Skulptur Projekte Muenster 2017 | ein Rundgang

Skulptur Projekte Münster 2017

Die dynamische Stadt

4. Juli 2017 | Text: Jasmin Jouhar, Fotos: Skulptur Projekte
Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten, 30 Sekunden

In Münster lässt man sich Zeit: Lediglich alle zehn Jahre machen die Skulptur Projekte eine Bestandaufnahme der Kunst im öffentlichen Raum, immer parallel zur documenta. Was 1977 mit einigen wenigen Beiträgen von Donald Judd, Richard Serra oder Joseph Beuys begann, umfasst zur fünften Ausgabe 35 zeitgenössische Positionen, die sich über die ganze Stadt verteilen und noch bis zum 1. Oktober dieses Jahres zu sehen sind.

Die Skulptur Projekte 2017 sind eine Ausstellung der Orte. Natürlich auch eine der Kunstwerke – doch die fünfte Ausgabe führt die Besucher mehr als alle vorangegangenen an abseitige, bedrohte, umstrittene oder ansonsten unzugängliche Orte der Stadt. Zu einer Brache zwischen Abriss und Neubau beispielsweise. In eine stillgelegte Eislaufhalle, in das futuristische Foyer der LBS Westdeutsche Landesbausparkasse, in den Klavierraum der Stadtbücherei, in einen ehemaligen Asia-Markt oder eine Disko mitten in der Altstadt. Mit dem Orientierungsplan der Skulptur Projekte und einem Fahrrad können die Besucher erkunden, was Münster ausmacht jenseits von Prinzipalmarkts-Herrlichkeit und Aasee-Idylle.

Skulptur Projekte Muenster 2017 Christian Odzuck OFD OFF Architektur Installation Baustelle Hentrich Petschnigg

Auf dem Gelände der ehemaligen Oberfinanzdirektion: Christian Odzuck „OFF OFD“
© Skulptur Projekte 2017
(Foto: Henning Rogge)

Zwischen dem ruhigen Hof einer Nachkriegskirche und dem quirligen Hafenviertel kommt man auch den Veränderungen auf die Spur, die in Münster wirken. Während das Zentrum vergleichsweise statisch wirkt, mal abgesehen von repräsentativen Neubauten wie dem LWL-Museum für Kunst und Kultur, ist außerhalb des grünen Promenadenrings mehr Bewegung. Etwa im Osten der Stadt, wo das ehemalige Gebäude der Oberfinanzdirektion von den Architekten HPP Hentrich-Petschnigg & Partner gerade abgerissen wurde und Bagger das weitläufige Areal in eine Mondlandschaft verwandeln. Hier hat der deutsche Künstler Christian Odzuck die markante Treppenanlage des Vorgängerbaus als Attrappe aus Baugerüsten und Betonelementen wiedererrichtet, Titel: „OFF OFD“. Die Treppe erinnert nicht nur an das, was verschwunden ist, sondern zeigt auch, was kommen kann. Wer hochsteigt auf die Plattform, sieht, wie viel Fläche hier darauf wartet, neu bebaut zu werden.

Eine der populärsten Arbeiten der diesjährigen Skulptur Projekte führt uns in eine andere Gegend Münsters mit städtebaulicher Dynamik, in das Viertel rund um den Binnenhafen im Südosten. Die türkisch-deutsche Künstlerin Ayşe Erkmen verbindet für „On Water“ den Nord- und Südkai mit einem Steg, der verborgen knapp unter der Wasseroberfläche liegt. Wer sich die Schuhe auszieht und durchs Wasser watet, darf sich nicht nur für ein paar Momente wie Jesus fühlen, sondern erlebt auch die Kontraste zwischen den beiden Ufern des Hafens. Die Nordseite ist bereits bestens erschlossen mit Bürogebäuden, Showrooms und Gastronomie, während der Süden noch stärker industriell genutzt wird. Diese Strategie, mit künstlerischen Interventionen Stadträume zu erschließen oder zu kommentieren, ist ein erklärtes Ziel des Kuratorenteams um Kasper König, Britta Peters und Marianne Wagner. In einem Statement auf der Webseite der Skulptur Projekte zeigen sie sich „auch für 2017 überzeugt davon, dass Kunst im Stadtraum historische, architektonische, soziale, politische und ästhetische Kontexte zu aktivieren vermag. Nicht im Besetzen von Plätzen, sondern im Schaffen von Räumen sehen wir ihr großes Potenzial.“

Dass die Skulptur Projekte 2017 einen so starken Fokus auf die Orte legen, hat auch mit einem gewandelten Kunstbegriff zu tun. 1977 bestand Kunst im öffentlichen Raum meist darin, ein skulpturales Objekt als Setzung in der Stadt zu platzieren – als zeitgenössische Fortschreibungen von bildhauerischen Typologien wie Denkmal oder Brunnen. Wie es Claes Oldenburg mit den berühmten „Giant Pool Balls“ machte und Donald Judd mit zwei titellosen Betonringen – beide Arbeiten sind bis heute am Ufer des Aasees zu sehen. Auch dabei wählten die Künstler den Kontext selbstverständlich mit Bedacht, aber die objekthaften Werke waren nicht zwingend abhängig von einem Ort.

Viele Beiträge des 2017er Jahrgangs sind dagegen performativ oder partizipativ, sie arbeiten mit Video, Sound oder digitaler Vernetzung und bedürfen teilweise dem Schutz eines Innenraums. Andere Arbeiten wie die überwältigende Großinstallation „After ALife Ahead“ von Pierre Huyghe in der ehemaligen Eissporthalle im Nordosten der Stadt machen den Ort selbst zu ihrem Material. So verwandelte Huyghe die alte Halle mit immensem Aufwand in eine mystische Indoor-Landschaft samt Bienenstock, Aquarium und Krebszellen im Inkubator. Ein öffentlicher Raum auf Zeit, bevor das Gebäude einem neuen Wohnviertel Platz machen muss. Und exemplarisch dafür, was die Skulptur Projekte 2017 überhaupt unter öffentlichem Raum verstehen: einen Raum von potenziell öffentlichem Interesse. Das kann der Stadtplatz oder die Grünfläche sein, aber eben auch das Bankfoyer oder das Neubaugrundstück. Denn diese Botschaft bleibt von der fünften Auflage der Ausstellung: dass die Bürger mit offenen Augen durch ihre Stadt gehen und es ihnen nicht egal sein sollte, wie und wohin sie sich entwickelt.

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Auf einer Wiese am Pumpenhaus: Aram Bartholl „5V“
© Skulptur Projekte 2017
(Foto: Henning Rogge)

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An den Schaufenstern der Volkshochschule Münster: Andreas Bunte „Laboratory Life“
© Skulptur Projekte 2017
(Foto: Henning Rogge)

Die Skulptur Projekte Münster 2017 sind noch bis Sonntag, 1. Oktober 2017 zu sehen. Orientierungsplan und Katalog gibt es in drei Info-Points: am LWL-Museum für Kunst und Kultur, am Pumpenhaus und auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs. Es empfiehlt sich, die einzelnen Stationen der Skulptur Projekte mit dem Fahrrad anzusteuern. Der offizielle Fahrradverleih der Skulptur Projekte befindet sich hinter dem LWL-Museum. Fahrräder verleiht außerdem die Radstation Münster mit Filialen am Hauptbahnhof und in der Altstadt.