Rundgang über die EXPO in Mailand

Die Lauten, die Leisen und die Harmlosen

Ein Rundgang über die EXPO in Mailand

8. Juni 2015 | Text und Fotos: Nadin Heinich
Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten, 30 Sekunden

Es sind eher die leisen Pavillons, die auf dieser Expo überzeugen. 145 Länder präsentieren sich vom 1. Mai bis zum 31. Oktober auf der Weltausstellung in Mailand unter dem Motto „Energy for Life. Feeding the Planet.“. Einer der besten Beiträge ist der von Österreich, „breathe.austria“. Je weiter die Besucher auf dem schmalen, ansteigenden Pfad in den Pavillon vordringen, um so stärker entsteht das Gefühl, als wanderten sie durch einen tiefen Naturwald. Und das, obwohl es sich um einen Pavillon von nur 560 Quadratmetern Grundfläche handelt. breathe.austria ist weit mehr als ein künstlich angelegter Wald. Es handelt sich um eine mit gezielten Eingriffen „technisch erweiterte Landschaft“. Damit auf dieser begrenzten Fläche der kühlende Effekt eines wasserreichen Naturwaldes entsteht, wurde mit technischen Mitteln nachgeholfen. Präzise steuerbare Nebeldüsen in Erdnähe versprühen jeweils für einige Minuten feine Bodennebel.

Überall in der Landschaft verteilte Ventilatoren erzeugen einen kühlen Windhauch, der sanft die Passanten streift. Die Technik ist kein Fremdkörper, sondern in das gestalterische Gesamtkonzept integriert, Form und Inhalt eins. Der Pavillon wird zur „Klimamaschine“ und kommt als einziger auf dem gesamten Expogelände selbst im heißen Mailänder Sommer ohne Klimaanlage aus. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach deckt den gesamten Energiebedarf des Pavillons, einschließlich Cafeteria und Nebeltechnik. Konzipiert wurde der österreichische Beitrag vom interdisziplinären Projektteam team.breathe.austria unter Leitung des Architekten Klaus Loenhart. Das Klimakonzept wurde in Zusammenarbeit mit Transsolar entwickelt. breathe.austria könnte zu einem Modellprojekt werden, welches das Zusammendenken von Architektur, Landschaft und Technik neu inspiriert: technisch erweiterte Landschaft als Element einer energieeffizienten, ressourcenschonenden Architektur.

Auch Bahrain begeistert. Vielleicht läuft man an diesem Pavillon erst einmal vorbei, denn für den Architekten Anne Holtrop war die Außenfassade gar nicht so wichtig. Tritt man jedoch hinter das glänzende Messingtor, empfängt den Besucher eine poetische Landschaft aus zehn, duftende Obstgärten. Palmen, Feigen, Zitrus-, Bananen- und Granatapfelbäume, manchen dieser Gewächse sind über einhundert Jahre alt, werden nacheinander in den nächsten sechs Monaten Früchte tragen. Der aus 33 Inseln bestehender Staat im Persischen Golf – in der Mythologie oft als Garten Edens beschrieben – zeigt sich hier auf der Expo mit seiner langen landwirtschaftlichen Tradition, die bis ins dritte Jahrtausend vor Christus zurückreicht. Zwischen die Gärten fügen sich Ausstellungsräume mit archäologischen Artefakten ein. Die Form des Pavillons basiert auf einer abstrakten geometrischen Zeichnung. Es gibt keine komplett geschlossenen Bereiche, die Oberflächen der 350 weißen, in Italien gefertigten Betonpaneele sind immer von gleicher Konsistenz. Eine poetische Folge von Räumen und Gärten. Nach der Expo wird der Pavillon in Bahrain als botanischer Garten wieder aufgebaut werden.

Pavillion von Großbritannien

Britischer Pavillon

Großbritannien hingegen fällt durch seine markante Aluminiumkonstruktion schon von Weitem auf. Bei dem von Künstler Wolfgang Buttress konzipierten Pavillon dreht sich alles um Bienen und ihre Rolle im globalen Ökosystem. Das räumliche Konzept ist von einem Bienenstock inspiriert. Aber bei der Form bleibt es dann auch. Brasiliens riesige Netzkonstruktion, die man hinauf oder hinunterklettern kann, ist als physische Herausforderung ganz unterhaltsam. Der französische Pavillon erinnert etwas zu stark an Metropol Parasol von Jürgen Mayer H. Bei den Niederländern kann man an lustigen Ständen vor allem Essen kaufen, Hot Dogs, Fleischbällchen, Wurtsbrote, Pancakes etc. Dazu läuft laute Musik. Eine architektonische Idee fehlt hier vollends.

Und dann ist da noch der Slow Food-Pavillon von Herzog & de Meuron ganz am östlichen Ende des großen Boulevards. Zentrales Thema sind hier das Bewahren der biologischen Vielfalt in Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion, das Eintreten für eine lebendige, nachhaltige Esskultur. Drei einfache Hütten, modulare Holzstrukturen, gruppieren sich um einen dreieckigen Innenhof, in dessen Mitte in ebenso hölzernen Behältern Kräuter und Gemüse wachsen. Die Form der Holzhäuser ist an die „Cascine“ angelehnt, an für die Lombardei typische, lange Bauernhäuser. Die unprätentiöse Konstruktion dieses Pavillons lässt den konzeptionellen Masterplan von 2009 wieder anklingen, den Herzog & de Meuron gemeinsam mit Stefano Boeri, Ricky Burdett und William McDonough für die Expo in Mailand entwickelt hatten. Er sah ein orthogonales Rastersystem mit zwei Hauptachsen vor, welches das Gelände in lange, schmale Parzellen aufteilte. Alle Länder sollten auf gleich großen Grundstücken ihre nationalen Agrarlandschaften in einfachen, von den Organisatoren zur Verfügung gestellten Pavillonstrukturen präsentieren. Inhalt statt Größe. Keine spektakulären Soloshows einzelner Staaten. Diese Idee lies sich – wenig überraschend – nicht durchsetzen. Herzog & de Meuron stiegen 2011 aus, der Masterplan wurde nur als formales Muster, nicht als intellektuelles Konzept übernommen.

Brasilianischer Pavillon

Brasilianischer Pavillon

Wie relevant die Kritik von Herzog & de Meuron im Vorfeld der Weltausstellung war, wird beim Gang über das Gelände deutlich. Diese Expo wirkt irgendwie antiquiert, wie eine Mischung aus Naturkundemuseum, Reisebüro und Grüner Woche. Eine kritische Auseinandersetzung mit drängenden Themen wie der weltweiten Nahrungsmittelproduktion, den Folgen intensiver Landwirtschaft oder gar mutige Zukunftsvisionen entdeckt man höchst selten. Genauso rar sind starke architektonische Ideen. Aber genau das braucht die Expo, will sie zukünftig als Großereignis relevant bleiben.