Rede zur Architektur 2016 | Anupama Kundoo

Rede zur Architektur 2016: Anupama Kundoo

Pragmatisch, nachhaltig, gut

14. Juli 2016 | Text: Bettina Schürkamp
Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten, 10 Sekunden

Architektur als Prozess von Menschen – mit ihrer lebendigen Art zog die indische Architektin Anupama Kundoo das Publikum der 14. „Rede zur Architektur“ unmittelbar in ihren Bann. Sie hielt ihren Werkvortrag mit dem Titel „Building Knowledge“ anlässlich des Literatur- und Musikfestivals „Wege durch das Land“ in Beverungen auf Schloss Wehrden. Das ländliche Ambiente bildete den stimmungsvollen Rahmen für die Architektur von Kundoo, die in ihren Projekten lokale Materialien verwendet, die mit der Landschaft und dem kulturellen Hintergrund eng verbunden sind.

London, Berlin, New York, Queensland und schließlich Madrid: Als Botschafterin einer nachhaltigen und örtlich verwurzelten Architektur arbeitete die indische Architektin an Universitäten auf verschiedenen Kontinenten und ist heute Professorin an der Universidad Camilo José Cela (UCJC) in Madrid. Gerade war sie noch in Venedig zur Eröffnung der Architekturbiennale 2016, wo sie im Arsenale ihr Projekt „Full Fill Homes“ zeigt, nun berichtete sie in Wehrden auf Einladung von FSB über ihre Architektur, in der sich eine auf Forschung basierende Praxis und eine an der Baupraxis orientierte Lehre wechselseitig ergänzen. Der Vortrag „Building Knowledge“ wie auch die Ausstellung auf der Architekturbiennale bieten einen Querschnitt ihrer Architekturprojekte in Indien und ihrer urbanen Installationen. Matthias Fuchs (Leiter Marketing) und Wolfgang Reul (Projektmanagement Architektur) von FSB begrüßten Kundoo als Pionierin einer ökologischen Architektur aus alltäglichen Baustoffen. Während in Europa nachhaltige Architektur zu bürokratischen Zertifizierungsmonstern mit immer mehr Technik mutiere, experimentiere das 1990 gegründete Büro Anupama Kundoo Architects mit regionalen Materialien und einer pragmatischen Bautechnik.

Schloss Wehrden Beverungen Wege durch das Land Rede zur Architektur 2016

Das ländliche Ambiente von Schloss Wehrden in Beverungen bildete in diesem Jahr den stimmungsvollen Rahmen für die „Rede zur Architektur“. (Foto: Heidrun Hertel)

„Wissen“ sei heute mit Blick auf den ökonomischen Wandel unverzichtbar für eine Architektur, die Menschen verbinde, erläuterte Kundoo ihre Arbeitsweise. Viel zu oft würde in der Architektur über Architekten gesprochen. Indien und China stellen zusammen gut ein Drittel der Weltbevölkerung und benötigen dringend Wohnraum in den Ballungszentren. Die staatliche Baupolitik stelle zwar neue Wohnungen bereit, so Kundoo weiter, dennoch bildeten sich durch die bisherige Urbanisierung immer neue Slums am Rande der Städte. Immer häufiger entstünden anonyme Skylines aus Betongebäuden, die die traditionelle Verbindung der Architektur mit der Landschaft zerstörten.

Bereits in den neunziger Jahren entschied sich die indische Architektin daher für einen ganz anderen Weg. Dies gilt in besonderem Maße für ihre Projekte in den landwirtschaftlich geprägten Landesteilen im südlichen Indien, bei denen auch ungelernte Kräfte mitarbeiten konnten. In ihrem ersten Projekt errichtete Kundoo für sich selber eine Wohnhütte in Petite Ferme (1990) mit einem Dach aus geflochtenen Kokosnussblättern auf einer Konstruktion aus Kasuarinen-Holz. „Bisher hatte ich kaum etwas über diese Materialien gelernt und verfügte über keine Erfahrungen, ob und wie lange sie halten würden“, erläuterte Kundoo ihre seitdem anhaltende Faszination für die zeitgemäße Anwendung von traditionellen Baustoffen. Im Arsenale in Venedig präsentiert sie ihre Materialforschung mit Proben und Filmen. Die einzelnen Stationen zeigen die Entwicklung von den frühen Experimenten mit Kokosnussblättern, über die Produktentwicklung von Lehmziegeln und Glasuren bis hin zu den aktuellen Konstruktionsstudien mit Ferrozement-Elementen.

Ihre Skizze für die „Full Fill Homes“ illustriert die Bedeutung der Materialien für ihre Arbeitsweise, bei der Wissen und Projekte sich wechselseitig bedingen. Ihren Entwurfsprozess stellt Kundoo ― ganz ähnlich wie der surrealistische Künstler Salvador Dalí ― als Baum mit großen Wurzeln dar. Die Wurzeln führen in den Hauptsträngen ökologisch, technisch, territorial, sozial und akademisch den Projekten in den Baumwipfeln das nötige Wissen zu. Das Themenspektrum des Architekturwissens umfasst neben technischen Aspekten auch soziale Anliegen wie berufliche Qualifikation, die Schaffung von Beschäftigung, die Geschlechtergerechtigkeit und Partizipation. Das durch die Wurzeln aufgenommene Wissen und die Materialstudien bilden gemeinsam die Grundlage für Projekte, die von Installationen, Videos über Gebäudekomponenten bis zu Gebäuden reichen.

Ein Beispiel für Kundoos vernetzte Arbeitsweise ist das „Wall House“ (2000), das sie als ihr Wohnhaus in Auroville in Indien erbaute und 2012 mit einer 1:1-Kopie auf der Architekturbiennale in Venedig im Arsenale präsentierte. Handwerker aus Auroville, die Indien noch nie verlassen hatten, reisten nach Venedig und errichteten gemeinsam mit Studierenden der australischen Universität Queensland und der IUAV in Venedig die Gebäudeteile in traditionellen Bauweisen, die die Architektin durch eine zeitgemäße Interpretation weiterentwickelt hatte. Ende der neunziger Jahre war Kundoo bei ihren Recherchen in Auroville auf traditionelle Terrakotta-Schalen gestoßen, deren Absatz durch die veränderten Lebensbedingungen stagnierte. Kundoo integrierte dieses lokale Produkt in die Zimmerdecken und entwickelte so eine poetische, moderne Ästhetik. Die Wände des „Wall House“ wurden aus handgemachten Lehmziegeln gebaut. 

Die Ziegelbauweise entwickelte die Architektin über Jahre weiter und schloss 2008 eine Promotion an der Technischen Universität Berlin mit dem Titel „Building with Fire. Baked-Insitu Mud Houses of India Evolution and Analysis of Ray Meeker’s Experiments” ab.

Anupama Kundoo Wall House 2000 Brick Ziegel India Auroville

Intelligente Low-Tech-Architektur aus einfachen Elementen, bei deren Errichtung die lokale Bevölkerung mitwirkte. Das Tonnengewölbe wurde aus konischen Tonelementen von lokalen Handwerkern errichtet. (Foto: Javier Callejas)

Anupama Kundoo Illustration Full Fill Home 2016 Ferrozement

Projekte wie der Protoyp „Full Fill Home“ aus Ferrozement-Modulen entstehen in einer intensiven Wechselbeziehung zwischen Architektur und Wissen, das mit verzweigten Wurzeln aus der Umwelt aufgesogen wird. (Illustration: Anupama Kundoo)

Die Erkenntnisse aus ihren Materialexperimenten wendete die Architektin auch auf weitere Bauten in Auroville an. In dem „Sangamam Cost Efficient Habitat“ (2003) sind die Tonnengewölbe aus runden, konischen Terrakotta-Elementen ein markantes Bauelement, das zunächst für das „Wall House“ entwickelt wurde. Viele der Gebäude, die Anupama Kundoo in ihrem Vortrag zeigte, realisierte sie in der Experimentalstadt Auroville, die mit der Unterstützung der UNESCO gegründet und 1968 vom indischen Präsidenten eröffnet worden war. Den kreisförmigen Stadtgrundriss hatte der französische Architekt Roger Anger entworfen, über den Kundoo im Jahr 2009 das Buch „Roger Anger. Research on Beauty“ veröffentlichte.  Kennzeichnend für ihre Gebäude in Auroville wie das Wohnungscluster „Urban Eco Community“ (2003), das „Mitra Youth Hostel“ (2006) und den Rathauskomplex (2006 bis heute) ist ein integriertes Wassermanagement, das die Architektin gemeinsam mit Kraft Associates entwickelt hat.

Mit ihrer Lehrtätigkeit überträgt Anupama Kundoo ihre Arbeitsweise auch auf den europäischen Kontext. Besondere Aufmerksamkeit hat ihre Installation „Bibliothek der verlorenen Bücher“ (2014) in Barcelona erhalten. Scheinbar überflüssige Bücher wurden in Plastikfolie eingeschweißt und dienten als Konstruktionsmaterial für einen Baum des freien Wissens, der mit einem Sonnendach Schatten für lesende Besucher spendete. Ein gutes Beispiel dafür, wie die Architektur und die Installationen von Anupama Kundoo gesellschaftliches Engagement und nachhaltige Konstruktion miteinander verschmelzen und in ihrem urbanen Kontext auf vielfältige Weise als soziale Plastiken wirksam sind.

Lesen Sie ein Interview mit Anupama Kundoo im FSB-Blog.