Zeitschrift ARCH+ feiert 50. Geburtstag | Architektur Städtebau

Die Zeitschrift ARCH+ feiert 50. Geburtstag

Haltung statt Weißraum

12. Juli 2017 | Text: Gregor Harbusch
Geschätzte Lesezeit: 3 Minuten, 55 Sekunden

Die Zeitschrift ARCH+ feiert dieses Wochenende 50. Geburtstag – mit gleich drei Ausgaben ihrer Veranstaltungsreihe „features“ und dem neuen Heft „Am Ende: Architektur. 50 Jahre diskursive Praxis“ (ARCH+ 229). Herzlichen Glückwunsch! Bereits seit einigen Jahren unterstützt FSB die Arbeit der Zeitschrift, unter anderem bei der Produktion besonderer Ausgaben wie den Heften zu Julius Posener, Oswald Mathias Ungers, Bruno Taut oder Klaus Heinrich.

Leicht hat sie es ihren Lesern noch nie gemacht. Auch nach 50 Jahren ist ARCH+ nicht bloß eine weitere „Zeitschrift für Architektur und Städtebau“ – wie es ganz unprätentiös im Untertitel heißt –, sondern ein echtes Schwergewicht im deutschsprachigen Diskursraum. Auf über 200 Seiten sind die vierteljährlich erscheinenden Themenhefte in den letzten Jahren angewachsen. Und diese 200 Seiten sind reichlich gefüllt. Viel Weißraum gönnen sich Gestalter und Redaktion selten. Stattdessen geht es immer darum, Themen nicht nur zu setzen, sondern sie umfassend zu diskutieren. Das versuchen andere auch, aber keiner geht diesen Weg so konsequent wie ARCH+ und keiner überrascht mit einer ähnlichen Themenmischung. Manches Heftthema – vor allem wenn es aus einer Projektkooperation entstanden ist – liegt auf der Hand, manches bringt aktuelle Phänomene mit intellektueller Schärfe auf den Punkt und manches zielt mit lässiger Selbstverständlichkeit am architektonischen Tagesgeschehen völlig vorbei. Gerade an solchen Heften – wenn der Abonnent etwa eine Vorlesungsreihe zu Schinkel und Speer im Briefkasten liegen hat – wird deutlich, dass die Redaktion fest an den neugierigen Leser glaubt, der sich auf Unbekanntes einlässt. Man ist eben nicht nur nah dran an der progressiven Szene – die mit der Veranstaltungsreihe ARCH+ features seit 2010 ein eigenes Format erhalten hat –, sondern nimmt sich die Freiheit, auch in ganz andere Richtungen zu blicken.

Zeitschrift Arch+ erste Ausgabe 1968 cover titel magazine architektur

Die allererste Ausgabe der Zeitschrift ARCH+ aus dem Jahr 1968 mit dem Untertitel „Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung“

Zeitschrift Arch+ Heft 219 Klaus Heinrich Dahlemer Vorlesungen Schinkel Speer

Eine besondere Ausgabe aus dem Jahr 2015: die Nummer 219 mit den Dahlemer Vorlesungen von Klaus Heinrich, Titel: „Schinkel/Speer. Eine architektonische Auseinandersetzung mit dem NS“.

Einen solche Haltung muss man sich natürlich leisten können. Und in der Tat war die ökonomische Basis der Zeitschrift über die Jahrzehnte immer wieder prekär. Die inhaltliche Relevanz der Zeitschrift ist nur die eine Seite. Die andere ist eine Menge Idealismus bis hin zur Selbstausbeutung. Man kann es nicht oft genug betonen: ARCH+ ist die letzte große, unabhängige Architekturzeitschrift Deutschlands, die im eigenen Verlag erscheint und nicht zu einer Verlagsgruppe gehört. Es ist mehr als bemerkenswert, dass es die Redaktion in den letzten Jahren und trotz des Informationsüberflusses aus dem Netz geschafft hat, das Medium Architekturzeitschrift neu zu denken und sich erfolgreich auf dem Markt zu behaupten. Heute versteht sich ARCH+ als eine „Diskursplattform in der Verschränkung von Zeitschrift und unterschiedlichen Medien“. Projektkooperationen, Ausstellungen, Veranstaltungsreihen und Symposien kreisen wie Satelliten um die eigentlichen Hefte, die nicht zuletzt auf Grund ihres Materialreichtums mehr und mehr das klassische Format einer Zeitschrift hinter sich lassen.

Angefangen hat alles im Umkreis der Studentenbewegung 1967/68 an der Architektur-Abteilung der Universität Stuttgart, wo politisierte Studenten eine völlig neue Fachzeitschrift mit akademischem Anspruch schaffen wollten. Nicht um Projekte sollte es gehen, nicht um Bilder oder Konstruktionsdetails, sondern um die Verwissenschaftlichung des Entwerfens. Als „Studienhefte für architekturbezogene Umweltforschung und -planung“ firmierten diese ersten, knochentrockenen Hefte. Schon nach wenigen Jahren wandelte sich das Blatt. Innerhalb der Redaktion kam es zu einem Bruch, und bald zeigte der neue Untertitel „Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen“ an, dass man sich irgendwo zwischen Theorieproduktion und praktischer Stadtteilarbeit sah. Nun ging es um Kreuzberger Instandbesetzungen, um alternative Wohnformen, Aneignung, Planung von unten, die Misere des Sozialwohnungsbaus oder die Potenziale des gelebten Stadt- und Straßenraums.

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In den Siebzigern wandelte sich das Blatt. Der neue Untertitel „Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen“ an, dass man sich irgendwo zwischen Theorieproduktion und praktischer Stadtteilarbeit sah. Nun ging es um Kreuzberger Instandbesetzungen, um alternative Wohnformen, Aneignung, Planung von unten, die Misere des Sozialwohnungsbaus oder die Potenziale des gelebten Stadt- und Straßenraums. Hier Heft 42 aus dem Jahr 1978

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ARCH+ versteht sich als ein kontinuierliches Projekt der Moderne, in dem Probleme, Themen und Debatten der Disziplin Architektur immer wieder neu aufgegriffen und weitergedacht werden. So bekommt etwa ein etwas skurriles Lehmbau-Heft aus den 80ern angesichts der heutigen Suche nach natürlichen und nachhaltigen Baumaterialien neue Relevanz.

Sukzessive erschloss sich die Zeitschrift neue Themen. Der Horizont weitete sich, man verstand sich zunehmend als kritische Fachzeitschrift und führte 1986 den noch heute gültigen Untertitel ein. Vor allem besann man sich im Laufe der 1980er Jahre auf die Traditionen der emanzipatorischen Moderne der Zwischenkriegszeit. Nikolaus Kuhnert und Sabine Kraft (die im letzten Jahr verstarb) wurden damals zu den ersten fest angestellten Redakteuren, die die Zeitschrift bis in die Gegenwart entscheidend prägten. Später arbeiteten unter anderem Angelika Schnell und Philipp Oswalt mit. Seit vielen Jahren darf Anh-Linh Ngo als zentraler Kopf in der Redaktion gelten. Der Bezug zur Moderne blieb und ist bis heute ein entscheidender historischer Referenzrahmen der Zeitschrift. Geradezu didaktisch erscheinen manche Zeitachsen und diagrammatische Übersichtsdarstellungen in den aktuellen Heften, in denen immer wieder die Protagonisten einer gesellschaftlich engagierten Moderne in Deutschland – etwa Hannes Meyer, Ernst May, Ludwig Hilberseimer, Bruno Taut, Martin Wagner – neu in Zusammenhang gebracht werden, um aktuelle Phänomene in historischen Bezug setzen zu können. Mit dieser Selbstverortung geht auch ein spezifischer Tonfall der Selbstreferentialität einher, mit dem aktuelle Themensetzungen in die eigene Publikationsgeschichte eingebunden werden. Nicht alles ist immer stringent, aber klar wird doch, dass sich ARCH+ im weitesten Sinne als ein kontinuierliches Projekt der Moderne versteht, in dem Probleme, Themen und Debatten der Disziplin Architektur immer wieder neu aufgegriffen und weitergedacht werden. So bekommt etwa ein etwas skurriles Lehmbau-Heft aus den 80ern angesichts der heutigen Suche nach natürlichen und nachhaltigen Baumaterialien neue Relevanz.

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Seit 2017 organisiert die Redaktion die Reihe „ARCH+ features“. Hier die Nummer 57 mit dem Titel „Learning from Frei Otto“ im Januar 2017 in der Berliner Akademie der Künste.

Überforderung gehört dazu bei einem solch anspruchsvollen Ansatz. Wohl dem, der ein Heft je wirklich ganz durchgelesen hat. Allen anderen sei Folgendes empfohlen: Projekte durchschauen, aufmerksam das – immer wichtige – Editorial lesen und sich darin üben, mit sicherer Hand die entscheidenden Texte zu identifizieren. Und auch wenn manches Heft ungelesen im Regal verschwindet – irgendwann kommt sicherlich wieder eine dieser Ausgaben, über die alle sprechen, die man immer und immer wieder zur Hand nimmt und mit der es die Redaktion wirklich verstanden hat, ein Thema zu setzen und die Debatte voranzubringen.

Mit gleich drei „features“-Veranstaltungen feiert ARCH+ ihren Geburtstag:
ARCH+ features 64
AM ENDE: ARCHITEKTUR
mit Anna Heringer, Nikolaus Kuhnert und Dietmar Steiner im Gespräch
mit Christa Kamleithner
Freitag 14. Juli 2017, 17 Uhr
Haus der Kulturen der Welt,  Berlin

ARCH+ features 65
ZWISCHEN RÄUMEN
Vortrag von Mark Wigley über Gordon Matta-Clarks Anarchitecture
Sonntag, 16. Juli 2017, 15 Uhr mit anschließendem ARCH+ Sommerfest ab 16.30 Uhr
ZKR – Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum, Schloss Biesdorf, Berlin

ARCH+ features 66
Urban Lab Medellin | Berlin
Maximilian Becker, Albert Kreisel, Tobias Schrammek mit Philipp Misselwitz, Alejandro Restrepo Montoya, Anh-Linh Ngo
Mittwoch 19. Juli 2017, 19 Uhr BOX Freiraum, Berlin