Wolfram Putz im Interview | Graft Architekten

Wolfram Putz von Graft im Interview

Wir wollten ein durch und durch demokratisches Produkt entwerfen!

7. November 2016 | Text: Tim Berge
Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten, 40 Sekunden

Architekturbüros, die polarisieren? In Deutschland ganz sicher Graft aus Berlin. Mit ihren weltweit realisierten Projekten und der expressiven Formensprache sorgen sie nicht nur für Aufsehen in der Fachwelt, sondern begeistern auch Architekturlaien. Jetzt haben sie für FSB eine Türdrücker-Kollektion entworfen. FSB sprach mit Wolfram Putz, einem der drei Gründungspartner, über die aktuelle Berliner Architekturdebatte, die Zusammenarbeit mit Jan Kleihues und das Lächeln der Mona Lisa.

Ihr habt am Anfang eurer Karriere viele Projekte in den USA realisiert – mittlerweile scheint sich euer Schwerpunkt mehr nach Deutschland verschoben zu haben. Stimmt der Eindruck? Und wenn ja, warum ist das so?
Der Eindruck stimmt, aber es ändert sich gerade schon wieder. Wir können natürlich durch unser Drei-Standort-Dasein relativ gut den Marktbewegungen folgen. In Amerika ist als Folge der Wirtschaftskrise seit 2009 die gesamte Bauindustrie erlahmt. Und wir mussten dann, auf natürliche Art und Weise, an unserem Standort in Los Angeles schrumpfen und haben unsere Ressourcen stärker auf Deutschland gerichtet, wo der Wohnungsbaumarkt immer mehr wächst. Alles in allem war das ein sehr organischer Prozess. Aber, wie auch andere Architekturbüros, pushen wir zurzeit unseren Akquisemotor in Amerika, denn dort hat durch das Wiedererstarken der Wirtschaft auch das Baugeschehen an Fahrt aufgenommen.

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Die drei Gründungspartner von Graft: Wolfram Putz, Thomas Willemeit und Lars Krückeberg (von links, Foto: Ali Kepenek)

Hat sich die Wahrnehmung eurer Architektur hierzulande in den letzten Jahren geändert?
Wir müssen uns in Deutschland in einem ganz anderen Korsett bewegen als im Rest der Welt. Hier gibt es noch eine Obrigkeitskontrolle in Form der Stadtbaukommissionen, die über die Gestaltung wachen soll. Und die Architekturdebatte ist insgesamt etwas konservativer. Aber weil wir unsere Werke immer bauen wollen und nichts von einem Dasein als verkannter Poet halten, müssen wir uns gerade im Berliner Kontext mit einer ganz anderen Kompromisssuche beschäftigen. Das birgt natürlich so manchen Moment der Frustration – in einer Stadt, die gerade ihr Schloss wiederaufbaut.

Wie seht ihr denn die Architekturdebatte in Berlin?
Es ist eine ziemlich geschlossene – und die funktioniert so auch nur in Deutschland! Mit einer Argumentationskette, die man hier im Baukollegium benutzt, würde man auf einem Podium in Los Angeles nur Lacher produzieren.

Apropos Berliner Architekturdebatte: Wie läuft denn eure Zusammenarbeit mit Jan Kleihues bei dem Eckwerk-Projekt am Spreeufer?
Es ist eine Zwangsehe, die zu einer Liebesheirat geworden ist. Keiner wollte am Anfang zusammenarbeiten, alle haben sich dagegen gesträubt und haben versucht, den anderen doch noch aus dem Projekt rauszukegeln. Doch wir wurden durch eine äußere Kraft, den Bauherren, dazu gezwungen, uns miteinander auseinanderzusetzen. Doch nach einigen Monaten der Zusammenarbeit hat sich eine Symbiose ergeben. Und wir lernen anhand eines echten Projekts, Grenzen des Denkens und der Haltungen zu überwinden. Das macht gute Laune! Das Glück war aber auch, dass auf beiden Seiten nicht nur Neugier, sondern eine Menge Humor vorhanden ist, und alle Lust auf das Andere – also das jeweilige Gegenüber – hatten. Klar gibt es weiterhin Momente, wo beide Parteien über den jeweils anderen Intuitionsimpuls den Kopf schütteln. Aber meistens grinsen wir uns nur an und freuen uns darüber, welch gemeinsames Abenteuer uns das Schicksal beschert hat.

Haben eure wechselnden Lebensmittelpunkte Einfluss auf eure Architektur?
Das wäre zwar schön, aber ich glaube nicht. Wir sind sowieso viel zu viel im Flugzeug und auf der ganzen Welt unterwegs. Und unsere Mitarbeiterschaft ist auch von viel zu heterogener Natur: Von den 100 in Berlin arbeitenden Angestellten leben vielleicht 15 bereits etwas länger hier, der Rest ist vor allem wegen dem attraktiven Freizeitangebot in die Stadt gekommen (lacht).

Welche Rolle spielt aus eurer Sicht gute Architektur für die Gesellschaft?
Ein qualitätsvolles, ästhetisches Erlebnis spielt in unserem Koordinatensystem eine wichtige Rolle – und ist Teil einer Nachhaltigkeitsdebatte. Deswegen engagieren wir uns ja auch so stark in ärmeren Ländern, weil wir finden, dass gerade dort Qualität wichtig ist. Wir glauben, dass gute Architektur schwer definierbar – im Sinne eines Lösungsansatzes – ist. Gute Architektur bedeutet für uns eine lebendige und pluralistische Debatte durch das Bauen, nicht nur durch das Reden, innerhalb einer Stadt. Eine Stadt kann wesentlich mehr Haltungen aushalten und nebeneinander abbilden, als dass in den letzten Jahren in der Berliner Debatte möglich schien. Wir würden uns, als mittlerweile älteres und etabliertes Büro, sehr wünschen, jüngere Architekten und ihre Werke in der Stadt sehen zu können.

Welche Gefühle soll eure Architektur bei ihren Nutzern hervorrufen?
Wir haben da nicht so ein Glaubensbekenntnis, interessieren uns aber für dynamisierte und expressive Architekturen. Das entspricht auch mehr dem Wahrnehmungskontext der jüngeren Generation. Außerdem sind wir große Fans des Begriffs „Ambivalenz“: Wir sind sehr an komplexen, widersprüchlichen und nicht ganz vollendeten Zuständen interessiert. Also dem, was Michelangelo als Non-finito beschrieben hat. Was macht das Lächeln der Mona Lisa so dauerhaft interessant? Es ist das nicht Erklärbare!

FSB 1246 Graft Fenstergriff

Der Fenstergriff aus der Produktfamilie FSB 1246 von Graft Architekten

FSB 1246 Graft Türdrücker

Der Türdrücker FSB 1246 als Glastürbeschlag

Wie kam es denn zu eurer Zusammenarbeit mit FSB?
Dadurch, dass wir seit einigen Jahren stark im Wohnungsbau aktiv sind, kamen wir irgendwann auf die Idee, die Geschichte der Identität einer Wohnung weitererzählen zu wollen – und das nicht nur durch die Fassade und den Grundriss, sondern auch durch die Ausstattung. Wir haben dann ein paar Produktdesigner eingestellt und relativ viel entworfen: Waschbecken, Armaturen, Lichtschalter und eben auch Türklinken. Am Anfang dachten wir noch, wir könnten die Produkte in Eigenregie produzieren lassen – aber das war wieder so eine naive Graft-Idee, die Welt neu erfinden zu wollen. Also sind wir mit den Entwürfen zu den jeweiligen Marktführern, also auch FSB, gegangen. Weil FSB Wert auf die Architekten-Autorenschaft legt, wussten wir, dass wir an der richtigen Stelle sind. Sie haben sich alles angeschaut, ihre Erfahrung eingebracht und alles, was dann folgte, war sehr unkompliziert. Wir hatten durch unsere Projekte aber auch genügend Menge, die wir in Aussicht stellen konnten. Das hat die Sache etwas vereinfacht (lacht).

Was unterscheidet denn euren Türdrücker FSB 1246 von anderen Klinken?
Wir wollten keine Graft-Klinke machen, die am Ende keiner haben will, weil sie funktional nichts taugt. Wir waren eher durch den Bauhaus-Gedanken getrieben, etwas Zeitgenössisches zu produzieren, das ein Klassiker werden kann, ohne dabei Schnittstellenbrüche mit anderen Entwurfshaltungen zu erzeugen. Dabei ging es neben dem Thema Ergonomie auch darum, unsere Methodik-Schritte, die wir beim Entwerfen von Häusern nutzen, auf den Türdrücker zu übertragen. Man sieht der Klinke an, dass sie aus der geometriesierten Ergonomie kommt: Der Drücker bildet Kanten auf der Kurve und Grate auf den Flächen aus.

Für welches Haus ist der Türdrücker geeignet?
Das war das schwierige: Die Klinke so zu reduzieren, dass sie möglichst vielen Menschen gefällt und nicht nur in einem Graft-Haus, sondern auch in einem Gebäude von Jan Kleihues funktioniert. Wir wollten ein durch und durch demokratisches Produkt entwerfen!