Rede zur Architektur 2017 | Tatiana Bilbao Mexiko

Rede zur Architektur 2017: Tatiana Bilbao

Öffentlichen Raum bauen

19. September 2017 | Text: Bettina Rudhof
Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten, 20 Sekunden

Unterkünfte für Pilger und bezahlbare Volksarchitektur: Die mexikanische Architektin Tatiana Bilbao nahm mit der diesjährigen Rede zur Architektur das Bauen abseits der westlichen Metropolen in den Blick. In ihrem einstündigen Vortrag im Museum Marta in Herford sprach sie über ihren Einsatz für die Bedürfnisse der ärmeren Mexikaner, vor allem der Landbevölkerung, wie über ihr Engagement zur Reaktivierung des öffentlichen Raums.

Das Literatur- und Musikfestival „Wege durch das Land“ fand in diesem Jahr erstmals unter der Leitung von Helene Grass und Albrecht Simons von Bockum Dolffs statt. Sie folgen der Germanistin Brigitte Labs-Ehlert, die das Festival sechzehn Jahre lang mit großem Erfolg gestaltet hatte. Weil die Rede zur Architektur stets ein Höhepunkt des Programms war, setzten die beiden neuen Leiter diese Tradition fort. Zum diesjährigen Vortrag hatten sie in das vom US-amerikanischen Architekten Frank Gehry entworfene Museum nach Herford geladen. Im Eingangsbereich des beeindruckend skulpturalen Baus wurden die 260 Gäste vom Cölner Barockorchester musikalisch begrüßt und in den Vortragssaal geleitet, wo Tatiana Bilbao schon auf sie wartete.

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Tatiana Bilbao aus Mexiko-Stadt stellte anlässlich der Rede zur Architektur 2017 ihr Werk in einem einstündigen Vortrag vor. (Foto: Heidrun Hertel)

Mit ihren Entwürfen, Planungen und Bauten erregt die 45-jährige Mexikanerin derzeit internationales Aufsehen und erweist sich so als würdige Nachfolgerin von prominenten Vorrednern wie Peter Eisenman, Ryue Nishisawa und David Adjaye. 2007 erhob die Trendscout-Plattform Design Vanguard Tatiana Bilbao zu einer der weltweit innovativsten Architektinnen, 2012 wurde sie mit dem Kunstpreis Berlin ausgezeichnet, 2013 erhielt sie den Global Award für nachhaltige Architektur. Derzeit lehrt sie als Visiting Professor an der Architektur-Fakultät der Yale-Universität. Der Vorschlag zur Einladung Bilbaos kam vom Unternehmen FSB, das die Rede zur Architektur wie in den vorangegangenen Jahren auch diesmal großzügig unterstützt hat.

Die mit der Einladung gestellte Herausforderung nahm Tatiana Bilbao an, indem sie nicht über bereits bekannte Werke wie das einer Sternwarte nachempfundene Orozco-Haus, den spektakulären Universitätsbau von Culiacán oder das international gepriesene Ventura-Haus sprach. Stattdessen gab die 1972 in Mexiko-Stadt geborene Architektin Einblick in ihre entlang der Schwerpunkte Religion, Landschaft und „arquitectura popular“ geführte Auseinandersetzung mit der Geschichte und Gegenwart ihres Landes und seiner BewohnerInnen.

Den Anfang machte sie mit der Präsentation von zwölf bizarr schönen Pavillons, Skulpturen und Wegmarken entlang eines aus dem 17. Jahrhundert. stammenden Pilgerwegs im Bundesstaat Jalisco, der jedes Jahr von drei Millionen Gläubigen genutzt wird. Mit ihrer Wallfahrt lösen die Gläubigen ein Versprechen ein, das sie der Jungfrau des Rosenkranzes für einen erfüllten Wunsch gegeben haben. 2008 beauftragte der Gouverneur von Jalisco Tatiana Bilbao mit der Erstellung eines Masterplans zur Verbesserung der Infrastruktur des von immer mehr Gläubigen genutzten Pilgerwegs, neue Aufenthalts- und Andachtsorte sollten entstehen. Der Architektin ging es dabei nicht nur um eine technische Nachrüstung, sondern um die Pflege einer langen Tradition und um eine architektonisch-künstlerische Bezugnahme auf die Landschaft, durch die der Pilgerweg führt. Als ihr die Leitung des Gesamtprojekts zugesprochen wurde, gewann sie internationale KünstlerInen und ArchitektInen zur Mitarbeit, darunter die mexikanischen Kollegen Derek Dellekamp und Luis Aldrete, die Schweizer Büros HHF Architekten und Christ & Gantenbein sowie den chinesischen Künstler Ai Wei Wei.

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Die Kapelle der Dankbarkeit, Entwurf: Tatiana Bilbao Estudio und Dellekamp Arquitectos, Mexiko.
(Foto: Iwan Baan)

Bilbao eröffnete ihre Rede mit der Präsentation der gemeinsam mit Dellekamp entworfenen „Kapelle der Dankbarkeit“: Sie fügt sich aus vier auf einer Anhöhe gruppierten, 14 Meter hohen Stelen aus weißem reliefiertem Beton zusammen, die von zwei langgezogenen Randbauten gerahmt werden. Dabei wirken die Randbauten als horizontaler Gegenpol zu den imposant in die Höhe schießenden Wegmarken, die sich in der Draufsicht als die Stirnflächen eines im offenen Volumen geborgenen Kreuzes darstellen. Den Pilgern bieten die seitlichen Unterstände nicht nur Schatten, sondern auch den Raum zur schriftlich festgehaltenen Fürbitte. Das Hinterlassen von Spuren bewahre, so Bilbao, eine alte religiöse Praxis und sei deshalb ausdrücklich erwünscht. Der „Kapelle der Dankbarkeit“ folgt die aus großen Bruchsteinen gemauerte Anlage der Estanzuela-Aussichtsplattform.

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Die Estanzuela-Freistätte: Aussichtsplattform und Andachtsort von Ai Wei Wei.
(Foto: Iwan Baan)

Aus einer weichen Böschung wächst die von Ai Wei Wei entworfene schmale Rampe aus vorgefundenen Naturmaterialien gen Himmel und bietet einen freien Ausblick himmelwärts und über die weite Landschaft. Ihre nächtliche Rast finden die Pilger in einfachen Behausungen aus Lehmziegeln, die der Architekt Luis Aldrete auf Sockeln aus runden Findlingen errichten ließ. Die im oberen Bereich perforierten Ziegelwände malen innen flirrende Lichtspiele auf Decken und Wände und schaffen so eine heitere Atmosphäre. Entworfen in Modulbauweise, können sie bei Bedarf erweitert werden.

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Einsatz regionaler Baustoffe und „armer“ Materialien als Ausdruck christlicher Demut: eine der Pilger-Unterkünfte von Luis Aldrete. (Foto: Iwan Baan)

Als letzte Station vor der Kathedrale von Talpa, dem Ziel der Wallfahrt, leuchtet inmitten der kargen Landschaft ein großer weißer Betonring. Kunstvoll rahmt die geometrische Großform eine mit Pinien bepflanzte Senke und bietet den Gläubigen inmitten des Hochwalds einen weiteren, windgeschützten Ruhepol. Seinen ArchitektInen Derek Dellekamp und Rozana Montiel gilt der helle Zirkel zugleich als die Landschaft umarmender Andachtsort und als religiöses Symbol, das sowohl den Heiligenschein wie die zur heiligen Kommunion gereichte Hostie versinnbildlicht.

Dass Tatiana Bilbao und den um sie gescharten ArchitektInnen und KünstlerInnen ein architektonisches Gesamtkunstwerk gelungen ist, das sich gerade als solches in eine alte Tradition einfügt, war schon 2012 auf der Architekturbiennale von Venedig zu sehen, wo das Projekt durch zahlreiche Fotografien und Modelle gewürdigt wurde. Ihre Fähigkeit, solche Werke in interdisziplinärer Zusammenarbeit zu schaffen, konnte Bilbao auch im zweiten Teil ihres Vortrags belegen. Dort ging es um die Neugestaltung des Botanischen Gartens in Culiacán im Nordwesten Mexikos, einem 2005 begonnenen und noch nicht abgeschlossenen Projekt, bei dem sie ebenfalls den Masterplan verantwortet. Der elf Hektar große Garten liegt in der Mitte der Stadt und dient den EinwohnerInnen als beliebter Treffpunkt und Ort für Familienfeiern. BiologInnen und BotanikerInnen nutzen ihn als universitäres Forschungslabor von landesweiter Bedeutung.

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Der Botanische Garten inmitten der mexikanischen Stadt Culiacán.
(Foto: Iwan Baan)

Den Masterplan für den behutsamen Umbau und die Erweiterung des Gartens erstellte Bilbao diesmal nicht nur mit ArchitektInnen und KünstlerInnen, sondern auch mit NaturwissenschaftlerInnen und PhilosophInnen. Das gemeinsame Ziel der Erhaltung und Erweiterung der vielfältigen Ökosysteme forderte ihnen allen ab, sich dabei von der Natur selbst anregen zu lassen. Sichtbar wird das nicht zuletzt in der Wegeführung, in der sich die PlanerInnen von den linearen Strukturen pflanzlicher Wachstumsrippen anregen ließen.

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Der Materplan des Botanischen Gartens in Culiacán im Nordwesten Mexikos.
(Abbildung: Tatiana Bilbao Estudio)

An den Kreuzungen dieser Wege entstanden 15 Pavillons, die Serviceeinrichtungen wie Cafés, aber auch Unterrichts- und Veranstaltungsräume beherbergen und darüber hinaus einem Freilufttheater Raum geben. Geschickt sind Baumhäuser, kunstvolle Stege und Terrassen in die Gartenlandschaft integriert. Unter einem Blätterdach verborgen findet sich ein von Bilbao selbst entworfener, rundum verspielter Pavillon, in dessen Fassade und Dach sich der umgebende Wald spiegelt. Zu den Pavillons werden insgesamt 53 benutz- und begehbare Kunstwerke hinzutreten, von denen bislang 35 aufgestellt sind. Zu ihnen gehört der von dem amerikanischen Land-Art-Künstler James Turrell geschaffene Lichthügel „Encounter“ (Begegnung). In dem spektakulären Raumkunstwerk spielt das den gesamten Innenraum ausfüllende Farbspektrum von Sonnenaufgang und Dämmerung, das den Künstler zu dieser Rauminstallation anregte.

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Das Freilufttheater im Botanischen Garten von Tatiana Bilbao Estudio.
(Foto: Iwan Baan)

Im dritten Teil ihres Vortrags präsentierte Bilbao den Teil ihres Werkes, den sie als „arquitectura popular“ bezeichnet. Hier stellt sie sich als Architektin der dramatischen sozialen Lage ihres Landes und seiner schnell wachsenden, mehrheitlich jungen Bevölkerung: der Armut, der Bedrohung durch gewalttätige Kriminalität und eine das  öffentliche Leben durchdringende Korruption. Als die Regierung ein Sozialprogramm auflegte, das Menschen mit niedrigem Einkommen durch Übernahme der Hälfte der Kosten und großzügigen Krediten die Chance eröffnete, ihr eigenes Haus zu kaufen, übernahm Tatiana Bilbao den Auftrag, solche Häuser zu entwerfen. Dazu entwickelte sie einen Erfassungsbogen, der dann zur Grundlage von Interviews mit über 2.000 der künftigen BewohnerInnen wurde, um deren Wünsche und Bedürfnisse möglichst genau zu dokumentieren. Die meisten wünschten sich ein Haus mit Flachdach, das ihnen die Möglichkeit der späteren Aufstockung eines weiteren Geschosses bieten würde. Gewünscht wurden darüber hinaus Kochmöglichkeiten im Außenraum samt der Anlage von Obst- und Gemüsegärten sowie von Waschplätzen, von denen aus die Kinder beim Spielen beaufsichtigt werden können.

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Tatiana Bilbao hat mehrere Haustypen entworfen, die sich an verschiedene geografische Bedingungen anpassen.

Auf diese Wünsche und Anforderungen antwortet Tatiana Bilbao mit dem Entwurf frei erweiterbarer modularer Haustypen, die je nach Größe, Lage und klimatischen Bedingungen zwischen 8.000 und 14.000 Dollar kosten. Die Bandbreite reicht vom kleinen Haus mit 65 Quadratmetern, das Küche, Badezimmer, ein fünf Meter große Wohn/Esszimmer und zwei Schlafzimmer umfasst, bis zu einer Version für kinderreiche Familien mit fünf Schlafzimmern. Dabei variieren die Gebäude nach den geografischen Bedingungen: Öffnet sich die Küche in den südlichen Landesteilen zu einem großen Außenbereich, ist sie in den nördlichen Gegenden im Hausinneren mit dem Esszimmer verbunden. Zwischen den Häusern angelegte Terrassen werden von den BewohnerInnen gemeinsam genutzt.

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Neue Behausungen für die Opfer eines großen Hochwassers in Angangueo, ebenfalls von Tatiana Bilbao Estudio.
(Foto: Jaime Navarro, courtesy of INFONAVIT)

2013 wurden Bilbaos Modulhäuser zur Grundlage eines landesweiten Wohnungsbauprogramms, nach dem jährlich 3.000 neue Häuser errichtet werden sollen. Da die Architektin dabei auch den Wunsch der BewohnerInnen respektiert, dass ihr Zug um Zug erweiterbares Haus trotzdem jederzeit „wie ein fertiges Haus aussieht“, ist es nicht verwunderlich, dass ihre „arquitectura popular“ 2015 auf der ersten Architektur-Biennale in Chicago sowohl in sozialer wie in ästhetischer Hinsicht ausgezeichnet wurde. Für die Architektin ist diese Anerkennung ein Ansporn, sich auch künftig der Stärkung des sozialen Gewebes und der Reaktivierung des öffentlichen Raums zu widmen. Mit tosendem Applaus dankte das Publikum für den einstündigen Vortrag einer Architektin, von der es zu Recht weitere große Entwürfe und Bauten erwarten darf.