Werner Aisslinger im Interview | neue Hotels in Zürich und Stockholm

Werner Aisslinger im Interview

Die Gäste sollen nicht unter sich bleiben

31. März 2017 | Text: Jasmin Jouhar
Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten, 10 Sekunden

Eigentlich ist er als Produktdesigner ein Außenseiter in der Hotelbranche, und doch hat Werner Aisslinger mit seinen Projekten Erfolge feiern können: zunächst 2009 mit dem Berliner Michelberger Hotel und vor allem vier Jahre später mit dem 25hours Bikini Berlin. Gerade haben zwei neue, von ihm gestaltete Hotels eröffnet: ein weiteres 25hours Hotel, dieses Mal in Zürich, und das „Hobo“ in Stockholm. FSB sprach mit Aisslinger in seinem Berliner Studio über die coolste Ecke Zürichs, die Sehnsucht der Skandinavier und wofür es sich zu kämpfen lohnt.


Das neue Hotel in der Zürcher Langstraße ist das zweite Haus nach dem Bikini Berlin, das du mit 25hours Hotels zusammen machst. Wie kam es dazu?

Zürich war eigentlich das erste Projekt, es lief nur ziemlich lange. Anfang 2011 ergab sich für 25hours dann kurzfristig das Bikini-Projekt. Für uns eine Art Zwischenspurt in der eigenen Stadt.

Also waren die Planungsprozesse bei beiden Häusern unterschiedlich, oder? Wenn das eine schnell ging und das andere länger gedauert hat…

Eine längere Planungszeit ist nicht unbedingt besser. Man muss aufpassen, dass man den Spannungsbogen nicht verliert und die Frische. Schließlich wollen wir mit dem Konzept ja auf den Punkt sein, wenn das Haus eröffnet. Es soll nicht so aussehen, als wäre es vor fünf Jahren ausgedacht worden. Entsprechend viele Änderungen gab es in den sechs Jahren, zum Beispiel haben wir das Storytelling nach drei Jahren komplett überarbeitet.

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Der Berliner Designer Werner Aisslinger hat zwei neue Hotel in Zürich und Stockholm eingerichtet. (Foto: Steffen Jänicke)

Warum lässt 25hours für jedes Haus ein eigenes Interiorkonzept entwickeln?

Damit möchte sich 25hours von den üblichen Hotelketten unterscheiden. Im Grunde handelt es sich zwar auch um eine Kette, die Organisation dahinter ist ja für alle Häuser gleich. Aber weil sie mit unterschiedlichen Designern und Architekten zusammenzuarbeiten, sind die Häuser individuell.


Was ist das Konzept des neuen Hauses?

Das Storytelling-Thema, um das sich alles dreht, ist „Pocket Universe“. Es bezieht sich auf die Umgebung des Hotels, den Stadtkreis 4 in Zürich. Dort ist viel Nachtleben zu finden, ein bisschen wie Kreuzberg in Berlin. Kreis 4 ist zurzeit die coolste Ecke im sonst so gediegenen Zürich. Die große Welt im Kleinen mit vielen internationalen Restaurants und Bars. Wir haben versucht, das im Hotel abzubilden, die Spannung zwischen dem Kosmos Zürich und der großen, weiten Welt.

Wie findet sich das in den Interieurs wieder?
Die Etagen haben verschiedene Themen. Die ersten beiden Stockwerke heißen „Red Light“, die nächsten „Bel Etage“ und die letzten beiden „Penthouse“. Die Wandfarben sind unterschiedlich, in jedem Zimmer gibt es ein großes Poster mit einem Motiv von der Schweizer Fotografin Nadja Stäubli. Was wichtig ist bei unseren Hotelprojekten: Wir arbeiten mit lokalen Kreativen und Künstlern zusammen. Wir wollen nicht die deutsche Konserve nach Zürich oder Stockholm exportieren. Es geht darum, vor Ort Objekte und Materialien zu finden und Leute aufzuspüren, die zur Subkultur gehören.

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Eines der Zimmer im neu eröffneten Hobo Hotel. Werner Aisslinger hat die Betten direkt ans Fenster rücken lassen. (Foto: Patricia Parinejad)

Was hat es mit dem „Leihhaus“ im Erdgeschoss auf sich?
Im Kreis 4 gibt es einige Leihhäuser, für uns war das etwas Typisches. Dieses Konzept wollten wir auf das Hotel übertragen: An bestimmten Tagen vergibt das Hotel zehn Zimmer im Tausch für Gegenstände. Man kann sich per Mail mit seinem Objekt bewerben, sei es ein Hocker oder eine Vase. Das ist natürlich ein lustiger Gedanke, mit Naturalien für ein Zimmer zu bezahlen. Es hat aber noch einen wichtigeren Effekt: Die Gäste beeinflussen über die Zeit hinweg das Interieur des Hauses mit. Die Einrichtung ist nicht statisch. Die Objekte der Gäste kommen dazu oder ersetzen die bereits vorhandenen. Das ist eine spannende Idee, die im Hotel noch keiner versucht hat.

Was erwartet die Gäste noch?
Das Hotel hat ein Artist-in-Residence-Programm. Die Teilnehmer bekommen ein Zimmer und können im hauseigenen Atelier arbeiten. Das ist ein knapp 50 Quadratmeter großer und vier Meter hoher Raum im hinteren Bereich des Hauses. Kunstvermittlerin Esther Eppstein aus Zürich kuratiert das Programm, sie ist tief in der Schweizer Kulturszene verwurzelt. Anlässlich von Events steht das Atelier dann Besuchern offen. Ansonsten sollen die Künstler aber in Ruhe arbeiten können. Und die Kunst kann im Hotel bleiben, wenn es denn passt. Auch dadurch entwickelt sich das Haus weiter.

Der Bezug des Hotels zum jeweiligen Ort ist wichtig für deine Konzepte?

Es geht um das Verweben der Welt des Gastes mit den Locals. Im besten Fall sitzen die Entrepreneure aus Zürich in der Lobby, arbeiten oder halten Meetings ab. Die Gäste sollen nicht unter sich bleiben. Der Local kommt aber nur, wenn er das Gefühl hat, dass das Hotel etwas mit seiner Stadt zu tun hat.

Du bist, wie du neulich in einem Interview gesagt hast, ein DJ, der Material aus verschiedenen Quellen sampelt. Du kreierst keinen „Total Look“ aus einem Guss.
Mein Thema ist ja bekanntlich: Das Leben ist Collage, die Welt ist Collage. Keiner wohnt heutzutage mehr in homogenen Designwohnungen, häufig ist es eine Mischung aus Vintage, Flohmarkt, Klassikern, Erbstück… Jeder ist der DJ seines eigenen Interieurs. Ich finde es ehrlicher, auch Hotels so einzurichten. Sie sollen so aussehen, als wären sie aus einem Leben entstanden, ein gewachsener Mischmasch. Das ist unsere Expertise, dass wir so ein Ambiente als Ganzes entwerfen können.

Wie kam der Kontakt nach Schweden zustande?
Die Betreiber haben uns angesprochen, sicher aufgrund des Bikini Berlin, das eine sehr gute Referenz für uns ist. Sogar in Taiwan entwickeln wir im Moment zwei Häuser. Der Auftraggeber in Stockholm ist die Gruppe Nordic Choice, eine große Kette mit 180 Hotels. Neben der typischen Systemhotellerie wollten sie etwas Neues ausprobieren.

Wie wichtig ist die Lage mitten in der Innenstadt, in einem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude von 1974?
Stockholmer haben mir erzählt, dass der Platz vor dem Hotel früher der Mittelpunkt der Stadt war. In der Zukunftseuphorie nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Schweden die historischen Gebäude in der Gegend abgerissen und typische Sechziger- und Siebziger-Jahre-Bauten hingestellt. Die Gegend ist nicht besonders gemütlich, das Hotel liegt direkt an der größten Mall Stockholms. Nun wird der ganze Platz revitalisiert, das Leben soll wieder zurückkehren.

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Werner Aisslingers Türdrücker FSB 1226

Was macht das „Hobo“ aus?
Es gab zwar keinen Arbeitstitel wie in Zürich. Aber unser Ziel war es, dem Haus eine internationale, sporadische, spontane Stimmung zu geben. Es soll nicht festgefahren wirken. Wir haben ein wenig vom Berliner Chaos importiert. Skandinavien ist streng und elegant, doch gerade prosperierende Orte wie Stockholm oder Kopenhagen sehnen sich ein bisschen nach Berlin.

Wie sieht das konkret aus?
Offen und unkonventionell. Gleich neben dem Eingang im Erdgeschoss gibt es eine Indoor-Farm. Jedoch weniger aus dekorativen Gründen, dort werden Kräuter für das Restaurant und die Bar gezogen. Auch einen Pop-up-Raum haben wir eingeplant, der alle sechs Wochen neu bespielt wird. Zur Eröffnung ist ein Barber-Shop eingezogen.

Sowohl in Zürich als auch in Stockholm kam das von dir entworfene FSB-Griffprogramm 1226 zum Einsatz.
Es ist oft gar nicht so leicht, hochwertige Produkte unterzubringen. Wir mussten bei beiden Projekten darum kämpfen. Meistens ist es vorgeschrieben, wie viel Klinken, Armaturen oder Steckdosen kosten dürfen.

Was ist dein persönliches Lieblingshotel?
Das Krafft in Basel! Da knarren die Dielen wie in einer Altbauwohnung, und es gibt so einen schönen historischen Aufzug. Das Interieur ist sehr pur und klar, schweizerisch perfekt, aber auch elegant. Es ist ein authentisches Hotel, das wirkt, als wäre es immer schon da gewesen. Man spürt, dass es von Menschen geführt wird, die ein Händchen haben für Qualität und Stil.

Erfahren Sie mehr über das 25hours Hotel Zürich Langstraße in den FSB Architektouren: Hier geht es zum Projekttext.