TU Berlin Kapstadt Südafrika Projekt Table House

Hilfe zur Selbsthilfe: Bauprojekt in Kapstadt

Das wachsende Haus

9. Oktober 2017 | Text: Luise Rellensmann
Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten, 45 Sekunden

Von Brasilien nach Südafrika – jahrelang forschte Rainer Hehl an der ETH Zürich zum informellen Bauen in Südamerika. Mittlerweile Professor an der TU Berlin, arbeitet der promovierte Architekt an einem Wohnbauprojekt in Kapstadt. Die schrittweise erweiterbaren „Table Houses“ sollen die Kreativität ihrer Bewohner beflügeln und könnten das prekäre Wohngebiet Philippi in den Cape Flats langfristig zu einem eigenen, unabhängigen Standort mit öffentlichen Angeboten machen.

Wellblechhütten bestimmen den Wohnalltag der Menschen in Philippi, einer über lange Zeit landwirtschaftlich geprägten Nachbarschaft in den Cape Flats. Das Siedlungsgebiet in der flachen, sandigen Ebene südöstlich des Zentrums von Kapstadt ist als städtebauliche Zementierung der Segregation aus der Zeit der Apartheid übriggeblieben. Schwarze Südafrikaner und Coloureds leben hier in temporären Behausungen und müssen sich bislang auf Hilfe vom Staat verlassen: in Form von kleineren Häuschen oder zu knapp kalkulierter Massenwohnungsbauprogramme, die endlos aneinandergereiht monotone Prefab-Siedlungen ergeben. Das Projekt „Table House“ der TU Berlin will die Bewohner der Armenviertel aus Passivität und Hilflosigkeit befreien und sie aktiv in die Gestaltung ihres Lebensraums mit einbinden.

Rainer Hehl Professor TU Berlin ETH Zuerich Architekt

Rainer Hehl von der der TU Berlin, der das „Table House“-Projekt konzipiert und gemeinsam mit Studierenden entwickelt hat.

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Mithilfe des Projekts können die Bewohner des Armenviertels Philippi in Kapstadt ihren Lebensraum selbst gestalten. (Foto: Uno Pereira)

Rainer Hehl, der Leiter des Projekts, ist überzeugt: „Menschen können sehr gut selbst Häuser bauen!“ Eine Erkenntnis, die er aus seiner eigenen Forschung zu informellem Siedeln und Bauen in Brasilien gewonnen hat. An der Technischen Universität leitet er als Professor den Sonderbereich „Independent Studio“ für spezielle Projekte. Dieser ist unabhängig von den üblichen Fachgebieten und erlaubt so eine transdisziplinäre Arbeit mit Studierenden in der gesamten Breite von Baukonstruktion bis zum Städtebau und Kooperationen mit andere Instituten, wie etwa der Soziologie. Ein Ansatz, der Hehls bisherigen beruflichen Werdegang widerspiegelt: Fünf Jahre arbeitete er für große „Stararchitekten“, darunter Rem Koolhaas, bevor er eine Kehrtwende vollzog, um sich in Forschung und Lehre mit den „relevanten Themen des Städtebaus für die Architektur des neuen Jahrhunderts“ zu befassen. Derzeit lebt ein Drittel der Weltbevölkerung in slum-ähnlichen Behausungen, Tendenz steigend, erklärt der an der ETH in Zürich ausgebildete Architekt. In Brasilien begleitete Hehl viele partizipative Projekte, wie etwa die Entwicklung neuer Richtlinien im Massenwohnungsbau für das Bauministerium in Brasilia. Doch zur Umsetzung kam es so gut wie nie. „Alle Pilotprojekte sind irgendwann steckengeblieben, vieles ist an Regierungswechseln, der schwierigen politischen Lage, gescheitert“.

Umso mehr freut ihn die Zusammenarbeit mit Architekten und Ingenieuren aus Kapstadt. Die Kooperation auf Einladung der Alfred-Herrhausen-Stiftung ist geprägt von der Idee des Technologietransfers. Gemeinsam mit Partnerarchitekt Joe Noero (noero architects, Kapstadt) erarbeitete Hehl eine solide Grundstruktur nach dem weit verbreiteten Standardprinzip des von Hand gemachten Stahlbetonskelettbaus. Die „Table Houses“ funktionieren wie ein stabiler Tisch, der schnell und günstig zu bauen und zu allen Seiten hin erweiterbar ist. Ausgefacht mit unterschiedlichen Materialien, kann er immer weiter gebaut werden. „Dahinter steckt die Idee, dass das Haus nicht fertig ist, vielleicht nie fertig wird und mit der Zeit wachsen kann“, erklärt Hehl. „Somit wächst auch der Lebensstandard graduell mit, je nach den Möglichkeiten und Bedingungen.“ Das einfache Weiterbauen ermögliche auch, billige Materialien später gegen hochwertigere auszutauschen.

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Ein erstes „Table House“-Modul in Philippi in Kapstadt. (Foto: Uno Pereira)

Ideen für verschiedene Ausbaumöglichkeiten aus den lokalen Gegebenheiten zu entwickeln, war die Aufgabe von zwölf Studierenden der TU Berlin, die im März 2017 zehn Tage in Kapstadt verbrachten. Sie arbeiteten mit den Grundelementen des Bauens  wie Wänden, Treppen oder Fenstern, aber auch an der infrastrukturellen Weiterentwicklung des Wohngebietes. Außer dem Flughafen in der Nähe gibt es in Philippi kaum Anbindung an städtische Infrastruktur. Wer einen Job hat, ist oft zwei bis drei Stunden täglich im schlecht ausgebauten öffentlichen Verkehrsnetz unterwegs. Die „Table Houses“ sind so angelegt, dass die Erdgeschosszone auch öffentlich – etwa mit einem Laden – genutzt werden kann. Das langfristige Ziel: Bewohner der Nachbarschaft können ihr Einkommen vor der Haustür erwirtschaften. Philippi könnte zu einem eigenen, unabhängigen Standort mit öffentlichen Angeboten werden, statt weiterhin als reines Pendler-Wohngebiet zu funktionieren. „In den informellen Gebieten, in denen wir arbeiten, gibt es bis zu 70 Prozent Arbeitslosigkeit“, beschreibt Hehl. „Meine Erfahrung ist, wenn man mit Arbeitslosen oder Menschen mit Niedrigeinkommen arbeitet, dass sie erstaunlich kreativ sein können und sehr schnell verstehen, dass das städtische Umfeld ein kollektives Projekt ist, an dem alle arbeiten und gestalten sollten.“

In Design-Workshops mit den Studierenden ging es vor allem um Kommunikation mit Bauunternehmern und Handwerkern, um herauszufinden, welche Lösungen vor Ort möglich sind. Hehl sieht diese Vermittlungsarbeit als wichtige Fähigkeiten für die nachwachsenden Architektengenerationen. „Auch in Deutschland werden Bewohner heute nicht mehr mit einem fertigen Produkt konfrontiert, sondern am Prozess beteiligt.“ Partizipative Architektur werde zunehmend wichtiger. Für Philippi haben Hehl und seine Partner ein Handbuch, eine Art Bedienungsanleitung, für die bauliche Umsetzung entwickelt, die mit Hilfe der NGO „Hands of Honor“ erfolgt. Die soziale Initiative holt Drogenabhängige und Arbeitslose von der Straße und integriert sie in Betriebe. Hinter dem eigentlich simplen „Tisch“-Modul steckt eine komplexe baukonstruktive Entwicklung: Bewehrungsstahl wird in billige PVC-Rohre eingeführt und dann ausgegossen. Das Design eines speziellen Trägers mit Moduldecke erlaubt den Ausbau in alle Richtung, alles folgt dem Prinzip der verlorenen Schalung. In Philippi stehen nun vier Module, mit dem recht geringen Budget von 5.000 Euro für die erste Projektetappe realisiert. Die knappe Finanzierung sieht Hehl dabei nicht als Hemmnis, sondern als realistischen Aspekt des Bauens, – vor Ort müsse ohnehin mit geringen Mitteln gearbeitet werden. Er ist positiv gestimmt, dass sich für die langfristige Weiterentwicklung der „Table Houses“ Unterstützer finden werden.

FSB freut sich, das Projekt fördern zu dürfen.