Porträt Alejandro Aravena

Alejandro Aravena im Porträt

Mister Do-Tank

28. Juni 2016 | Text: Bettina Schürkamp
Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten, 55 Sekunden

2016 steht ganz im Zeichen von Alejandro Aravena – als Kurator der Hauptausstellung der 15. Architekturbiennale in Venedig und als Pritzker-Preisträger bestimmen seine Konzepte die globale Diskussion über die Zukunftsperspektiven der Architektur. Ein Porträt des chilenischen Architekten mit einem Überblick über seine wichtigsten Bauten.

Ganz überraschend kommt seine Omnipräsenz nicht: Der 1967 in Santiago de Chile geborene Aravena agiert schon seit vielen Jahren auf der internationalen Architekturbühne, und doch zählte er bisher nicht zu den Architekten, die in Deutschland die internationalen Rankings anführen. In ihrer Begründung würdigt die Pritzker-Jury das außergewöhnlich breite soziale Engagement des Architekten und sprach ihm für die Arbeiten seines 1994 gegründeten Architekturbüros wie auch die gemeinsam mit der Architekturgruppe Elemental realisierten sozialen Wohnprojekte den renommierten Architekturpreis zu.

Alejandro Aravena curator architect Venedig Biennale 2016 Reporting from the front

Alejandro Aravena (Foto: Cristobal Palma)

Aravena ist durch seine langjährige Lehrtätigkeit und sein Engagement für Organisationen in Europa und Amerika international vernetzt. Von 2000 bis 2005 war er Gastprofessor an der Harvard Graduate School of Design, und seit 2006 hat er die Elemental-Copec-Professur an der Universidad Católica de Chile inne. Darüber hinaus unterrichtete er an Universitäten in Venedig und London. International wirkt er mit in Gremien wie dem David-Rockefeller-Center für Lateinamerikanische Studien oder der Schweizer Holcim Foundation for Sustainable Construction und war Gründungsmitglied der chilenischen Public Policies Society. Von 2010 bis 2015 war er zudem selbst in der Pritzker-Jury.

Auf besondere Weise verbinden sich für die Pritzker-Jury in Aravenas Architektur sein öffentliches Engagement und seine ausdrucksstarke künstlerische Handschrift. Projekte wie die Mathematics School der Universidad Católica de Chile (1999) verdeutlichten sein ganzheitliches Verständnis der gebauten Umwelt und seine Fähigkeit, Aspekte wie soziale Verantwortung, ökonomische Zwänge und außergewöhnliches Design für menschliche Lebensräume zu verbinden. Für die gleiche Universität entstand 2014 das UC Innovation Center – Anacleto Angelini, das mit seiner monolithischen, skulpturalen Erscheinung Assoziationen an archaische Bauformen weckt. Die nach außen geschlossen wirkende, opake Kubatur vermittelt den Menschen ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit, während die innere Offenheit Raum für Begegnungen und Austausch bietet.

Aravena Santiago de Chile Universidad Catolica Mathematik Gebäude

Für den San Joaquín Campus der Universidad Católica de Chile in Santiago realisierte Alejandro Aravena 1999 die Mathematics School (Foto: Tadeuz Jalocha)

Auf ähnliche Weise spielt das im Bau befindliche Novartis-Bürogebäude in Shanghai mit dem Kontrast zwischen einer irden anmutenden, massigen Kubatur und offenen Glasflächen im Innern. Auch mit Blick auf eine energetische Optimierung wurden die Wetterseiten des Gebäudes als voluminöse Backsteinfassaden mit monumentalen Sichtschlitzen ausgebildet. Zur Nordseite öffnet sich das Gebäude mit einer Glasfassade zum Licht und verdeutlicht die offene Struktur im Inneren. Die Büroflächen bieten eine große Bandbreite von Arbeitsformen an, die von individuellen, kollektiven und informellen Bereichen bis zu formellen Repräsentationszonen reichen.

Die Siamesischen Türme für den San Joaquín Campus der Universidad Católica de Chile in Santiago aus dem Jahr 2005 zeigen, wie innovativ der chilenische Architekt sich bei jeder neuen Bauaufgabe der Verbindung von funktionalen, energetischen und ästhetischen Anforderungen stellt. Eigentlich verlangte die Hochschule als Bauherrin eine Glasfassade, doch Aravena entschied, dass das Baumaterial Glas für das Klima in Santiago nicht geeignet wäre – das Haus hätte sich zu sehr aufgeheizt. Als Quadratur des Kreises erfand er eine Glashülle, die als Wetterschutz gegen Regen und Umweltverschmutzung ein innenliegendes, massives Gebäude umhüllt. Zwischen der Glasfassade und dem inneren Gebäude zirkuliert die Luft und puffert so klimatische Einwirkungen wie maximale Kälte und Hitze ab. Die Glashülle folgt nicht exakt der Kubatur der inneren Gebäude, sondern weicht organisch von ihrer geometrischen Form ab. Wie bei siamesischen Zwillingen gleichen sich die beiden Türme auf den ersten Blick und unterscheiden sich dennoch im Spiel von Licht und Schatten. Die beiden komplex geschichteten Türme erheben sich aneinander geschmiegt auf einem Sockel, der mit sägerauen Holzbohlen verkleidet ist. Die bewitterten Holzoberflächen bilden mit ihrer haptischen Qualität einen spannungsvollen Gegensatz zur technoiden Erscheinung der Glastürme.

Alejandro Aravena architecture Santiago Chile Universidad Catolica

Glasfassaden umhüllt bei den Siamesischen Türmen für den San Joaquín Campus der Universidad Católica de Chile in Santiago innenliegende, massive Gebäude mit Büros und Klassenräumen. (Foto: Cristobal Palma)

Alejandro Aravena architecture elemental Novartis shanghai büro office

Die monumentalen Backsteinfassaden der West-, Süd- und Ostseite bilden einen spannungsvollen Kontrast zu den offenen Glasfassaden auf der Nordseite und im Inneren des Novartis-Bürogebäudes in Shanghai, das sich zurzeit noch im Bau befindet. (Foto: Elemental)

Alejandro Aravena Elemental Quinta Monroy Iquique Wohnung selbstbau

Die Wohnanlage Quinta Monroy in Iquique kurz nach Beendigung der Startmodule mit öffentlich finanzierten, elementaren Funktionen wie der Erschließung und Sanitäranlagen im Jahr 2004. Im Selbstbau errichteten die Bewohner weitere Wohnräume und erreichten so den für die Mittelklasse üblichen Standard. (Fotos: Cristobal Palma)

Ein neuer Blick auf Bauaufgaben bilden die Grundlage für die Zusammenarbeit von Alejandro Aravena mit seinen Partnern Gonzalo Arteaga, Juan Cerda, Victor Oddó und Diego Torres im „Do-Tank“ Elemental, der als Gegenmodell zu den internationalen „Think Tanks“ gegründet wurde. Eines der bekanntesten Projekte der fünf Architekten ist die Quinta-Monroy-Wohnanlage in Iquique aus dem Jahr 2004. Im Zentrum des Entwurfs stand die Frage: Wie entstehen für möglichst viele Menschen bei knappem Budget ansprechende Wohnungen, bei denen die Bewohner mit Eigenleistungen mitwirken können und so eine Wertsteigerung im sozialen Wohnungsbau entsteht? Die Architekten entwickelten ein Konzept, bei dem elementare Funktionen wie die Erschließung oder Sanitär- und Versorgungsanlagen in einem dreigeschossigen Startmodul mit öffentlichem Geld finanziert wurden. Nach der Fertigstellung der öffentlich finanzierten Startphase wirkte die Wohnanlage wie eine Kette aus monolithischen, dreigeschossigen Türmen, die öffentliche Freiräume umschließt.

Kurze Zeit darauf begann die Aneignung der Bewohner, die angelehnt an die Statik der Startmodule im Selbstbau die Leerräume zwischen den Türmen mit Wohnräumen ausfüllten. Durch die Eigenleistungen der Bewohner wurde eine Wohnungsanlage für das Existenzminimum auf den Lebensstandard der Mittelschicht angehoben. Das von den Architekten geplante System für eine Grundversorgung geht mit seinen kubischen Baukörpern eine enge Beziehung mit den realisierten Wohnträumen der Bewohner ein. Durch Arbeitsteilung und Doppelfinanzierung entstand eine „Win-Win-Situation“, die auch zehn Jahre nach ihrer Errichtung für Wohnanlagen weltweit vorbildlich ist und gemeinsam mit den anderen Architekturprojekten von Alejandro Aravena mit dem Pritzker-Preis 2016 gewürdigt wurde.

Die Projekte von Alejandro Aravena drücken die besondere Gabe aus, zwischen Gegensätzen so zu vermitteln, dass jede Komponente in der Gegenüberstellung in ihrer eigenen materiellen Qualität betont wird. Diese charakteristische Eigenschaft prägt auch seine Ausstellungskonzeption als Kurator der 15. Architekturbiennale Venedig. „Reporting from the Front“ verleitete Architekten rund um den Globus, sich mit ihren Ausstellungsbeiträgen gedanklich seinem „Do-Tank“ anzuschließen, wodurch eine bemerkenswert intensive und vielfältige Auseinandersetzung rund um drängende soziale Fragen in der Architektur entstanden ist.