

Die Zeitreise des Peter Behrens von den dynamischen Jugendstilformen in der Gründerzeit hin zu geometrischen klassizistischen Kompositionen vor dem 1. Weltkrieg und in der Weimarer Republik bis zu seinem Tod 1940 zeigte sich auch in den formvollendet gestalteten Türklinken für Gebäude wie das Wohnhaus Behrens in der Darmstädter Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe (1901), das Haus Wiegand in Berlin-Darlem (1911-1912) oder die Kaiserlich Deutsche Botschaft in Sankt Petersburg (1911-1912).

Der Architektur-Autodidakt Behrens errichtete 1901 als Erstlingswerk ein vielbeachtetes Künstlerhaus in der Darmstädter Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe, die sich unter der Überschrift „wirklich große Künstler für die Kleinkunst“ schnell zu einem Zentrum der angewandten Künste im Zeichen des Jugendstils entwickelte. Das „Haus Behrens“ überzeugte durch eine organisch aufeinander bezogene Sequenz von individuellen Räumen, die bis ins kleinste Detail als Gesamtkunstwerk durchgestaltet waren. Komplex geformte Elemente wie die Türklinke im „Zimmer der Dame“ spiegeln die Einflüsse der Münchner Sezession wider, zu deren Gründungsmitgliedern Peter Behrens 1892 zählte. Das Türschild aus abgestuften geometrischen Formen harmonierte mit dem analog gestalteten Teppich und den organischen Motiven auf dem Türblatt.

Zehn Jahre später treten beim Haus Wiegand in Berlin-Darlem klassisch geometrische Formen und klar gegliederte horizontale Gesimse in den Vordergrund. Für den Direktor der Antikenabteilung der Königlich Preußischen Museen Theodor Wiegand entwarf Peter Behrens für die schlichten hellen Privaträume im Oberschoß einen nüchternen Türdrücker, in dem die geometrischen Verzierungen und die Handhabung zu einer symbiotischen Einheit verschmolzen.

Auch für die Kaiserlich Deutsche Botschaft in Sankt Petersburg entwickelte Peter Behrens ein Set von Türklinken, die je nach der Bedeutung der Räume mehr oder weniger aufwendig gestaltet waren. Der von den Studierenden ausgewählte vergoldete Prestigedrücker kleidete neben den Paraderäumen auch die Türen von Empfangszimmern, Büro- und Wohnräumen. Der Türdrücker erscheint in einer schlichten klassischen Form, die sich formal überzeugend an die Ergonomie der menschlichen Hand anlehnt und auf den dunklen Holztüren in der weiträumigen hellen Eingangshalle zum Blickfang avanciert. Das Ausstellungsplakat lenkte in diesem Zusammenhang die Aufmerksamkeit auf Mies van der Rohes Mitarbeit an der Botschaft und der Detaillierung der Eingangshalle. Die fotographische Gegenüberstellung der Innenräume der Botschaft und der Neuen Nationalgalerie lies eine Verwandtschaft im Entwurfsansatz erahnen. Mies van der Rohe würdigte Peter Behrens rückblickend als den Architekten, von dem er Jahrzehnte zuvor nicht nur die Aufmerksam für das kleinste Detail, sondern auch die „große Form“ gelernt habe.

Die Peter Behrens School of Architecture knüpfte mit dieser Präsentation an die Ausstellung „Peter Behrens und die Vielfalt der Gestaltung“ des Lehrgebiets Baugeschichte, Kunstgeschichte und Architekturtheorie Prof. Dr. Thorsten Scheer im Frühjahr 2015 im NRW Forum mit vielen Modellen, Objekten und Archivalien an. Beide Ausstellungen reflektierten Peter Behrens Einfluss auf die heutige Designausbildung, in dem er materialgerechte Formen, den praktischen Zweck von Gegenständen und die herrschenden Lebensumstände in den Mittelpunkt des Entwurfs rückte. Ein „Zeitstrahl“ der „PeterBehrensZeit“ mit historischen Daten von der Geburt des Wiener Architekten Otto Wagner in 1841 bis zur Eröffnung der Neuen Nationalgalerie in Berlin in 1968 veranschaulichte, wie eng das Werk von Peter Behrens mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund verknüpft war und wie weit es in die Architekturgeschichte ausstrahlte. Sein Büro in Berlin erregte durch Meilensteine der Architekturgeschichte wie die Kraftzentrale der AEG-Turbinenfabrik in Berlin-Moabit (1909) große Aufmerksamkeit und war in dieser Zeit ein Treffpunkt von Protagonisten der Moderne wie Mies van der Rohe, Walter Gropius und Le Corbusier. Türklinken, die in Mies von der Rohes Neuer Nationalgalerie Berlin (1965-1968), Gropius‘ Bauhausgebäude und Meisterhaussiedlung in Dessau (1925-1926) und Le Corbusiers Kapelle Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp (1950-1955) verwendet wurden, waren in der Ausstellung als 3D-Plott zu sehen und illustrieren die individuelle Handschrift der Entwerfer. Vor allem der reduzierte Gropius-Drücker mit einem zylindrischen Griff auf einem abgewinkelten Vierkantstab, den Walter Gropius gemeinsam mit seinem Atelierleiter Adolf Meyer im Jahr 1922 entwarf, entwickelte sich zu einem internationalen Massenprodukt, welches bis heute gefertigt wird