Rem Koolhaas und die Berliner Mauer

Rem Koolhaas und die Berliner Mauer

Das Axel-Springer-Hochhaus und der Medien Campus von OMA

15. Dezember 2014 | Text: Bettina Schürkamp, Fotos: Office for Metropolitan Architecture (OMA)
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Eine LICHTGRENZE mit tausenden illuminierten Ballons zeichnete am Wochenende des 9. November den Verlauf der Berliner Mauer nach. Hunderttausende Besucher erwanderten das 15 Kilometer lange Teilstück, an dem mit zahlreichen Veranstaltungen an den Mauerfall vor 25 Jahren erinnert wurde.

25JMF Checkpoint Charlie
25JMF Checkpoint Charlie
25JMF Checkpoint Charlie

(Fotos: Martin Diepholz, Kulturprojekte Berlin)

Am Anfang der siebziger Jahre erkundete auch Rem Koolhaas für sein Studienprojekt „The Berlin Wall as Architecture“ an der Architectural Association (AA) in London die Sektorengrenze in Berlin. Auf einer Länge von 165 Kilometern durchschnitt der Überwachungskorridor den Stadtraum und zog mit seiner ambivalenten Ausstrahlung zwischen Erhabenheit und Terror den niederländischen Architekten in seinen Bann.

In mehr als 40 Jahren inspirierte der „Field Trip“ signifikante Projekte des Office for Metropolitan Architecture (OMA) in Berlin, von denen viele an das Gebiet rund um die Kreuzung Friedrichstraße und Zimmerstraße anknüpfen. Seit März 2014 entwickelt OMA wenige Schritte vom ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie entfernt ein neues Highlight für Berlin ― Rem Koolhaas gewann mit seinem Team den zweiphasigen Einladungswettbewerb für den Neubau eines Medien Campus des Axel Springer Verlags. In einer Art „Zurück in die Zukunft“ verbindet die Gebäudekonzeption den Verlauf der Berliner Mauer mit einer innovativen Arbeitslandschaft für die expandierenden digitalen Tochterunternehmen des Verlags. Anlässlich des Mauerfalls vor 25 Jahren am 9. November 1989 stellt der FSB-Blog in einer mehrteiligen Reihe die Projekte des diesjährigen Leiters der 14. Architekturbiennale von Venedig in Berlin vor. Hierbei soll neben dem Springer Komplex an der Zimmerstraße, auch das gemeinsam mit Oswald Matthias Ungers veröffentlichte Manifest „Stadt in der Stadt. Berlin: Ein grünes Archipel“ (1977) thematisiert werden. Das Wohnhaus am Checkpoint Charlie (1990), die Botschaft des Königreichs Niederlande an der Spree in Berlin-Mitte (2004) und der Neubau des Springer Medien Campus spiegeln in weiteren Folgen neben der architektonischen Entwicklung auch die weltpolitischen Veränderungen wider. 25 Jahre nach dem Mauerfall und 10 Jahre nach der EU-Ostererweiterung liegt die deutsche Hauptstadt nicht mehr am Eisernen Vorhang, sondern mitten in einem vereinigten Europa.

Springer Medien Campus

Springer Medien Campus (Foto: OMA)

Die Mauer als historische Spur im Springer Medien Campus

Am 7. November stellte Rem Koolhaas in Berlin die überarbeiteten Pläne für den Neubau des Springer Campus Berlin vor. Das neue Medienzentrum wird unweit des Checkpoint Charlie eingerahmt von Schützen-, Zimmer-, Jerusalem- und Axel-Springer-Straße auf einer Freifläche entstehen, die von 1961 bis 1989 im ehemaligen Grenzstreifen lag. Als räumliche Diagonale folgt das horizontal gestreckte Foyer dem Verlauf des Grenzkontrollstreifens, welcher als historische Spur den über 30 Meter hohen Innenraum prägen wird. Eingerahmt von terrassierten Etagenebenen, finden hier zukünftig 3500 Mitarbeiter Arbeitsbereiche, in denen sie für den Axel Springer Verlag „radikal anders“ arbeiten und kommunizieren werden. Die Sichtachse des geplanten Medien Campus ist im Innenraum auf das benachbarte Axel-Springer-Hochhaus ausgerichtet. Somit ergänzt der geplante Neubau das von 1959 bis 1965 erbaute Verlagshaus, welches in der Zeit des Kalten Kriegs mit Werbeanzeigen auf dem Dach die Blicke auf beiden Seiten der Berliner Mauer auf sich zog.

Das Axel-Springer-Hochhaus an der Berliner Mauer

1959 legte Willy Brand als regierender Bürgermeister im ehemaligen Zeitungsviertel von Berlin den Grundstein für das Hochhaus des Axel Springer Verlags, welches nach der Errichtung der Berliner Mauer durch die DDR im August 1961 unmittelbar neben den Grenzanlagen stand. Während sich viele Unternehmen nach der Errichtung der Mauer aus Berlin zurückzogen, verlegte Axel Springer entgegen dem Trend den Hauptsitz seines Verlags von Hamburg nach Berlin. Der Verleger nutzte die zentrale Lage medienwirksam und stilisierte das markante Gebäude zu einer städtebaulichen Landmarke für die deutsche Wiedervereinigung. Anfänglich als „Fanal der Freiheit“ errichtet, wurde das Gebäude bald ähnlich kontrovers wahrgenommen wie die Schlagzeilen der Bild-Zeitung, die Axel Springer seit 1952 verlegte. Während den Studentenunruhen in West-Berlin wurde mit dem Verlag auch das Gebäude zu einer Zielscheibe der 1968er-Generation im Westen. In Ost-Berlin hingegen führten Gerüchte über ein Konzert der Rolling Stones auf dem Axel-Springer-Hochhaus am 20. Jahrestag der DDR im Oktober 1969 zu Zusammenstößen zwischen Musikfans und der Volkspolizei mit vielen Verhaftungen.

Willi Brandt

(Fotos: Unternehmensarchiv Axel Springer)

Berlin Hochhaus im Bau

Field Trip. The Berlin Wall as Architecture

Die enge Verbindung von Medienstandort, weltpolitisch bedeutsamer Stadtlandschaft und dem legendären Leben der Friedrichstraße in den zwanziger Jahren faszinierte den niederländischen Architekten während seines Studiums an der Architectural Association in London. In seinem Studienprojekt „The Berlin Wall as Architecture“ untersuchte er in den frühen siebziger Jahren die Grenzanlagen in der geteilten Stadt. Nach dem Fall der Berliner Mauer blickte Rem Koolhaas 1993 in dem Essay „Field Trip. A(A) Memoir (First and Last)“ auf seine Studie zurück und erläuterte die ambivalente Faszination, die von der Berliner Mauer als einer städtebaulichen Landmarke zwischen Terror und Erhabenheit ausging: „Seine Reichweite vom Absoluten, Regelmäßigen bis zum Deformierten war eine unerwartete Manifestation einer formlosen ‚Moderne‘ ― alternierend stark und schwach, Zumutung und Hinterlassenschaft, cartesianisch und chaotisch ― all seine scheinbar verschiedenen Zustände sind lediglich Phasen desselben essenziellen Projekts“. Die Mauer lege nahe, dass die Schönheit der Architektur direkt proportional zu dem von ihr ausgehenden Horror sei. Die Berliner Mauer Verband rund um West-Berlin sehr unterschiedliche städtebauliche Bereiche. Sie durchtrennte Flächen im dichtbebauten Zentrum, in der Peripherie und auch Kulturlandschaften mit Feldern, Seen oder Wäldern. Überrascht von der Komplexität dieses kontinuierlichen Bauwerks, das Berlin als Überwachungskorridor umgab, beschäftigte sich Rem Koolhaas mit den Phasen seiner baulichen Entstehung. Hierbei interessierte ihn die schrittweise Ausdifferenzierung der Berliner Mauer von einem anfänglichen weißen Strich mit einer Menschenkette, über gemauerte Konstruktionen aus einer Vielzahl von zusammengetragenen Materialien bis zur industriell vorproduzierten Fertigteilmauer der dritten Generation mit Selbstschussanlagen und Minenfeldern. Im städtebaulichen Gefüge rund um den heute geplanten Medien Campus wurde auch die Blockrandbebauung der Zimmerstraße mit ihren zugemauerten Fenstern ein integrierter Bestandteil der Grenzanlagen zwischen Ost- und West-Berlin. In seiner Analyse der Berliner Mauer erörterte Rem Koolhaas die Fluchttunnel, die in der Zimmerstraße unweit des Grenzübergangs Checkpoint Charlie unter der Grenzanlage hindurchführten. Im Juni 1962 reichte ein 22 Meter langen Tunnel von der Baustelle des Axel-Springer-Hochhauses zur Zimmerstraße 56 im Ostsektor, heute Sitz der Portugiesischen Botschaft, durch den sieben Personen in den Westen flohen. Nur wenige Meter von dem ehemaligen Fluchttunnel plant Rem Koolhaas heute auf einer Freifläche den Springer Medien Campus, welcher im digitalen Zeitalter soziale Grenzen überwinden soll. Auch wenn die Barrieren der „digitalen Kluft“ auf den ersten Blick weniger bedrohlicher wirken als die Befestigungsanlagen der Berliner Mauer, so wird ihre Überwindung dennoch eine wichtige Herausforderung der nächsten Jahre sein.