Via Venedig von Brakel nach Bielefeld

Ausstellung

Via Venedig von Brakel nach Bielefeld

28. April 2015 | Text: Cornelius Mangold
Geschätzte Lesezeit: 1 Minute, 30 Sekunden

Es erstaunt immer wieder, in welch reicher Formenvielfalt sich eine relativ einfache Funktion wie das Öffnen und Schließen einer Tür niedergeschlagen hat. Die Tatsache, dass sich so namhafte Architekten wie Ludwig Mies van der Rohe, Walter Gropius, Antoni Gaudí oder David Chipperfield um die Klinkengestaltung verdient gemacht haben, lässt darauf schließen, dass der Gegenstand vielleicht simpel, keinesfalls aber nebensächlich ist. In ihren Klinken scheint das ganze Haus kondensiert zu sein, selten als wiedererkennbare Analogie, sondern vielmehr als Essenz, als „Geist“ einer Architekturhaltung. Das trifft auch für die heute namenlosen Gestalter aus der Biedermeierzeit oder dem Klassizismus zu, denen es gelang, den Geist ihrer Zeit in Form einer Klinke einzufangen und zu bewahren. Die Klinke hat eben nicht nur einen praktischen Nutzen, sondern auch eine Speicherfunktion: Ihr wohnt eine ganz bestimmte Zeit inne. Da Klinken aber normalerweise nicht in Vitrinen liegen, sondern mitten im Alltag stehen, kommt die Gegenwart bei jedem Drücken mit dieser eingelagerten Zeit in Berührung – eine kurze, meist unbewusste sinnliche Zeitreise. Unsere Hand erfasst dabei sofort die wesentlichen Unterschiede: ziseliert oder glatt, geometrisch oder ergonomisch, rational oder emotional. Wundern würde es nicht, wenn sich das Betätigen einer Türklinke ebenso in die Matrix unseres Gehirns einschreibt wie ein Duft, der mit einer bestimmten Erinnerung gekoppelt ist und diese noch Jahre später unvermittelt wachzurufen vermag.

Die Kunsthalle Bielefeld zeigt Klinken aus dem umfangreichen FSB-Archiv. Es besteht vorwiegend aus Eigenproduktionen und ist über die Jahre mit antiquarischen Einzelstücken gezielt ergänzt worden zu einer weltweit einzigartigen Sammlung aus vier Jahrhunderten. Ihre Premiere hatte die Ausstellung während der 14. Architekturbiennale in Venedig, die von dem renommierten niederländischen Architekten Rem Koolhaas kuratiert wurde. In seiner Sonderschau „Elements of Architecture“ versammelte Koolhaas alle wesentlichen Bestandteile des Bauens zu einer – künstlerisch überhöhten – Musterschau: Decken, Böden, Fassaden, Toiletten, Fenster, Türen aus unterschiedlichen Epochen wurden analytisch dargeboten und regten die Besucher an, die kulturelle Entwicklung der Moderne anhand ihrer technischen Entwicklung nachzuvollziehen. In der „Halle der Türen“ waren die Brakeler Klinken in einem überdimensionalen Türrahmen montiert. In Bielefeld werden die weitgereisten Stücke noch bis zum 21. Juni 2015 präsentiert.